Teurer EscapeWas bringen uns Retreats wirklich?

Mal so richtig runterkommen: Das versprechen Retreats. Bei Ilaafs Auszeit auf Mallorca hat das auch geklappt. Warum ein Soziologe das Phänomen Retreat trotzdem kritisch betrachtet und wie wir auch zu Hause vom Alltag abschalten können.

Ilaaf war eine Woche auf einem Pilates-Retreat in einem Kloster auf Mallorca. Darauf aufmerksam geworden ist sie durch Werbung auf Tiktok. Vorher hatte sie mit Retreats eigentlich eher wenig zu tun. "Ich habe öfter Gruppenreisen gemacht, zwei- oder dreitägige Campingausflüge in einer Gruppe. Aber in dieser Form habe ich eigentlich noch nie an einem Retreat teilgenommen. Und ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe."

Durchgeplante Tage beim Retreat

Bei Retreats geht es sehr strukturiert zu. Die Teilnehmenden bekommen häufig einen vorgegebenen Tagesplan. Bei Ilaafs Retreat gab es einen groben Rahmen, erzählt sie, und den hat sie nicht als zu durchgetaktet empfunden. "Aufstehen, Frühstück und dann haben wir erst mal Pilates gemacht. Wir hatten eigentlich auch relativ viel Freizeit und zwischendurch Ausflüge gemacht. Für mich war das ganz gut, weil ich im Urlaub immer denke: 'Was mache ich jetzt als Nächstes?'"

Außerdem findet Ilaaf, dass sie im Alltag schon so viele Entscheidungen treffen muss – da kam ihr der vorgegebene Ablauf im Retreat sehr gelegen.

"Es war für mich richtig entspannend, dass mir einfach mal jemand den ganzen Tag gesagt hat, was ich jetzt tun soll."
Ilaaf, war zum ersten Mal bei einem Pilates-Retreat auf Mallorca

Retreats zielen darauf ab, dass man sich einmal komplett auf sich selbst fokussiert. Dazu gehören oft auch bestimmte Achtsamkeitsübungen wie das Journaling – eine Methode, um persönliche Gedanken aufzuschreiben. Aber klappt so etwas auf Knopfdruck, nur weil es gerade auf dem Tagesplan steht?

Bei Ilaaf hat es tatsächlich funktioniert. Wie sie sagt, auch, weil sie eine sehr gute Gruppenleiterin hatte. "Sie hat diese Gruppe richtig gut geleitet und es geschafft, diesen Raum zu schaffen. Wir haben die Pilates-Session gemacht und dann eine Atemübung. Danach war man auch richtig in diesem Mindset, in dem man dieses Journaling wirklich machen konnte."

Wichtig: Sich zurückziehen können

Ilaaf ist generell gerne in Gruppen unterwegs. Auch deshalb hat ihr das Retreat gut gefallen. Wichtig ist für sie aber, dass sie sich zwischendurch auch mal zurückziehen kann – und das war in dem Kloster der Fall.

"Das Kloster war so riesig, man konnte sich immer zurückziehen. Man musste nicht alles mitmachen, wenn man nicht wollte. Dann hat einen keiner gezwungen."
Ilaaf, war zum ersten Mal bei einem Pilates-Retreat auf Mallorca

Urlaube mit Freundinnen und Freunden empfindet Ilaaf da schon als herausfordernder. "Man möchte ja auch Zeit mit ihnen verbringen. Aber wenn man die ganze Zeit aufeinander hockt, ist es manchmal ein bisschen anstrengend, dann aktiv zu sagen: 'Ich brauche ein bisschen Ruhezeit für mich.'" Beim Retreat konnte sie stets selbst entscheiden, wann sie Teil der Gruppe sein wollte und wann nicht.

Früher Kur, heute Retreat?

Retreats liegen im Trend. Wer daran teilnimmt, fährt an einen besonderen Ort und tut etwas für die eigene Gesundheit. Aber Moment mal: Gab es so etwas nicht auch früher, nur unter einem anderen Namen – und zwar als Kur?

Krankenkassen leisten sich Kuren kaum noch

Der Soziologe Simon Schaupp betrachtet das Phänomen "Retreat" tatsächlich kritisch. Er sagt, dass damit Gesundheitsvorsorge privatisiert wird. Heißt: Die Kur, die früher von der Krankenkasse bezahlt wurde, gibt es heute kaum noch. Heutzutage müssen wir eine solche Auszeit selbst bezahlen. Aus Sicht des Soziologen haben damit nur noch wohlhabende Menschen Zugang dazu. Zahlen belegen den deutlichen Rückgang der Kuren.

"Es gibt quasi nicht mehr dieses System der Kur."
Simon Schaupp, Soziologe

"Mitte der 90er-Jahre hatten wir noch ungefähr 900.000 ambulante Vorsorgeleistungen", sagt Simon Schaupp. "Und das ist um fast 95 Prozent eingebrochen. Wir haben heute noch ungefähr 42.000 solcher ambulanten Vorsorgeleistungen pro Jahr. Also kann man sagen: Das wurde quasi komplett abgeschafft."

Das System Kur war allerdings auch nicht immer so positiv, wie es oft dargestellt wurde. Gerade im Kinder- und Jugendbereich kam es zu einigen Missbrauchsfällen - im Osten wie im Westen. Aber es war lange Zeit Teil des deutschen Gesundheitssystems und hat vielen Menschen geholfen, sich zu erholen.

Retreats richten sich häufig an Frauen

Simon Schaupp sagt auch, dass die Erschöpfung in der Arbeitswelt insgesamt gerade sehr zunimmt. In Umfragen gibt rund die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland an, dass sie so erschöpft von der Arbeit sind, dass sie keine Energie mehr für Freunde und Familie haben. Und das kann schwere gesundheitliche Folgen haben. Dazu gehören Burnout oder andere Erkrankungen.

Von dauerhafter Überlastung sind Frauen häufig öfter betroffen als Männer, weil sie zusätzlich zur Lohnarbeit mehr Sorgearbeit leisten. Kein Zufall also, dass auf den meisten Retreats mehr Frauen als Männer sind. Frauen seien ganz klar die Zielgruppe, erklärt Simon Schaupp.

"Interessanterweise richtet sich der Retreat-Markt, insbesondere die Wellness-Retreats, explizit an berufstätige Frauen. Das ist die Zielgruppe."
Simon Schaupp, Soziologe

"Wir haben es hier mit einer vergeschlechtlichten Entwicklung zu tun", sagt Simon Schaupp. Insgesamt fallen die Kuren weg und werden durch Retreats ersetzt – vor allem für Frauen, erklärt er. "Was eben etwas anderes ist als Urlaub, weil es um zielgerichtete Verbesserungen, insbesondere um Refokussierung, geht", so der Soziologe weiter.

"Und da kommt die Erschöpfung zusammen mit einer verstärkten Neigung zur Selbstoptimierung, die bei Frauen stärker ist als bei Männern, insbesondere was Schönheitsideale betrifft."

Wochenende-Retreats boomen besonders

Dabei wollen immer mehr Menschen offensichtlich gerne nur für ein paar Tage an einem Retreat teilnehmen – und gerne auch nicht weit dafür fahren. "Was wirklich am stärksten boomt, sind die sogenannten Wochenend-Retreats, für die also der Arbeitsrhythmus gar nicht unterbrochen werden muss. Das hängt auch zusammen mit einer interessanten Entwicklung hin zu näheren Destinationen."

"Der Trend geht weg vom Yoga-Retreat auf Bali hin zum nahegelegenen Retreat im Schwarzwald, im Allgäu oder Ähnlichem."
Simon Schaupp, Soziologe

Das habe einerseits mit einem verstärkten ökologischen Bewusstsein zu tun, andererseits aber auch mit der stärkeren Integration dieser Vorsorgeaktivitäten in den ganz normalen Arbeitsalltag, so der Soziologe. "Man bekommt dann gar nicht mehr Urlaub dafür, sondern es ist quasi in den Alltag integriert, und man steht dann am Montag wieder auf der Matte und ist sozusagen komplett einsatzfähig."

Total erholt nach dem Retreat?

Ilaafs Erfahrung mit ihrem Retreat war grundsätzlich positiv. Dennoch war sie danach nicht hundertprozentig erholt. "Als ich da war, war es richtig toll, ich fühlte mich richtig entspannt. Aber als ich dieses Retreat verlassen habe, hatte ich so einen krassen Energieabfall. Ich war so erschöpft und so müde. Ich dachte mir: 'Ich komme gerade von einem Retreat, warum fühle ich mich so ausgelaugt?'"

Retreat schafft Raum für Gedanken

Nach ein, zwei Wochen hatte sich das allerdings gelegt, sagt sie. Ilaaf ist rückblickend aber froh, dass sie während ihres Retreats mal den Raum hatte, an Dingen zu arbeiten, für die man im Alltag keine Zeit hat. "Diese ganzen Entscheidungen, die man treffen muss: Wohin gehe ich jetzt, wie gestalte ich meinen Tag, was esse ich? Also auch diese ganzen simplen Aufgaben." Durch die Routine im Retreat musste sie sich darum nicht kümmern, sondern hatte den Kopf frei für Persönliches.

Und Ilaaf versucht auch, Dinge aus dem Retreat in ihren Alltag zu integrieren. Dazu gehört zum Beispiel der Silent Walk – ein bewusster Spaziergang ohne Gespräche, Musik oder andere Ablenkungen.

"Man merkt einfach wie gut es einem tut, wenn man einfach so die Gedanken mal laufen lässt."
Ilaaf, war zum ersten Mal bei einem Pilates-Retreat auf Mallorca

"Aber auch diese Routine, die wir hatten, die habe ich auf jeden Fall auch mitgenommen, dass ich morgens erst mal aufstehe und versuche – auch wenn es nur zehn Minuten ist, Pilates oder Yoga zu machen."

Positive Effekte eines Retreats – auch zu Hause?

Ilaaf hat ihr Retreat gut getan. Aber wie kommt es eigentlich zu diesen positiven Effekten? Retreats wirken über zwei verschiedene Faktoren, erklärt die psychologische Psychotherapeutin Maren Wiechers. Der eine nennt sich Kontextfaktor.

"Kontextfaktor bedeutet, ein Retreat ermöglicht es mir, die Rollen, in denen ich mich so bewege, die Erwartungen, mit denen ich sonst tagtäglich zugange bin, die Routinen zu verlassen", sagt Maren Wiechers. "Dadurch fällt es mir häufig sehr viel leichter, auch ein anderes Verhalten zu zeigen."

"Mir fällt es an einem anderen Ort oft leichter, gesünder zu essen, mehr Sport zu machen, früher ins Bett zu gehen. Das ist so ein Kontextfaktor."
Maren Wiechers, psychologische Psychotherapeutin

Ein Retreat nimmt uns viel Entscheidungsarbeit oder mentales Gewicht ab, das wir sonst im Alltag haben: Was muss ich essen? Wann soll ich essen? Mache ich heute Sport oder mache ich keinen?

"Wenn wir jetzt sagen würden, ein Retreat hätte nur diesen Kontexteffekt, dann sehen wir, dass der Effekt von einem Retreat nach ungefähr vier Wochen wieder verpuffen würde. So, wie es viele von uns vielleicht nach einem Kurzurlaub kennen", erklärt die Psychotherapeutin.

So halten Retreat-Effekte länger an

Durch den zweiten Wirkfaktor – den Trainingsfaktor – können wir uns die positiven Effekte aber mit nach Hause nehmen. "Im Idealfall bringt mir ein Retreat eine Fähigkeit bei. Das kann Yoga sein, das kann Breathwork sein, das kann Pilates sein, das kann auch kreatives Schreiben oder freies Zeichnen sein, die ich auch über das Retreat hinaus im Alltag anwenden kann. Und das gibt noch mal so einen Boost von diesem Effekt", so Maren Wiechers.

Sie erklärt auch, dass viele von uns die Fähigkeit zur Erholung aktiv trainieren müssen. "Da sind wir doch durch den Kapitalismus, durch das Patriarchat auch unbewusst so geprägt, dass sich Erholung, Nichtstun, Regeneration für viele von uns unangenehm, bedrohlich, nicht gut anfühlt. Und ein Retreat holt diese Menschen da gut ab."

"Viele von uns heutzutage, finden die Ruhe eher, indem sie etwas aktiv tun. Und da dockt das Retreat gut an."
Maren Wiechers, psychologische Psychotherapeutin

Für wen ein Retreat finanziell nicht drin ist, der hat auch ohne Wellnesshotel und Yoga am Strand die Möglichkeit, von Retreat-Effekten zu profitieren, erklärt Maren Wiechers. Wir sollten uns dabei darauf konzentrieren, die beiden Wirkfaktoren – Kontextfaktor und Trainingsfaktor – anzuwenden.

"Beim Kontext können wir uns zum Beispiel erst mal fragen: Wie viel Zeit habe ich? Lass es 24 Stunden sein, lass es 48 Stunden sein. Und welche Rolle, die ich vielleicht sonst habe, möchte ich in der Zeit verlassen? Welche Erwartungen möchte ich nicht erfüllen, was möchte ich sozusagen in dieser Zeit loslassen?" Das kann beispielsweise das Handy sein, das kann Arbeit sein, das kann die Verantwortung für bestimmte andere Menschen sein, so die Psychotherapeutin.

Bewusste Zeit für sich einplanen

Dann kommt der Trainingsfaktor hinzu. Da können wir uns diese Frage stellen: "Was möchte ich in der Zeit üben oder ausprobieren? Es kann bedeuten, ich zeichne für mich, oder es kann bedeuten, ich buche mir einen eintägigen Töpferkurs."

So können wir ein bisschen den Retreat-Charakter nach Hause holen, indem wir uns diese beiden Wirkfaktoren zunutze machen – Kontext und Training, erklärt Maren Wiechers.