Protest, Blackout, GewaltWas passiert im Iran?
Innerhalb weniger Tage sind die Proteste zur Massenbewegung geworden. Das Regime hat reagiert: Das Internet wurde abgeschaltet, Berichte zum Ausmaß der Gewalt gegen Protestierende dringen kaum durch. Klar ist: Der Iran ist im Umbruch.
Es ist schwer geworden, an aktuelle Informationen aus dem Iran zu kommen, weil das Regime das Internet seit Tagen blockiert. Gleichzeitig kursieren Videos davon, wie brutal das Regime gegen Protestierende vorgeht. Vieles davon ist schwer zu verifizieren. Für Menschen wie Zoya, die nicht weiß, wie es Ihrer Familie dort geht, ist das extrem belastend.
Zoya hat in Deutschland Pharmazie studiert und arbeitet in einer Apotheke. Gleichzeitig engagiert sie sich in der Initiative Free Human, um die Stimmen der Menschen im Iran im Ausland hörbar zu machen. Derzeit führe sie eine Art Doppelleben: Während der Arbeitsalltag weitergeht, verfolgen sie und andere in der Diaspora in großer Sorge Nachrichten aus der Heimat. Deren Schrecken ist kaum auszuhalten, erzählt sie.
Iran: "Es sind alle draußen"
Es sei schon ein paar Tage her, dass Zoya von ihrer Familie im Iran gehört hat. Da hieß es, ganz Teheran sei voller Menschen, alle Straßen seien voll mit ihnen, und es gehe ihnen gut.
Doch seitdem herrsche Funkstille.
"Es sind alle draußen. Und wenn es einer nicht schafft, dann sind sie auf den Dächern oder rufen aus den Fenstern Parolen."
Eine Bekannte, die es über Istanbul zurück nach Deutschland geschafft hat, schildert dieselben Bilder wie die Medien, sagt Zoya: Massen auf den Straßen, selbst in wohlhabenden Vierteln. Wer nicht hinausgeht, ruft Parolen von Dächern und Fenstern.
Abschied unter Tränen
Darüber hinaus hätten die Schilderungen wie ein Kriegsbericht gewirkt: Sicherheitskräfte schießen scharf, während die Menschen nichts als ihre Fäuste haben. Trotzdem gehe die Bevölkerung ohne Angst auf die Straße – selbst jene, die sich zuvor nie als politisch oder mutig gesehen hätten, so Zoya.
"Sie haben sich unter Tränen von mir verabschiedet und gesagt: 'Vielleicht sehen wir uns nie wieder.'"
Vor ihrem Abflug nach Istanbul seien ihre Freunde gekommen und hätten sich verabschiedet mit den Worten: "Vielleicht sehen wir uns nie wieder." Zoya ist stolz auf den Mut der iranischen Bevölkerung, sagt sie – und unendlich traurig darüber, dass Menschen ihr Leben für Freiheit und Demokratie riskieren müssen.
Keine Zeit zum Trauern
Die Iranerinnen und Iraner im Ausland seien im Schockzustand. Zoya erinnert an die Worte einer Mutter, deren Kind hingerichtet wurde: Erst nach dem Sturz des Regimes sei Zeit für Trauer. Dieses Gefühl teile die Diaspora.
Klagen oder Verzweifeln sei ein Luxus, den man sich derzeit nicht erlauben könne. Während Menschen im Iran kämpfen und sterben, um den Weg zu Freiheit und Demokratie zu ebnen, sei es die Aufgabe im Ausland, stark zu bleiben und ihre Stimmen hörbar zu machen.
Irans Regime spricht von 2.000 Getöteten
Journalistinnen und Journalisten sind derzeit stark auf Augenzeugenberichte angewiesen, die sich kaum unabhängig überprüfen lassen. Auch unsere Korrespondenten sind nicht im Land. Zwar heißt es, wegen der brutalen Repressionen seien zuletzt weniger Menschen auf den Straßen gewesen – dennoch gelangen vereinzelt Videos über Wege wie Starlink nach außen.
Genaue Zahlen zu Toten und Verhafteten sind kaum zu bekommen. Das Regime spricht von 2.000 Getöteten, Menschenrechtsaktivisten von mehreren Tausend Demonstrierenden. Über zehntausend Menschen sollen verhaftet worden sein.
Solmaz Khorsand ist Journalistin und Buchautorin mit Schwerpunkt Iran. Ihrer Einschätzung nach folgt die Islamische Republik bei Protesten stets demselben Muster: Demonstrationen werden mit extremer Brutalität beantwortet. Ein Internet-Blackout sei dabei ein besonders alarmierendes Zeichen, das Erinnerungen an 2019 wecke. Damals meldete Reuters innerhalb von drei Tagen 1.500 Tote.
Iran – Was kommt jetzt?
US-Präsident Donald Trump kündigte Gespräche mit der iranischen Führung an, verhängte aber zugleich neue Strafzölle gegen Irans Handelspartner. Worüber verhandelt werden könnte, sei nicht ganz klar, sagt Solmaz.
Ein Deal über das Atomprogramm wäre eine Möglichkeit – wobei das Programm nach Meinung einiger Experten nach den US-Angriffen ohnehin tot sei. Für iranische Protestierende wäre das mehr als enttäuschend, da das politische System weitgehend bestehen bliebe.
"Dass die USA einzelne Gruppierungen bewaffnen könnten, das halte ich für das Gefährlichste."
Als Szenario denkbar wäre auch eine US‑Intervention in Form von diplomatischem Druck, Deals oder direkter militärischer Unterstützung für Oppositionsgruppen. Letzteres wäre besonders riskant, denn wenn rivalisierende Gruppen bewaffnet würden, drohe ein Chaos wie in Syrien oder im Irak, fürchtet die Iran-Expertin.
Eine friedliche, von innen kommende Veränderung sei seit Jahrzehnten Wunsch vieler Menschen, erscheint aber utopisch, sagt Solmaz. Ali Chamenei zeige keine Bereitschaft zu Reformen und wolle bis zuletzt an der Macht bleiben. Gerüchte über seine Flucht nach Russland hält sie für absurd. Experten sehen eine Lösung nur, wenn sich Teile des Repressionsapparats vom Regime abwenden – dafür gebe es bisher allerdings keine Anzeichen.
Reza Pahlavi als Projektionsfigur der Proteste
Berichten zufolge rufen Protestierende auch nach Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs im US-Exil, der sich als Oppositionsfigur präsentiert. Er sehe sich als demokratische Übergangsfigur, doch sein Manifest zeigt autoritäre Züge, so Solmaz: Er will das Übergangsparlament selbst bestimmen und alle Führungsorgane absegnen.
Das klingt nicht nach echter Demokratie.
"Die Anhänger um Reza Pahlavi sind in ihrem Verhalten und in ihrem Habitus mit Trump-Anhängern zu vergleichen."
Viele Oppositionsgruppen, vor allem Kurden, lehnen ihn ab, da sie unter seinen Vorfahren extrem unterdrückt wurden, sagt die Iran-Expertin. Seine Anhänger würden sich hingegen ähnlich wie Trump-Anhänger verhalten, kritisieren Gegner scharf und rufen Parolen wie "Make Iran Great Again". Auch Trumps Rolle werde verherrlicht, während des Zwölftagekriegs hätten sie die israelische Regierung offen unterstützt.
Die Opposition ist nicht geeint
Zwar fordern viele Menschen den Sturz des Regimes, doch das heißt nicht, dass eine geeinte Opposition existiert oder klar ist, wer einen Übergang gestalten könnte. Die Rufe nach Reza Pahlavi sind vielschichtig, so Solmaz: Manche nennen ihn aus Überzeugung, andere aus pragmatischen Gründen, um sich den Protesten anzuschließen, ohne seine Ideen wirklich zu teilen.
Realistisch betrachtet droht aktuell zunächst eine weitere brutale Repression: Protestierende werden erschossen, überwacht und inhaftiert, so Solmaz. Dennoch gebe sie die Hoffnung auf den Sturz der Islamischen Republik und einen geordneten Übergang nicht auf. Wahrscheinlich sei aber, dass ausländische Mächte zunächst Deals mit moderaten Regimeanhängern oder Teilen der Revolutionsgarden schließen, statt einen echten demokratischen Umbruch zu ermöglichen.