BestleistungWenn Perfektion zur Qual wird

Hohe Ansprüche können uns anspornen, Bestleistungen abzurufen. Doch was, wenn wir uns getrieben fühlen, immer alles perfekt machen zu müssen? Ein möglicher Ausweg: Fehler bewusst stehen lassen. Auch wenn es richtig schwerfällt.

Dinge richtig gut machen zu wollen, Ziele zu haben und sich mit den Besten zu messen, kann dazu führen, dass wir in einem Bereich herausragend und erfolgreich werden. Das kann im Beruf sein, im Care-Bereich oder im Hobby. Tatsächlich kann der Drang, "perfekt" oder sehr, sehr gut in etwas zu werden, sogar wichtig sein, um etwas zu erreichen, sagt Bastian Willenborg, Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie. Spitzensportler*innen seien da etwa ein gutes Beispiel.

Je mehr Dinge perfekt werden sollen, desto höher wird der Druck

Mit anderen Worten: Perfektionismus an sich ist erstmal überhaupt nicht schlimm, so der Psychotherapeut. Allerdings habe er den Hang, sich auszudehnen. Oder besser gesagt: Menschen, die perfektionistisch veranlagt sind, haben den Drang, nicht nur in einem Lebensbereich zu glänzen, sondern immer und überall "perfekt" sein zu wollen.

"Perfektionismus wird problematisch, wenn er sich auf unterschiedliche Lebensbereiche ausdehnt."
Bastian Willenborg, Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie

Bastian Willenborg macht das an einem Beispiel fest:

  • Nehmen wir an, jemand kann richtig gut Brot backen. Er oder sie strengt sich dafür an, probiert Rezepte, Mehlsorten und unterschiedliche Temperaturen aus, um das Brot besonders saftig und knusprig zu machen. Das klappt.
  • Dann probiert die Person aus, eine Torte zu backen. Die soll natürlich dreistöckig werden. Auch das gelingt. Genauso wie die Sahne. Sie ist nicht zu flüssig, nicht zu steif. Kurzum: Sie ist perfekt aufgeschlagen.
  • Doch dann verrutscht am Ende die Kirsche ganz oben auf der Torte und die Person ist zutiefst unzufrieden, vielleicht sogar unglücklich. Sie möchte die Torte am liebsten wegschmeißen oder tut es sogar. Und da hilft es auch nicht, dass andere betonen, wie sehr ihnen die Torte schmeckt.

Ob weiblich oder männlich, jung oder alt – von Perfektionismus sind durch die Bank alle betroffen, sagt Willenborg. Aus seiner Sicht sind die hohen Ansprüche das, was das Leben für Perfektionist*innen so schwer macht und schließlich zu einem hohen Leidensdruck führen kann.

Perfektionismus: Härte gegenüber sich selbst

Bei den Patient*innen, die unter Perfektionismus leiden, beobachtet Willenborg zwei Gruppen. Die einen haben bereits in der Kindheit viel Druck erlebt. "Alles musste sauber und ordentlich sein. Wenn du etwas falsch gemacht hast, haben die Eltern zu Strafe und Sanktionen gegriffen." Damit musste das Kind lernen, umzugehen – zum Beispiel, indem es sich anstrengte, alles richtig zu machen.

Die andere Gruppe, so Willenborg, hat Perfektionismus implizit mitbekommen. Diese Kinder hätten beobachtet, dass es den Eltern immer wichtig war, Dinge akkurat zu machen – und dass sie ansonsten nicht zufrieden waren.

"Der Anspruch, ein fehlerloses Leben zu führen, kann so viel Druck machen, dass Menschen daran zerbrechen."
Bastian Willenborg, Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie

Mit seinen Patient*innen versucht Willenborg, Fehler zu üben. "Dann taucht bei vielen Betroffenen die Sorge auf, nachlässig zu werden." Es gibt für sie nur schwarz-weiß: perfekt oder verpfuscht. Doch darum gehe es nicht.

Die Imperfektion lernen

Es gehe darum, zu lernen, nicht immer und überall perfekt sein zu müssen. Dafür kann es sinnvoll sein, sich einen Bereich auszuwählen, in dem wir besonders gut sein wollen, sagt der Psychiater. Wirklich befreiend fühle es sich an, wenn wir verinnerlichen, dass 85 Prozent auch genügen. Denn das tun sie meistens.

Und unsere Liebenswürdigkeit oder unser Wert hängen sowieso nicht davon ab.