Rabbit HolesWarum machen uns Deep Dives glücklich?

Warum versinken wir stundenlang in "Rabbit Holes"? Jana liebt diese Deep Dives im Netz, weil sie dabei faszinierende Dinge lernt. Psychiater Henrik Walter betont: Neben reinem Spaß treibt uns im Gehirn die Suche nach tieferem Sinn und Belohnung an.

Kennt ihr das? Wenn man sich so dermaßen tief in ein Thema reinkniet, dass man die Zeit um sich herum vergisst, vom eigentlichen Startpunkt abkommt und aufgrund der Infomassen, die einen überfordern, die Kontrolle verliert? Wenn ja, dann wart ihr (im Netz, in Büchern oder in euren eigenen Gedanken) schonmal in einem Rabbit Hole – also in einem "Kaninchenbau", aus dem ihr nicht mehr herauskommt. Wir verbringen dann Stunden, möglicherweise Tage damit, ein bestimmtes Faszinosum zu ergründen.

Tiiiiiief im Kaninchenbau

Beispiel gefällig? Weshalb haben die beiden Seiten eines Tischtennisschlägers eigentlich unterschiedliche Farben? Ein Rabbit Hole, in dem unsere Moderatorin Caro Nieder kürzlich gelandet ist. Was ihr dieses Wissen bringt? Vermutlich nicht viel, weil sie selten Tischtennis spielt. Aber es ist ein Funfact, mit dem sie vielleicht mal beim Smalltalk punkten oder bei einem TV-Quiz viel Geld gewinnen kann. Dann hätte sich die Zeit, die sie in das Finden dieser Antwort gesteckt hat, zumindest gelohnt.

"Rabbit Holes zeigen einem einfach immer wieder aufs Neue, wie viel es in der Welt gibt und dass das Wissen wirklich unendlich ist. Dass wir megaviel Zugriff auf Wissen haben, finde ich total cool."
Jana, begibt sich gerne in Rabbit Holes, wenn ein Thema sie fasziniert
Jana, postet auf Tiktok über Dinge, die sie herausgefunden hat, wenn sie wieder mal in einem Rabbit Hole gelandet ist

Auch Jana landet regelmäßig in Rabbit Holes und liebt es sehr, in ein Thema einzutauchen und möglichst viel darüber zu erfahren. In ihr letztes Rabbit Hole über Bergsteigen am Mount Everest hat sie eine ganze Woche investiert. Dabei hat sie auch makabre Dinge erfahren – zum Beispiel, dass ein verunglückter Bergsteiger mit grünen Stiefeln, der aufgrund des Geländes nicht geborgen werden konnte, als "Green Boots" bekannt geworden ist und nun anderen Bergsteigern als Orientierung dient.

"Ich würde schon darauf achten, nicht jeden Bullshit zu glauben, den man im Internet liest."
Jana, liebt Rabbit Holes

Der Begriff Rabbit Hole geht übrigens auf den Kinderbuchklassiker "Alice’s Adventures in Wonderland" von Lewis Carroll aus dem Jahr 1865 zurück: Kurz bevor Alice kopfüber in den Hasenbau fällt, sitzt sie an dessen Eingang und ruft dem Hasen, dem sie bis dorthin gefolgt ist, hinterher. Natürlich plumpst sie dann auch in das Rabbit Hole hinein – aber sie übersteht den Sturz und entdeckt eine völlig neue, unbekannte Welt.

Szenenbild aus dem Disney-Film "Alice im Wunderland" mit Mia Wasikowska aus dem Jahr 2010

Das Einzige, was Jana an so einem "Deep Dive" stört, ist, dass sie manchmal zu viel Zeit damit verschwendet. Denn sie schreibt gerade ihre Bachelorarbeit und will sich darauf fokussieren – nur manchmal passiert es ihr, dass sie dann trotzdem viel Zeit, bei der Recherche über ein interessantes Thema verbringt, das nichts mit ihrer Bachelorarbeit zu tun hat.

"Es ist ja nicht alles interessant, was man da findet. Aber immer mal wieder. Und das gibt uns ein besonderes Belohnungsgefühl."
Henrik Walter, Psychiater und Hirnforscher an der Charité Berlin

Rabbit Holes sind – besonders für Informationsjunkies – eine Art Belohnungshäppchen. Das Interesse, sich in ein Thema zu vertiefen, lässt sich auch evolutionär erklären, sagt der Psychiater und Hirnforscher Henrik Walter. Eine interessante Info gibt unserem Gehirn das Signal: "Schau mal genauer hin, hier kannst du etwas lernen, was vielleicht überlebenswichtig ist."

Infos als Belohnungshäppchen

Oft trifft das jetzt vielleicht nicht zu, dass das Wissen, das wir bei Deep Dives ansammeln, tatsächlich wichtig für unser Überleben wird. Jana weiß nun zwar, was ihr alles beim Bergsteigen am Mount Everest zustoßen kann, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich mal auf diesen Berg steigt, ist sehr gering. Dennoch findet sie dieses Wissen faszinierend.

Allerdings: Auch Verschwörungserzählungen können wie ein Rabbit Hole sein. Dessen ist sich Jana auch bewusst und versucht deshalb immer, viele verschiedene Quellen heranzuziehen, wenn sie sich über etwas informiert.

Manchmal können Rabbit Holes helfen, die Realität auszublenden

Pauschal kann man die Frage, wie lange wir uns einem Deep Dive widmen sollen, nicht beantworten, sagt Henrik Walter. Das habe mit verschiedenen Faktoren zu tun. Manchmal – etwa, wenn uns im wahren Leben etwas Schlimmes passiert ist – nutzen wir solche Rabbit Holes auch, um uns bewusst abzuschirmen. Anschließend ärgern wir uns dann möglicherweise aber auch, wenn wir festetellen, dass wir stundenlang Katzenvideos geschaut haben.