Toxische BeziehungWie intensiv sollte Liebe eigentlich sein?

Eigentlich war bei Nina und ihrer Ex-Person alles gut – bis die Stimmung plötzlich gekippt ist und dysfunktional wurde. Bei toxischen Beziehungen wird Anziehung oft für Liebe gehalten. Es gibt Warnzeichen, die ungesunde Muster erkennbar machen.

Nina war auf Wolke sieben: Total verknallt und glücklich. Sie und ihre Ex-Person haben sich auf der Arbeit kennengelernt. Aus einer Freundschaft wurde mehr und sie verbrachten viel Zeit miteinander – bis zum ersten Streit.

Der Wendepunkt

Das war auf einer Party. Als Nina mit ihrer Ex-Person getanzt hat, war die plötzlich kühl, distanziert und genervt. Nina sollte auf Abstand gehen. Sie weint, fühlt sich an ihre letzte Beziehung erinnert und fährt dann letztendlich alleine nach Hause.

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, stellt sie fest, dass ihre Ex-Person noch zu ihr nach Hause gekommen sein muss. Nur liegt sie nicht neben Nina im Bett, sondern hat alle ihre Sachen aus Ninas Wohnung mitgenommen und ist weg.

"Ich hab fast durchgehend – bis zum Ende – den Fehler bei mir gesucht und nicht gesehen, dass die andere Person eigentlich gar nichts für unsere Beziehung tut."
Nina, über eine Beziehung, die ihr nicht guttat

Nach dem Vorfall auf der Party ist die Beziehung ein Auf und Ab. Auf innige Momente folgen Abstand und Kontaktpausen. Nina geht es in der Zeit zunehmend schlechter. Sie bekommt immer häufiger Panikattacken. Nach einem Gespräch mit ihrer Schwester trennt sich Nina dann von ihrer Ex-Person.

Love Bombing?

Rückblickend vermutet sie, dass sie in dieser Zeit Love Bombing erfahren hat. "Ich wurde mit viel Aufmerksamkeit überschüttet und wir haben so viele Sachen zusammen unternommen, wo ich mich jetzt frage: Hatten wir wirklich die gleichen Interessen oder hat die Person mir das vielleicht nur vorgespielt, dass wir uns so ähnlich sind", erzählt sie.

Heute fragt sie sich auch, warum sie weiterhin mit der Person zusammengeblieben ist, obwohl ihr die Zeit nicht gutgetan hat. "In dem Moment ist man so doll drin. Ich war so abhängig von der Aufmerksamkeit, von der Person und von dem, was wir hatten, dass die Verlustängste viel größer waren. Ich konnte in der ganzen Zeit keinen klaren Gedanken fassen und von außen auf das Ganze blicken", erinnert sich Nina.

Intensität statt Intimität

Psychologe und Paartherapeut Christian Hemschemeier arbeitet mit Menschen zusammen, die sich aus dysfunktionalen Beziehungen lösen möchten. Dabei hat er beobachtet, dass diese Art des Zusammenseins einem ähnlichen Muster folgt: "Nach der Startzeit gibt es häufig einen extremen Einschlag. Also etwas, das überhaupt nicht so ist wie geplant, zum Beispiel hat sich die Person doch nicht von der Dating-App abgemeldet, ist doch nicht Single oder es gibt einen verbalen Ausraster", sagt er.

Es gibt auch Warnzeichen. Wenn wir beispielsweise obsessiv damit beschäftigt sind, dass sich die andere Person bei uns meldet. Frühe Kritik kann ein weiterer Hinweis sein.

"Menschen, die einen lieben, würden so was nicht machen, aber das ist das Problem: Es ist keine Liebe, es ist Anziehung."
Christian Hemschemeier, Psychologe, Paartherapeut und Autor

Ungesunde Muster können laut dem Psychologen und Paartherapeut auch sein:

  • Gaslighting: Dabei verdreht eine Person die Realität und leugnet Tatsachen, um die andere Person an ihrer Wahrnehmung zweifeln zu lassen. Eine Behauptung könne etwa sein, ein Streit wäre nicht passiert und die andere Person bilde sich das ein.
  • Future Faking: Dabei wird eine Zukunftsvision vorgemacht, zu der es aber so nie kommen wird.
  • Schuldumkehr: Egal was passiert, eine Person schreibt der anderen immer die Schuld dafür zu.
  • Doppelstandards: Eine Person nimmt sich die Freiheit, etwas zu tun, was sie der anderen nicht zugestehen würde.
  • Love Bombing: Dabei wird man mit übermäßiger Aufmerksamkeit, Komplimenten und Liebesbekundungen quasi überschüttet, weil der andere dadurch etwas Bestimmtes bekommen will.

Anziehung vs. Liebe

Dieses Verhalten sollten wir nicht mit Liebe verwechseln. "Menschen, die einen lieben, würden so was nicht machen. Es ist keine Liebe, es ist Anziehung. Es ist Intensität statt Intimität. Es gibt eben Menschen, die brauchen ständige Abwechslung, ständige Bestätigung", so Christian Hemschemeier.

Was es braucht, um aus der dysfunktionalen Beziehung herauszukommen, ist die Erkenntnis, dass es keinen Sinn macht, weiter in diesem Verhältnis zu bleiben. Teilweise kann es dauern, bis man so weit ist. Häufig komme man irgendwann an den Punkt, an dem der Schmerz größer ist als die Angst vor Liebeskummer.

Nach einer Trennung braucht es Zeit für den Heilungsprozess. Was hilft, ist der Fokus auf sich selbst und Blick nach innen mit der Frage: Was ist passiert? Warum habe ich das (mit-)gemacht? "Im Grunde genommen geht es darum, diese Liebe auf sich selber zu richten, das hat man häufig viel zu wenig gemacht. Und auch mal eine Zeit lang alleine zu bleiben, dass sich die ganzen Synapsen erholen können", sagt der Psychologe und Paartherapeut.

"Was habe ich da gemacht? Warum bin ich geblieben? Ich tue mir selbst ein bisschen leid."
Nina, über eine Beziehung, die ihr nicht guttat

Nina geht es mittlerweile besser, auch wenn es sie noch sehr mitnimmt, was passiert ist. Sie macht seit ein paar Monaten eine Therapie. Dort möchte sie ihre Beziehungsmuster aufarbeiten.

In der Podcast-Folge geht Christian Hemschemeier noch weiter darauf ein, welche Rollen es in einer dysfunktionalen Beziehung gibt, ob daraus ein gesundes Zusammensein entstehen kann und was uns in unserem Heilungsprozess helfen kann. Klickt dafür oben auf den Play-Button.