Besetzte GebieteRusslands Propaganda in ukrainischen Klassenzimmern

Der seit 2022 andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine wird nicht nur an der Front geführt. In besetzten Gebieten werden Lehrpläne umgeschrieben, ukrainische Geschichte wird gestrichen. Das Ziel: aus ukrainischen Kindern russische zu machen.

Russlands Angriff auf die gesamte Ukraine jährt sich am 24. Februar 2026 zum vierten Mal. Der vierte Kriegswinter ist besonders hart. Viele Menschen versuchen, in eisigen und dunklen Wohnungen zu überleben – weil Russland die Strom- und Heizinfrastruktur immer wieder gezielt angreift.

In den ukrainischen Gebieten jenseits der Front, die Russland besetzt und zum eigenen Territorium erklärt hat, hat der Krieg noch etwas verändert: Die Menschen, die dort leben, sollen nach dem Wunsch Moskaus zu Russ*innen werden – und das am liebsten bereits in der Schule.

Befreiung statt Besetzung

Olena ist zehn Jahre alt. Sie stammt aus dem Süden der Ukraine. Nach der Besetzung musste sie auf eine russische Schule gehen. Dort wurde ihr eine ganz andere Sicht auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine beigebracht.

"Sie haben gesagt, sie hätten unser Fleckchen Erde befreit – und sie würden noch mehr befreien, bis alles gut ist."
Olena, ging in besetzten Gebieten zur Schule

Auch Lessja kennt die Realität, von der Olena berichtet. Sie war Lehrerin in der im Süden der Ukraine gelegenen Stadt Melitopol. Nach der russischen Besetzung sollte – beziehungsweise musste – sie nach russischem Lehrplan unterrichten. Anderenfalls sollte sie das Gebiet verlassen.

Also flieht Lessja und lässt alles zurück: ihre Wohnung, ihre Unterrichtsmaterialien, teils auch ihre Familie.

Patriotismus und Propaganda als Teil des Unterrichts

Der im besetzten Teil der Ukraine vorgebene Lehrplan ist ein typisch russischer Lehrplan, erklärt Rebecca Barth, die aus dem ARD-Studio Kiew berichtet. Überall sei er mit Patriotismus und Propaganda durchwebt. Das reiche von der täglich gesungenen russischen Hymne über den Fahnenappell bis hin zu Briefen, die die Schüler*innen an Soldaten schreiben.

"Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist diese extrem patriotische Erziehung in Russland noch einmal ausgeweitet worden."
Rebecca Barth, ARD-Studio Kiew

Rebecca Barth berichtet seit langem über die Ukraine und Russland. Ihr fällt auf, dass die Besetzer es sehr eilig hatten, den Schulunterricht nach russischen Vorgaben umzubauen. So lasse sich leicht Kontrolle auszuüben – auf die heranwachsende Generation und ihre Eltern. "Die Kinder verbringen den Großteil ihres Tages in staatlichen Institutionen – sei es in Schule oder in Jugendorganisationen. Somit sind sie dem russischen Einfluss mehrere Stunden am Tag ausgesetzt."

Massiver staatlicher Druck

Eltern, die sich weigern, ihre Kinder der russischen Umerziehung auszusetzen, werden unter Druck gesetzt, berichtet Rebecca Barth. Ihnen wird klargemacht: Wenn ihr nicht kooperiert, verliert ihr eure Kinder.

Das berichtet auch Lehrerin Alessja.

"Wenn Eltern nicht mitspielen, kommt das russische Militär oder der Geheimdienst FSB und macht sehr deutlich: Wenn ihr nicht kooperiert, entziehen wir euch das Sorgerecht für eure Kinder."
Rebecca Barth, ARD-Studio Kiew

Die besetzten Gebiete – vor allem im Süden und Osten – machen rund zwanzig Prozent des ukrainischen Staatsgebiets aus. Genau Zahlen gibt es nicht, so die Journalistin. Schätzungen gehen von bis zu 1,5 Millionen Kindern aus, die dort leben. Russland selbst spricht von über 3,5 Millionen ausgegebenen Pässen seit 2022. Demnach gebe es aber auch viele Zuzüge aus Russland.

Kollaboration oder Haft

Wer sich entscheidet (oder keine andere Wahl hat, als) in den besetzten Gebieten zu bleiben, dem bleibt eigentlich nur die Kollaboration, sagt Rebecca Barth. Kritik am russischen Regime sei praktisch nicht möglich. Lehrerin Lessja erzählt von einem Lehrerkollegen, der irgendwann verhaftet wurde. Vielleicht wegen sogenannter "antirussischer Aktivitäten", vielleicht weil er etwas "Falsches" geliket hatte. "Vielleicht brauchten sie aber einfach irgendwen", mutmaßt Lessja. Von ihrem Kollegen fehlt jede Spur.

Andere kollaborieren – sie machen aus Angst mit, sagt Rebecca Barth, und nennt es eine "Überlebensstrategie". Denn das Leben in den besetzten Gebieten sei geprägt von Drohungen, Überwachung, Verschleppungen und Gewalt.

Der Zwang, russisch zu werden

Ein Beispiel für die erzwungene Russifizierung ist der Pass, erklärt Rebecca Barth. Anfangs bekamen Ukrainer*innen Geld dafür. Inzwischen ist er Voraussetzung für alles, sagt die Journalistin. "Ohne russischen Pass gibt es kein Bankkonto, keine SIM-Karte, nichts."

All das, was in diesen Gebieten passiert, ist überhaupt nicht neu, sagt Rebecca Barth. Sie verweist auf die Entwicklungen auf der Krim und im Donbass. Dort habe die Russifizierung bereits ab 2014 begonnen. "Was wir erleben, ist die Fortführung eines Systems und die Eskalation von Unterdrückungsmechanismen."