ÜberhitztWarum unsere Krankenhäuser diesem Sommer nicht gewachsen sind
"An einem Tag mussten wir fünf Menschen reanimieren", Hannah Makait, Leiterin einer Notaufnahme, berichtet vom Ausnahmezustand. Wir fragen: Was hat die Hitze über unser Gesundheitssystem gezeigt – und was muss sich jetzt ändern?
Temperaturen von 40 Grad und mehr, Rettungsdienste im Dauereinsatz, überfüllte Notaufnahmen: Die Hitzewelle hat viele Krankenhäuser in Deutschland an ihre Belastungsgrenze gebracht. Hannah Makait, Leiterin der Notaufnahme des Krankenhauses Köln-Merheim, spricht von einem Ausnahmezustand.
"So etwas haben wir noch nicht erlebt."
"Der Rettungsdienst hatte doppelt so viele Einsätze wie sonst. Und das haben wir seit Freitagnacht auch in der Notaufnahme dramatisch erleben dürfen", berichtet die Medizinerin. Vor allem ältere Menschen seien eingeliefert worden. Weil die Kapazitäten nicht ausreichten, hätten viele Patient*innen auf den Fluren gelegen.
Hitze, die tötet
Hannah Makait beschreibt Menschen, deren Körpertemperatur so hoch gewesen sei, dass sie nicht mehr messbar war. Manche seien nicht mehr ansprechbar gewesen, andere hätten künstlich beatmet werden müssen. Teilweise hätten Patient*innen bereits einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten.
Auch die Zahl der lebensbedrohlichen Notfälle sei außergewöhnlich hoch gewesen. Normalerweise müssten in Köln-Merheim durchschnittlich zwei Menschen pro Tag reanimiert werden. Nun seien es an einem Tag fünf Menschen gewesen.
"Mich persönlich hat besonders ein Patient berührt, der aus einer Dachgeschosswohnung kam. Seine Temperatur war nicht mehr messbar, lag also bei über 42,5 Grad. Er ist sehr rasch verstorben."
Die meisten Menschen mit Hitzschlag seien bereits außerhalb des Krankenhauses kollabiert – etwa in nicht gekühlten Dachgeschosswohnungen. Doch auch innerhalb der Klinik war die Situation problematisch, sagt Hannah Makait. "Wir haben uns große Sorgen um die Patienten gemacht, weil das Krankenhaus selber keine Klimaanlage und auch keine gute Isolation hat."
Gleichzeitig habe die Hitze auch das Personal stark belastet. Wer Schwerstkranke auf der Intensivstation versorge, müsse körperlich Höchstleistungen erbringen und gleichzeitig selbst darauf achten, ausreichend zu trinken. Besonders anstrengend sei gewesen, dass die Notaufnahme über drei Tage und Nächte hinweg dauerhaft überfüllt gewesen sei.
"Es war auch eine große emotionale Belastung, weil wir personell immer bei der hundertprozentigen Auslastung waren."
Die Hitzewelle ist inzwischen abgeklungen. Doch laut Wetterprognosen könnte bereits in wenigen Tagen oder Wochen die nächste folgen. Auch deshalb fordert Uwe Janssens von der Deutschen Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin dringend mehr Geld: "Wir benötigen eigentlich, um die Krankenhäuser resilient zu machen, circa 21 bis 30 Milliarden Euro." Doch die würden von den Ländern nicht bereitgestellt.
"Die Konzepte und die Organisationsstruktur in Krankenhäusern sind auf dieses extreme Klima, in dem Falle Hitze, nicht ausgerichtet."
Thorsten Hammer ist Katastrophenschutzbeauftragter am Universitätsklinikum Freiburg. Dort entwickelt er Konzepte für außergewöhnliche Lagen, zu denen auch extreme Hitzewellen zählen. Er sagt mit Blick auf das vergangene Wochenende: "Dass die Situation bedrohlich werden würde, das hat sich abgezeichnet. Doch nicht, dass es so schlimm wird." Für Thorsten Hammer zeigt die Hitzewelle vor allem eines: die fehlende Vorbereitung der Kliniken.
Das Problem beginnt bei den Gebäuden
Ein zentraler Grund sei, dass Hitze als Problem in Krankenhäusern baulich nicht bedacht werde. "In der Baurechtsordnung der Länder ist die Klimatisierung oder ein entsprechendes Temperaturmanagement in Krankenhäusern schlichtweg nicht vorgesehen", sagt der Katastrophenschutzbeauftragte. Mit Blick auf laufende Bauprojekte fordert er, das schnellstmöglich anzupassen. Laufende Bauprojekte müssten so geändert werden, dass eine Klimatisierung möglich ist.
Was sich in Kliniken ändern müsste
Neben baulichen Maßnahmen brauche es vor allem klare Abläufe für Hitzewellen, fordert Thorsten Hammer. Dazu gehören seiner Einschätzung nach:
- verbindliche Handlungspläne für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Kitas
- frühzeitige Information von Mitarbeitenden, Patient*innen, Betroffenen
- ausreichend Trinkwasser und Flüssigkeit für Patient*innen und Beschäftigte
- festgelegte kühle Räume, die während einer Hitzewelle genutzt werden
- angepasste Dienstpläne, um Mitarbeitende zu entlasten
- Eskalationsmaßnahmen für mehrere aufeinanderfolgende Hitzetage
Für Thorsten Hammer ist klar: Die Aufgabe können Krankenhäuser nicht allein stemmen. Die Politik müsse Hitze- und Temperaturmanagement bei der Krankenhausreform mitdenken. Gleichzeitig sieht er auch die Kliniken in der Pflicht.
"Ich sehe alle Kliniken in der Pflicht, nicht nur auf dem Papier einen Hitzeschutzplan vorzuhalten, sondern den auch auf seine Praktikabilität so zu strukturieren, dass er umsetzbar ist."
Das Krankenhaus in Merheim versucht mit Blick auf weitere Hitzetage aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen. "Wir versuchen alles, was wir über das Wochenende improvisiert haben, vorzuhalten", sagt die Leiterin der Notaufnahme. "Wir lagern Kühlpacks und Eis vor und die Klinikleitung hat der Anschaffung von mobilen Kühlgeräten zugestimmt." Denn der Sommer hat gerade erst begonnen.