Keine Heizung, kein StromWie Russland die Ukraine ins Dunkel bombt
Minusgrade, kein Strom, kein warmes Wasser: Russland macht Energie zur Waffe, zerstört gezielt die Energie-Infrastruktur. Karina aus Odessa erzählt, wie ihr Alltag in diesem Krieg aussieht – und warum der Winter dieses Mal besonders brutal ist.
Für viele in der Ukraine ist es der härteste Winter seit Kriegsbeginn: Seit Wochen ist es im Land extrem kalt. Zudem greift Russland ganz gezielt die ukrainische Energie-Infrastruktur an. Ganze Stadtviertel sind ohne Strom, ohne warmes Wasser oder ohne Heizung. Das zehrt an den Kräften, auch an denen von Karina, die in Odessa lebt.
"Heute, fünf vor sechs, hab ich den Luftalarm gehört. Dann habe ich sofort gelesen: ein Drohnenangriff auf die Stadt. Aber ich konnte nicht aufstehen. Ich war so erschöpft."
Karina ist Journalistin und Lehrerin. Strom hat sie derzeit nur wenige Stunden am Tag, manchmal auch gar nicht, erzählt sie. "Außerdem habe ich seit fünf Tagen jetzt kein Wasser mehr, es ist schrecklich." Sie könne so nicht arbeiten, fast nichts planen. Immerhin: Die Heizung bei ihr funktioniert noch. Und das sei ein großes Glück.
Organisieren, improvisieren, durchhalten
Von Ausnahmezustand spricht Karina nicht mehr, denn diese Situation sei für sie schon fast Alltag. Zum Essen geht sie nach unten in ein kleines Café im Haus, das kochen kann, weil es einen Stromgenerator hat. Und den Unterricht mit ihren Abiturschülern, den absolviert sie derzeit über Distanz, per Videokonferenz. Das Handy, der Laptop – das muss also immer aufgeladen sein, sonst wird es schwierig für alle. Organisation ist wichtig.
"Alle haben Powerbanks, das ist klar, und manche auch Powerstationen. Aber trotzdem reicht es nicht, weil wir manchmal auch ein paar Tage im Blackout sind."
Ob man Strom hat oder nicht, hängt davon ab, in welchem Stadtviertel man wohnt, sagt Karina. Auch in Odessa gibt es Familien, die tagelang keinen Strom haben. "In vielen Wohnungen sinkt die Temperatur dann auf zehn, auf acht Grad, manchmal sogar darunter."
Ganze Viertel in Kiew ohne Strom
Auch in der Hauptstadt Kiew sitzen Hunderttausende in kalten Wohnungen. Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von 4000 Gebäuden ohne Heizung, mehr als die Hälfte der Menschen haben keinen Strom. Wer die Hauptstadt verlassen kann, soll das machen, hat Bürgermeister Vitali Klitschko gesagt.
"Diese Taktik der Luftangriffe, ganz konkret unter anderem auf die Energie-Infrastruktur, das dient eben auch der Terrorisierung der Zivilbevölkerung."
Durch die jahrelangen Angriffe Russlands auf die Infrastruktur der Ukraine ist so viel kaputt gegangen, dass die Reparaturen teils schwierig sind oder nur langsam vorangehen. Dass es in diesem Winter nun zusätzlich so kalt ist, macht es für die Menschen schwer. "Ich selber fahre seit 2018 regelmäßig in die Ukraine, und so kalt wie jetzt habe ich das zumindest während des Krieges nicht erlebt", sagt unser Korrespondent Peter Sawicki.
Ukrainische Flugabwehr nicht mehr so gut aufgestellt
Kiew und Odessa als große ukrainische Städte sind besonders im Visier der russischen Armee. Und womöglich gibt es derzeit auch deshalb so massive Schäden, weil die Flugabwehrsysteme der Ukraine nicht mehr so gut aufgestellt sind, wie das noch vor einigen Monaten war, meint Peter Sawicki. "Da kommt zu wenig Munition nach."
"Man fragt sich, wie lange ein Mensch unter solchen Bedingungen stabil bleiben kann."
Trotz der Angriffe, der Kälte und der Ungewissheit, die der Krieg mit sich bringt, versucht Karina, irgendwie "normal" zu leben, sagt sie. Obwohl die Umstände natürlich alles andere als normal sind.
Und sie gibt auch zu, dass sie manchmal am Ende ihrer Kräfte zu sein scheint: "Es gibt die Momente der Verzweiflung."
"Im Wartezimmer des Lebens"
Schon im vierten Kriegswinter hält Karina durch. Sie will ihre Heimat nicht verlassen, sie fühlt sich gebraucht, auch als Lehrerin. Kraft schöpft sie aus der Gemeinschaft. Auch aus Momenten wie diesem, als sie im Luftschutzkeller war und eine Opernsängerin über eine Stunde lang dort unten mit den Menschen gesungen hat.
Karina hat schon 2022 ihre Koffer gepackt. Aber bisher ist sie nicht gegangen. Sie bleibt in Odessa, sie hält durch, von Tag zu Tag. Doch sie fühlt sich manchmal wie in einem "Wartezimmer des Lebens", sagt sie: Sich nicht zermürben lassen, die Hoffnung nicht verlieren, darauf kommt es für sie an.