TürkeiErdoğans Jagd auf LGBTQ

Die türkische Regierung geht massiv gegen LGBTQ-Organisationen vor. Aktivisten werden schikaniert und festgenommen. Die Polizei durchsucht Vereinsräume. Warum verschärft Erdoğan seinen Kurs ausgerechnet jetzt – und warum bleibt die Opposition still?

Homosexualität ist in der Türkei, anders als in vielen anderen muslimisch geprägten Ländern, nicht verboten. Trotzdem kann es bestraft werden, Videos zu teilen, auf denen schwule oder lesbische Paare zu sehen sind. "Ich habe auf meinem Instagram-Account gepostet, wie sich zwei Männer oder Frauen küssen. Das ist jetzt ein Verbrechen", so der trans Mann und LGBTQ-Aktivist G aus Ankara.

"Ich habe auf meinem Instagram-Account gepostet, wie sich zwei Männer oder Frauen küssen. Das ist jetzt ein Verbrechen"
G, Transmann und Aktivist aus Ankara

Erdoğan hatte 2025 das Jahr der Familie ausgerufen. Familie besteht für ihn aus Mann, Frau und Kindern. Queere Menschen wie G sieht er als Bedrohung. G findet das absurd. Schließlich habe auch er eine Familie, die ihn und seinen Aktivismus unterstütze. "Von welcher Familie reden die eigentlich? Wir sind doch auch Familien", so der Aktivist.

LQBTQ-Aktivist: "Wir geben nicht auf"

In der Türkei gab es am Wochenende in mehreren Städten Razzien. Die Polizei hat zahlreiche Aktivist*innen aus der LGBTQ-Community festgehalten. "Ich bin wütend und traurig, aber wir geben nicht auf. Wir werden Widerstand leisten für unsere Freundinnen und für uns selbst", sagt er. Dazu gehöre auch, öffentlich zu machen, was der LQBT-Community widerfahre.

Ganz überraschend seien die Razzien nicht gekommen. Sie hätten mit Durchsuchungen bei Vereinen und in Büros gerechnet – nicht aber damit, dass die Polizei auch in die privaten Wohnungen von Aktivist*innen kommen würde, so G. Das Ausmaß sei damit deutlich größer als erwartet.

"Sie versuchen uns Angst zu machen, damit wir in den Untergrund gehen. Das machen wir aber nicht."
G, Transmann und Aktivist aus Ankara

Trotzdem will G weiter offen auftreten und in sozialen Medien aktiv bleiben. Seine Freunde hätten ihm geraten, zumindest diese Woche vorsichtig zu sein. Bei künftigen Interviews könne er sich vorstellen, auch seinen richtigen Namen zu nennen. Zurückziehen wolle er sich auf keinen Fall: "Sie versuchen uns Angst zu machen, damit wir in den Untergrund gehen. Das machen wir aber nicht", sagt er.

Polizei durchsucht queere Treffpunkte

Die Razzien fanden in der Nacht von Samstag auf Sonntag statt. In Ankara, Istanbul und Izmir wurden Menschen festgenommen, dutzende Clubs, Bars, Beratungsstellen und Büros durchsucht, berichtet Benjamin Weber, Korrespondent in Istanbul. Viele Menschen wurden festgenommen.

"Da sind viele Menschen festgenommen worden, allein in Istanbul 26. Und das hat für einen großen Schock in der Community gesorgt."
Benjamin Weber, Korrespondent in Istanbul

Videos zeigen, wie zahlreiche Polizisten queere Beratungsstellen durchsuchen, Ordner durchgehen und Schubladen öffnen, berichtet Benjamin. In einer Bar sei zudem ein mutmaßlicher Drogenfund gezeigt worden, so Weber. Allein in Istanbul wurden 26 Menschen festgenommen. Die Razzien hätten für einen großen Schock in der queeren Community gesorgt.

Queere Initiativen werden kriminalisiert

Im Fokus der Razzien stehen vor allem queere Vereine und Initiativen. Dazu gehört etwa Kaos GL, eine der bekanntesten LGBTQ-Organisationen der Türkei. Durchsucht wurden aber auch Bars und Nachtclubs, die nicht ausdrücklich als queere Treffpunkte auftreten, so Benjamin Weber.

"Die Vorwürfe dienen deutlich dazu, Initiativen, die das Leben von queeren Menschen in der Türkei erleichtern wollen, zu kriminalisieren."
Benjamin Weber, Korrespondent in Istanbul

Die Behörden erheben schwere Vorwürfe: Es geht unter anderem um den Straftatbestand der Obszönität, sowie um den Verdacht, Sexarbeit und Prostitution erleichtert zu haben. Auch Gründung einer kriminellen Vereinigung wird den Betroffenen vorgeworfen.

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Benjamin sieht darin den Versuch, queere Strukturen unter Druck zu setzen und Initiativen zu kriminalisieren, die das Leben queerer Menschen in der Türkei erleichtern wollen. Damit richtet sich das Vorgehen nicht nur gegen einzelne Aktivistinnen, sondern auch gegen Orte und Organisationen der Community.

Kriminalisierung durch die Hintertür?

Dabei ist Homosexualität in der Türkei nicht verboten. Allerdings hat die Regierung in den vergangenen Jahren mehrfach versucht, ein Gesetz einzubringen, das das Ausleben geschlechtlicher Identitäten unter Strafe stellen könnte, wenn diese nicht der Moral entsprechen, so unser Korrespondent.

Bislang wurde diese Vorstöße nach großen Protesten immer wieder zurückgezogen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch sehen nun den Versuch, queeres Leben auf anderem Weg zu kriminalisieren – und statt über ein neues Gesetz, durch Polizeieinsätze und Ermittlungen Fakten zu schaffen.

"Der aktivistische Kern der queeren Menschen in der Türkei ist sehr trotzig und sehr stark."
Benjamin Weber, Korrespondent in Istanbul

Öffentlich gibt es bislang keine größeren Belege für die schweren Vorwürfe, etwa mit Blick auf Prostitution, so Benjamin. Drogenfunde in einzelnen Clubs hält er für plausibel. Insgesamt wirkten die Anschuldigungen aber eher vorgeschoben und sollten den Druck auf die queere Community erhöhen.

Seit 2015 ist die Pride-Parade in der Türkei verboten. Trotzdem gehen Aktivist*innen jedes Jahr für ihre Rechte auf die Straße und werden dabei immer wieder festgenommen. Der starke aktivistische Kern der Community könnte laut Benjamin ein Grund dafür sein, dass versucht werde, die Szene zum Schweigen zu bringen.

Druck auf queere Menschen im Namen der Familie

Die Razzien laufen unter dem Motto "Meine Familie ist sicher". Dahinter steht ein Familienbild, das der türkische Präsident Erdoğan seit Jahren propagiert: die traditionelle Familie aus Mann und Frau. 2025 hatte der Präsident zum Jahr der Familie erklärt. LGBTQ-Menschen würden dabei immer wieder als Bedrohung für diese Familienwerte dargestellt.

"Immer wieder hat man versucht, LGBTQ-Menschen als Bedrohung für die Institution der Familie darzustellen."
Benjamin Weber, Korrespondent in Istanbul

Die aktuelle Operation setzt diese Politik fort. Kritik kommt unter anderem von Frauenrechtsvereinen: Ihre Familien seien nicht sicher, wenn queere Menschen verfolgt würden, so Benjamin. Der Protest richtet sich damit auch gegen das Familienbild hinter den Razzien.

Warum der Druck gerade jetzt wächst, ist unklar. Erdoğan will erneut zur Präsidentschaftswahl antreten und versucht laut Benjamin Weber, die Opposition zu schwächen. Die LGBTQ-Community werde dabei immer wieder zum politischen Feindbild gemacht.

Wenig Rückhalt aus der Opposition

Fakt ist: Die Lage queerer Menschen hat sich unter Erdoğan massiv verschlechtert. Queere Menschen stehen stark unter Druck – auch im Alltag. Transmenschen in Istanbul berichten regelmäßig, dass sie auf der Straße beleidigt würden und mit Übergriffen rechnen müssten.

"Transmenschen in Istanbul sagen, dass sie täglich auf der Straße beleidigt werden und auch mit Übergriffen rechnen"
Benjamin Weber, Korrespondent in Istanbul

Zugleich sieht unser Korrespondent wenig politischen Spielraum für die Opposition, sich Erdoğans Kurs entgegenzustellen. Auch Oppositionsführer Özgür Özel hat sich bei dem Thema bislang eher zurückgehalten.

Ein Grund dafür ist, dass Queerfeindlichkeit auch in Teilen der türkischen Gesellschaft verbreitet ist. Für Oppositionsparteien kann eine klare Positionierung für LGBTQ-Rechte daher politisch Stimmen kosten. Gerade im Kampf gegen Erdoğan sind sie auf möglichst breite Unterstützung angewiesen – und bleiben deshalb bei dem Thema auffällig zurückhaltend.

Queere Community – Zusammenhalt trotz wachsendem Druck

Trotz der Risiken will G weiter für queere Rechte kämpfen. Die Lage verschlechtere sich nicht nur in der Türkei, auch in anderen Ländern erstarke die politische Rechte. In der Türkei sei die Entwicklung aber besonders deutlich. Die queere Bewegung sei dort sehr stark – und genau diese Stärke versuche die Regierung zu brechen.

"Meine Kraft ziehe ich aus der Bewegung selbst und aus meinen Freundinnen und Freunden. Wir machen weiter."
G, Transmann und Aktivist aus Ankara

Kraft ziehe G vor allem aus der Bewegung selbst und aus seinen Freund*innen. Schon seit den 1990er-Jahren kämpfe die queere Community in der Türkei für ihre Rechte und habe immer wieder Repression erlebt. Dass bereits Gründer*innen des ersten queeren Vereins festgenommen worden seien, sei für ihn symbolisch. Er glaube daran, dass die Bewegung auch diese Zeit überstehen werde.