OreschnikWie gefährlich Putins Rakete wirklich ist

Russland greift die Ukraine mit einer neuen Rakete an: Oreschnik. Putin inszeniert sie als Mega-Waffe – Militärexperte Gustav Gressel sagt aber: "Da ist nichts Besonderes dran." Wie gefährlich ist die Rakete wirklich?

Die Oreschnik ist eine ballistische Hyperschall-Rakete: Samstagnacht (23.05.2026) startete sie aus Russland mit 12.000 Kilometern pro Stunde Richtung Kiew. Der russische Präsident Wladimir Putin preist sie als Mega-Waffe an und die Medien berichten weltweit darüber.

Wird die Oreschnik mehr Zerstörung bringen und mehr Angst und Schrecken in der Ukraine verbreiten? Unsere Korrespondentin Susanne Petersohn sagt: Noch mehr eskalieren kann Russland kaum – solange keine Nuklearwaffen eingesetzt werden.

"Solange Russland nicht anfängt, diese Waffen nuklear zu bestücken, wofür die Oreschnik ja eigentlich da ist, kann Russland eigentlich nicht viel weiter eskalieren."
Susanne Petersohn, ARD-Korrespondentin für die Ukraine

Die Militärparade in Russland war in diesem Jahr kleiner als sonst. Nicht nur die Menschen in der Ukraine sind zermürbt vom über vier Jahre andauernden Krieg. Auch an Russland zehrt er. Der Angriffskrieg wird immer mehr zur Kosten-Nutzen-Rechnung. Zudem hat die russische Bevölkerung eine sensible Antenne für Schwäche, sagt Gustav Gressel, Politikwissenschaftler und Militärexperte.

Den Einsatz der Oreschnik versteht er als eine propagandistische Machtdemonstration.

Oreschnik: "nur" eine Rakete

Normalerweise berichtet Korrespondentin Susanne Petersohn aus dem ARD-Studio in Kiew. Doch dieses wurde durch massive Raketenangriffe, die sich in Wellen vollzogen, zerstört. Das technische Equipment haben die Mitarbeitenden in ein Hotel gebracht, um es vor einem möglichen Einsturz des Bürogebäudes zu sichern.

Vor Ort haben sich Susanne Petersohn und ihre Kolleg*innen ein Bild von der Zerstörung gemacht. Obwohl ihr Arbeitsplatz verwüstet wurde, waren sie auch "auf eine zynische Art froh darüber", dass es in diesem Fall ein Bürogebäude getroffen hat, in dem sich nachts keine Menschen aufhalten, sagt sie.

"Viele Menschen, die wir nach dem Angriff interviewt haben, haben gesagt, dass das für sie die schlimmste Nacht war, die sie je erlebt haben – weil es einfach nicht aufgehört hat."
Susanne Petersohn, ARD-Korrespondentin für die Ukraine

Die Oreschnik wurde nicht gegen Kiew eingesetzt, sondern in der Region um Kiew. Die massiven Angriffe in der Nacht vom Samstag zum Sonntag – mit circa 90 verschiedenen Raketentypen und hunderten Drohnen – haben schließlich auch unsere Korrespondentin veranlasst, in einer nahegelegenen U-Bahn-Station Schutz zu suchen.

Massive Angriffe in Wellen

Sie hatte sich zuvor entschieden, die Nacht zuhause zu verbringen, verfügt dort aber nicht über einen Keller. Zwischen den Angriffswellen haben viele Menschen, so auch Susanne Petersohn selbst, die kurze Zeit genutzt, um mit einer Isomatte unter dem Arm zu einer unterirdischen U-Bahn-Station zu rennen.

Durch das zermürbende Kriegsgeschehen habe sich ein gewisser Zynismus unter der Bevölkerung breitgemacht, so Petersohn. Eine Kollegin habe sie gefragt: "Was will Russland uns denn noch antun?"

"Alle reden über diese Rakete, weil sie durch die russische Propaganda gehypt wird."
Gustav Gressel, Politikwissenschaftler und Militärexperte

Der russische Präsident Putin sagt über die Oreschnik, sie sei
einzigartig und niemand habe so eine Rakete. Dem widerspricht der
Militärexperte Gustav Gressel. Die Oreschnik sei eine nicht nuklear
bestückte Version der Rubesch-Rakete (RS-26), eine
Interkontinentalrakete, die 2011 zum ersten Mal getestet wurde.

Putins Spiel mit der Angst

Die Rubesch-Rakete, die Gustav Gressel als die nukleare Variante bezeichnet, kann Atomwaffen ins Ziel bringen. Die Wirkung wäre weit verheerende als das, was man zurzeit in der Ukraine beobachte, sagt der Militärexperte. Aber diese Drohszenario das Putin bewusst entstehen lassen will, sei die Angst, mit der die russische Regierung spiele. Davon abgesehen sei nichts Besonderes an der Oreschnik-Rakete dran, so Gressel.

Zurzeit gebe es keine großen Fortschritte an der Fornt, der Landkrieg entwickle sich ziemlich schleppend, die Verluste auf russischer Seite seien hoch. Putin versucht das, was ihm als Schwäche ausgelegt werden könnte, mit dem Einsatz der Oreschnik auszugleichen. Diese Machtdemonstration bringt hohe Kosten mit sich: Die Oreschnik – eine Waffe, die nicht besonders präzise sei – abzufeuern, koste rund 30 Millionen Euro.

Mit anderen Waffensystemen könnte man den Schaden, den diese Rakete erzeugt, sogar deutlich günstiger erreichen, erklärt der Militärexperte.

"Der militärische Wert von Oreschnik – grade gegen die Ukraine – ist sehr beschränkt."
Gustav Gressel, Politikwissenschaftler und Militärexperte

Beim Einsatz der Oreschnik gehe es also darum, nach innen zu suggerieren, dass man den Krieg noch eskalieren könne – ein psychologisches Moment, um den Durchhaltewillen zu stärken, sagt Gustav Gressel.

Russischer Einsatz von Nuklearsprengköpfen unwahrscheinlich

Die internationalen Konsequenzen wären hart, wenn Russland sich dazu entscheiden würde, nukleare Sprengköpfe auf Raketen zu installieren. Gerade China wolle nicht, dass Russland Nuklearwaffen über der Ukraine einsetzt.

Die Frage sei auch, was das Ziel von Nuklearwaffen sei, so Gressel: Man könne zwar ukrainische Städte in Schutt und Asche legen – aber das habe Russland in der Ukraine auch schon auf konventionellem Wege getan. Das habe den Willen der Ukrainerinnen und Ukrainer nicht gebrochen. Die Frage für Moskau sei daher: "Sind wir dazu bereit, die außenpolitischen Konsequenzen in Kauf zu nehmen für einen begrenzten Nutzen?"

Aus diesem Grund hält der Miltärexperte den Einsatz von Nuklearwaffen zu diesem Zeitpunkt für unwahrscheinlich.