UkraineWird Ex-Minister Fedorow für Selenskyj zum Problem?

Jahrelang war Mychajlo Fedorow einer von Selenskyjs engsten Vertrauten. Dann wurde er als Verteidigungsminister entlassen und fordert nun Wahlen – mitten im Krieg. Bringt sich der 35-Jährige damit als Alternative zu Selenskyj in Stellung?

Er ist ambitioniert, legt eine rasante Karriere hin und zählte lange zu Wolodymyr Selenskyjs engsten Vertrauten. Doch nun macht Mychajlo Fedorow, nach seiner Entlassung als ukrainischer Verteidigungsminister, eine politische Kampfansage an den Präsidenten. In einem neunminütigen Video fordert der 35-jährige Fedorow Wahlen in der Ukraine, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges ausgesetzt wurden. Unser Korrespondent in Kiew, Florian Kellermann, vergleicht das Video mit einem Wahlkampfauftritt.

"Demokratie ist kein Luxus für Friedenszeiten. Demokratie ist, wofür wir kämpfen."
Mychajlo Fedorow, Ex-Verteidigungsminister der Ukraine

Mychajlo Fedorow spricht in seinem Video von einer Regierungskrise und von Korruption, der ein Ende bereitet werden müsse. Seit sieben Jahren ist die aktuelle Regierung bereits im Amt. Diesen Zustand kritisiert der ukrainische Ex-Verteidigungsminister mit den Worten "Demokratie ist kein Luxus für Friedenszeiten". In seinem Statement, das er am 18.08.2026 auf Instagram gepostet hat, fordert er den aktuellen Präsidenten heraus – anscheinend um sich dadurch als politischen Gegner zu etablieren.

"Ich denke, Fedorow will ganz klar etwas machen aus seiner Popularität. Er ist ja wirklich sehr populär, weit über 50 Prozent der Menschen vertrauen ihm."
Florian Kellermann, Korrespondent in Kiew

Mychajlo Fedorow ist ein ambitionierter Unternehmer und Politiker, der sich nach außen eher wie ein Tech-CEO gibt, sagt unser Reporter Jan Dahlmann aus dem Unboxing-News-Team. Noch bevor er 30 Jahre alt wird, gründet er eine Agentur für Online-Werbung und Social Media. 2019 holt Wolodymyr Selenskyj ihn in sein Wahlkampfteam. Er betreut den digitalen Wahlkampf und wird dann nach Selenskyjs Wahl zum Präsidenten zunächst zum Digitalminister ernannt.

Ein Digitalminister, der immer mehr militärische Aufgaben übernimmt

Nach Kriegsbeginn kümmert er sich immer mehr auch um militärische Angelegenheiten; zum Beispiel macht er sich dafür stark, dass Drohnen angeschafft werden. Drohnen und Drohnenabwehr spielen inzwischen eine wichtige Rolle im russisch-ukrainischen Krieg. Dadurch gilt er als "Vater des ukrainischen Drohnenprogramms". Anfang 2026 wird er schließlich zum Verteidigungsminister ernannt. Rund sechs Monate später wird er entlassen.

"Eine seiner ersten Amtshandlungen als Verteidigungsminister war es am Anfang, Elon Musk einmal dazu zu bringen, Starlink für die russische Armee abschalten zu lassen."
Jan Dahlmann, Deutschlandfunk Nova

Fedorow und der Chef der ukrainischen Armee, General Oleksandr Syrskyj, sollen nicht miteinander klargekommen sein, so begründet der ukrainische Präsident die Entlassung offiziell. Inzwischen wurde auch der Armeechef entlassen. Als Fedorow sein Amt verlassen musste, gingen viele Ukrainer*innen auf die Straße, um dagegen zu protestieren – und das, obwohl Demos zurzeit in der Ukraine nicht zugelassen waren.

Wie realistisch sind Neuwahlen?

Es gibt verschiedene Voraussetzungen, die Neuwahlen gerade erschweren, sagt unser Korrespondent Florian Kellermann. Zum einen ist es das geltende Kriegsrecht, das Neuwahlen ausschließt. Zum anderen sei es auch schwierig, einen Wahlkampf abzuhalten, wenn Raketen fliegen oder Drohnenangriffe stattfinden. Zudem sei die Medienlandschaft in der Ukraine derzeit weniger pluralistisch und dadurch weniger demokratisch als in Friedenszeiten.

"Es gibt auch praktische Probleme: Man kann eigentlich keinen normalen Wahlkampf führen, wenn jeden Tag Bomben und Raketen auf ukrainische Städte fliegen."
Florian Kellermann, Korrespondent in Kiew

Die Frage um Neuwahlen sei nicht ganz neu; der US-Präsident Donald Trump hätte sie auch schon mehrmals aufgebracht. Trump habe sich das möglicherweise beim russischen Präsidenten Wladimir Putin abgeschaut, sagt unser Korrespondent. Es gebe auch Umfragen in der Bevölkerung, die zeigten, dass ein Interesse an Neuwahlen vorhanden sei. Die Mehrheit der Ukrainer*innen wolle aber das Ende des Krieges abwarten. Allerdings bestehe auch die Möglichkeit, dass diese Menschen mit der Dauer des Krieges ihre Meinung ändern, sagt Florian Kellermann.

"Es gibt Umfragen, die zeigen schon, dass mehr Leute als vor einem halben Jahr der Ansicht sind, dass man Wahlen im Krieg abhalten sollte. Da gibt es schon eine Tendenz dahin."
Florian Kellermann, Korrespondent in Kiew

Mychajlo Fedorow kommt besonders bei jungen Menschen gut an, sagt unser Korrespondent. Darauf wolle er sicherlich bauen und sich eine unabhängige politische Karriere in der Ukraine ebnen, schätzt Florian Kellermann die Ambitionen des 35-Jährigen ein. Darüber hinaus findet unser Korrespondent es gut, dass es in der Ukraine weiterhin einen kritischen Blick auf die Regierung und auf Selenskyj gibt.

Florian Kellermann sagt, wenn man sich weiterhin so äußern und Missstände anprangern kann, wie es Fedorow getan habe, dann zeige das – selbst wenn es keine Wahlen gibt – dass trotzdem ein gesellschaftliches Korrektiv vorhanden sei.