PsychologieStress macht aggressiv und großzügig
Stress macht uns oft unfreundlich und aggressiv, doch er kann zugleich auch dazu führen, dass wir großzügig und hilfsbereit werden. Diese beiden Reaktionen widersprechen sich nur scheinbar. Ein Vortrag des Psychologen Tobias Kalenscher.
Wenn wir unter Druck stehen, verändern wir uns. Eine wichtige Prüfung, die ansteht, unerledigte Aufgaben bei der Arbeit, das Vorstellungsgespräch am nächsten Tag – das alles löst Stress bei uns aus. Unser Körper schüttet dann Hormone und Botenstoffe aus, die unser Empfinden und Verhalten verändern.
"Die Hypothese war: Wenn wir gestresst sind, dann werden wir egoistischer, weniger großzügig und wir kümmern uns um uns selber, aber nicht um andere Leute."
Stress löst eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion in uns aus. Das haben verschiedene Studien über viele Jahre hinweg immer wieder gezeigt. Stress macht uns aggressiv und egoistisch. Wir versuchen, der Situation zu entkommen, indem wir zuerst an uns denken und uns selbst retten.
"Nach akutem Stress sind die Versuchspersonen großzügiger gegenüber sozial-emotional nahestehenden Leuten, also gegenüber Freunden und ihrer Familie, aber nicht gegenüber sozial-emotional entfernten Leuten, also zum Beispiel entfernten Nachbarn oder fremden Menschen."
Ja, das stimmt, sagt Tobias Kalenscher. Aber es ist nur die Hälfte der Geschichte. Tobias Kalenscher ist Professor für Vergleichende Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Auch wenn das zunächst paradox klingt: Stress kann uns auch freundlicher, zugewandter und großzügiger machen.
Stress macht uns aggressiv und großzügig zugleich
Mit seinem Team hat er untersucht, in welchen Situationen Menschen unter Stress freundlicher werden und wann sie aggressiver werden. Welche Hormone und Botenstoffe spielen dabei eine Rolle? Stress, haben Kalenscher und sein Team herausgefunden, macht uns zugleich freundlicher und aggressiver. Wir werden Personen gegenüber, die uns nahestehen, großzügiger. Zugleich bekämpfen wir die, die wir als Gegner wahrnehmen, verstärkt.
"Unter Stress konzentriert man sich auf die eigene Gruppe und distanziert sich vom Gegner oder schlägt auf ihn ein. Diese Polarisierung ist im Prinzip das Spielbuch populistischer Autokraten."
Was zunächst widersprüchlich zu sein scheint, lässt sich erklären. Denn Menschen, die uns nahestehen, können uns Schutz bieten in bedrohlichen Situationen. Wir schließen uns enger zusammen mit denen, denen wir vertrauen, und schirmen uns ab gegen die, die wir als Bedrohung wahrnehmen. Diese Polarisierung, so Kalenscher, sei das Spielbuch populistischer Autokraten, die den Leuten Angst machen.
Tobias Kalenscher ist Professor für "Vergleichende Psychologie" an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sein Vortrag hat den Titel "Paradox gestresst - Wie unser Gehirn entscheidet, wem wir helfen". Er hat ihn am 4. Dezember 2025 in Düsseldorf gehalten im Rahmen der Vortragsreihe "Forschung im Fokus" des Bügeruniversitäts-Programms der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.