Selfcare am LimitWarum struggeln wir trotz Yoga, Meditation und Journaling?
Als es Vanessa nicht gut geht, versucht sie es mit Selfcare: Das Wohlfühl-Programm wird schnell zur anstrengenden Pflicht – und ihre Probleme löst es auch nicht. Den Fokus von innen nach außen zu richten, rät der Soziologe Hartmut Rosa.
Wenn es uns nicht gut geht, einfach Selfcare betreiben, darauf können sich viele von uns einigen. Das ist auch das, was die ganzen Mental-Health und Fitness-Accounts auf Social Media predigen. Selfcare ist aber zu so einem Buzzword geworden, dass es alles und nichts heißen kann und das auch jeder es anders mit Bedeutung füllen kann.
An einem Punkt in ihrem Leben ist Vanessa unzufrieden – vor allem unzufrieden mit ihrem Studium. Sie denkt darüber nach, mit welchen Veränderungen in ihrem Leben sie dieser Unzufriedenheit entgegenwirken kann. Nach einer Prüfung gönnt sie sich etwas Schönes. Sie macht Sport, hält sich an Routinen, kauft Dinge, die ihr ein Wohlgefühl bereiten sollen.
"An dem Tag, an dem meine Prüfung durch ist, werde ich mir so was richtig Schönes gönnen und dann wird schon alles wieder gut werden. Ich lege mich in diese Wanne und die wird alle Sorgen aus mir raussaugen."
Schnell wird es exzessiv: Der Sport wird zur Pflicht, von der sie nicht abweichen darf. Die Selbstfürsorge zur Selbstkontrolle. Vanessa will sich optimieren und macht sich dadurch größeren Druck. All das bringt sie nicht ans Ziel.
Innere Arbeit als neue Strategie
Sich immer mehr aufzubürden, um aktiv gegen ihre Unzufriedenheit anzuarbeiten, hilft nicht, das merkt Vanessa. Sie passt ihre Strategie an. Sie achtet darauf, wie sie im inneren Dialog mit sich spricht, dass sie achtsam mit sich selbst umgeht. Sie versucht ihre Zufriedenheit aus Begegnungen mit anderen Menschen zu ziehen, als ein Pflichtprogramm abzuarbeiten. Vanessa hat nun ein neues Ziel: Sie möchte resilienter werden, damit sie auch mehr für andere da sein kann.
"Das Gegenteil von Burn-out erfahren wir – ich nenne das Resonanz –, wenn der Fokus nicht auf dem Selbst liegt, sondern auf dem da draußen: wenn jemand sagt: 'Ich bin echt müde, aber ich will unbedingt Fußball spielen.'"
Lena Wittneben ist systemische Coachin und Autorin. Sie sagt, in erster Linie sollten wir uns fragen: Was macht mich aus, worin möchte ich mich meine Energie investieren und was tut mir gut? Wir sollten uns frei machen, vom Blick auf Social Media, wo verschiedenste Retreats und Tools für Selfcare angepriesen werden. Denn davon profitieren eher andere, als wir selbst.
Selfcare = Verantwortung für sich selbst übernehmen
Selfcare versteht sie vor allem als Selbstführung und als Strategie, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und zu tragen. Der blickt nach außen und der Vergleich mit anderen ist dabei eher kontraproduktiv, sagt Lena Wittneben.
"Ich wusste selber nicht so richtig, wohin mit mir. Mit Selfcare wollte ich so eine Art Kontrolle zurückzubekommen. In Wahrheit war meine Selfcare Selbstkontrolle."
Der Soziologe Hartmut Rosa hat den Begriff Resonanz geprägt. Er denkt, dass das Bild vom leeren Akku nicht das passende ist. Nicht nur durch das Nichtstun oder ein Wohlfühlprogramm sorgen wir am besten für uns selbst, sondern indem wir eine Resonanz mit der Außenwelt entstehen lassen.
Selbst, wenn wir erschöpft sind, ist es vielleicht nicht das Herumliegen auf dem Sofa, das uns zufriedener macht, sondern der Wunsch, etwas zu tun, was uns fasziniert. Unbedingt an einem Fußballspiel teilzunehmen, Musik zu machen oder ein Buch zu lesen, das wir nicht mehr aus der Hand legen können. Hartmut Rosa ist überzeugt davon, dass das mehr Energie bringen kann, als sich die ganze Zeit auf sich selbst zu fokussieren.