StudieKinder sind kreativer als Erwachsene? Stimmt nicht

Viele Erwachsene denken, dass Kinder einfach kreativer sind. Eine neue Studie der Uni Graz zeigt jedoch, dass das nicht so ist. Woher kommt dieser Irrglaube?

Tobi Blum aus der Deutschlandfunk-Nova-Wissens-Redaktion hat sich die Studie angeschaut und weiß, woher die Annahme stammt, dass Kinder kreativer sind: "Kinder sind von sich aus motivierter. Die haben viel mehr Spaß am Kreativsein. Deshalb malen sie gerne, denken sich neue Spiele aus und machen das auch täglich."

Erwachsene hingegen widmen sich viel seltener kreativen Aktivitäten. Nur einmal pro Woche gaben die Testpersonen an, die bei der Studie der Uni Graz mitgemacht haben.

"Diese neuen Studienergebnisse zeigen: Wir Erwachsenen sind tatsächlich insgesamt kreativer. Also unsere Einfälle sind origineller."
Tobi Blum, Deutschlandfunk Nova

Um die Kreativität zu messen, bekamen die Teilnehmenden verschiedene Aufgaben. Sie sollten sich zum Beispiel ein Fantasiewesen ausdenken. Der Studienleiter Mathias Benedek sagt: "Bei den Kindern haben wir dann doch sehr viele Einhörner und sowas gesehen. Also durchaus bekannte Fantasietiere. Und bei den Erwachsenen war das zum Teil deutlich origineller." Die Erwachsenen malten Figuren, die sich nicht an bekannte Vorlagen anlehnten und weder an Menschen noch an Tiere erinnerten.

Allerdings scheint es bei Erwachsenen wichtig zu sein, dass sie ein bestimmtes Ziel haben, an dem sie sich orientieren können. Als die Teilnehmenden einfach nur ein weißes Blatt und Stifte vorgesetzt bekamen, erwiesen sich die Erwachsenen etwas weniger kreativ.

"Wenn es kein Ziel gab, sondern nur ein weißes Blatt und ein paar Buntstifte, dann waren die Erwachsenen nicht mehr ganz so kreativ."
Tobi Blum, Deutschlandfunk Nova

Malen ist nur eine Möglichkeit, um Kreativität messbar zu machen. Eine andere Aufgabe in der Studie war, zu überlegen, was man alles mit einer Konservendose machen könnte – außer Essen darin aufzubewahren. "Das testet dann eher eine lösungsorientierte Art der Kreativität", sagt Tobi Blum.

Kreativität hat viele Facetten

In der Forschung unterscheidet man bei Kreativität übrigens verschiedene Facetten: Zum Beispiel ob man im Alltag Lösungen findet oder ob man wirklich eine weltbewegende Idee hatte. Außerdem kann man eher emotional-kreativ sein, etwa wenn jemand einen neuen Song schreibt. Kognitive Kreativität zeigt sich, wenn man eine neue Maschine entwickelt oder einen Prozess optimiert. So etwas betrifft dann die Arbeit von Ingenieuren oder Handwerkern, die auch kreativ werden müssen, wenn das passende Werkzeug fehlt.

Die neue Studie legt außerdem nahe, dass Erwachsene ihre eigentlich vorhandene Kreativität nicht wirklich ausschöpfen. Eine Erklärung liege darin, dass Erwachsenen meist das Selbstbewusstsein fehlt. "Einige haben sogar Angst vor kreativen Situationen", sagt unser Reporter. Die Forschenden vermuten, dass das mit der Angst vor negativen Bewertungen zusammenhängt – dass die eigene Idee nicht einzigartig genug ist oder das Gemalte nicht schön genug.

"Ich glaube, wir täten tatsächlich gut daran, da ein bisschen kindlicher zu sein und uns weniger darum zu kümmern, was andere von unseren Ideen und generell von uns halten."
Mathias Benedek, Studienleiter

Der Studienleiter Mathias Benedek findet, wir sollten uns in dieser Hinsicht ein Beispiel an Kindern nehmen und uns nicht so viel darum kümmern, was andere von uns halten. Denn beim kreativen Prozess geht es am Ende auch um den Moment. Um dieses Abtauchen, wenn man sich ein Fabelwesen ausdenkt oder eine Tasse bemalt. Und weniger um das Ergebnis.