US-Elite-UniEin Vergewaltigungsvorwurf ohne Anklage. Warum?

Jane Doe zeigt sieben Studenten wegen Vergewaltigung auf dem Cornell Uni-Campus an. Niemand wird angeklagt. Zwei Jahre später protestieren Studierende in den USA gegen Rape Culture und sexualisierte Gewalt – Studentin Lydia Blum ist dabei.

Der Fall der mutmaßlichen Massenvergewaltigung ereignete sich in der Nacht zum 19. Oktober 2024 auf dem Campus der Cornell Universität in Ithaca im Bundesstaat New York. Die damals 20-jährige Studentin – sie wird Jane Doe genannt, um ihre Identität zu schützen - ging laut ihrer eigenen Aussage in eine Bar in der Nähe der Uni und trank dort mit anderen Studierenden Alkohol. Dort hätten sie zwei befreundete Studenten eingeladen, mit in das Gebäude ihrer Studentenverbindung zu kommen, wo sie weiter Alkohol getrunken und zusätzlich Ketamin geschnupft hätten, das stark betäubt.

Man habe ihr viel zu viel Ketamin gegeben, sie sei danach handlungsunfähig gewesen, sagt der Anwalt von Jane Doe. Sie habe nur noch schemenhaft mitbekommen, dass mehrere Studierende kamen. Es waren wohl insgesamt sieben Studenten. Vier von ihnen sagen, der Sex sei einvernehmlich gewesen, drei hätten nur zugeschaut. Erst am nächsten Morgen kam sie zurück in ihr eigenes Studentenzimmer, erzählen befreundete Studentinnen.

Laut einer Chat-Nachricht mit Fotos der Vergewaltigung in einer Snapchat-Gruppe, in der 57 Mitgliedern der Studentenverbindung waren, wurden andere Studenten eingeladen, bei der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung mitzumachen.

"Sozusagen eine Einladung zum freien Sex mit einer wehrlosen Studentin - das war, glaube ich, das Schockierende, weshalb dieser Chat so viel Empörung ausgelöst hat."
Martin Ganslmeier, ARD-Korrespondent in New York

Drei Wochen später wandte sich Jane Doe an die Polizei auf dem Campus. Die Uni leitete danach eine Untersuchung ein mit dem Ergebnis, dass zwei der Beschuldigten von der Uni ausgeschlossen wurden, andere wurden zeitweise suspendiert und sollten zur Strafe Aufsätze schreiben. Außerdem sei die Studentenverbindung geschlossen worden.

Die Zusammenfassung des 160 Seiten umfassenden Berichts der Campus-Polizei ging an den Bezirksstaatsanwalt von Tompkins County, der in der sechsseitigen Zusammenfassung keine strafrechtlichen Anhaltspunkte fand.

Staatsanwaltschaft untätig - Jane Doe erhebt selbst Klage

Jane Doe, die inzwischen die Uni verlassen hat, reichte im September 2026 nun eine zivilrechtliche Klage gegen die Cornell Uni und sieben Mitglieder der Studentenverbindung ein. Die unabhängige Studierendenzeitung "Cornell Daily Sun" berichtete darüber. Dieser Bericht hat viele Studierende schockiert und eine Protestwelle unter dem Motto "Ich bin Jane Doe" ausgelöst. Mittlerweile gehen in den USA landesweit Studierende, Betroffene sexualisierter Gewalt und Unterstützer*innen auf die Straße.

"Ich war schockiert, und ich weiß, dass die meisten meiner Freunde und Kommilitonen ebenfalls schockiert waren."
Lydia Blum, Studentin an der Cornell Uni

Lydia Blum, 21, studiert im vierten Jahr an der Cornell University und ist Vizepräsidentin der Studierendenvertretung. "Wir hatten erwartet, dass die Leitung der Uni den Fall angemessen behandelt. Zu erfahren, dass das nicht so war, ist wirklich traurig", sagt sie. Die Stimmung auf dem Campus sei gerade sehr schlecht. "Unsere Gedanken sind natürlich bei Jane Doe. Ich glaube, vielen Menschen tut es vor allem leid für sie. Dass ihr das passiert ist, ist schrecklich", ergänzt die Studentin.

Aber es gibt nicht nur Demonstrationen für Jane Doe, sondern auch Todesdrohungen gegen sie, gegen ihren Anwalt, gegen ihre Familie, berichtet Martin Ganslmeier.

Sollte der Fall vertuscht werden?

Weil keine strafrechtliche Ermittlung erfolgte und die Bezirksstaatsanwaltschaft keine Klage erhob, wurden die mutmaßlichen Täter nie festgenommen. Inzwischen sind die Proteste derart angewachsen, dass die Gouverneurin des Bundestaats New York, Kathy Hochul, die Generalstaatsanwältin Letitia James als Sonderermittlerin für den Fall eingesetzt hat. Sie soll jetzt diesen Fall aufklären. Kathy Hochul kritisiert die damaligen Ermittlungen als völlig unzureichend. Der Staatsanwalt hätte nicht einmal Jane Doe persönlich angehört.

Doch rechtlich könnte es für Jane Doe schwierig werden, denn sie hatte zuvor freiwillig Alkohol getrunken. Laut dem Sexualstrafrecht des Bundesstaats New York müsste die Klage abgewiesen werden, weil sie sich quasi freiwillig betäubt hat. Somit gilt sie als einwilligungsfähig. Katy Hochul hat bereits ein Gesetzesverfahren in Gang gebracht, um Opfer von Vergewaltigung besser schützen: "Freiwilliges Betrunkensein darf kein Freifahrtschein für sexuellen Missbrauch oder Gruppenvergewaltigungen sein!", sagte sie bei einer Pressekonferenz.

Sexualisierte Gewalt ist ein strukturelles Problem an US-Unis

Jane Doe ist kein Einzelfall. "Eine Studentin von acht hat schon mal solche Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung gemacht, die Dunkelziffer ist möglicherweise noch größer", sagt Martin Ganslmeier. Die Studentenverbindungen in den USA sind anders als die in Deutschland, gerade die männlichen Studentenverbindungen machen immer wieder Negativschlagzeilen. Dort gibt es merkwürdige Rituale im Sinne von Mutproben, viele haben auch mit toxischer Männlichkeit zu tun, die immer wieder in Exzessen enden, berichtet Martin Ganslmeier.

Lydia Blum schützt sich und ihre Kommilitoninnen, indem sie auf sich gegenseitig aufpassen. Sie gehe nie allein zu einer Party, teile ihren Standort mit Freundinnen, achte darauf, dass sie sicher sei und falls sie allein wohin gehe, wüssten ihre Freundinnen immer, wo sie sei. Wenn sie sich länger nicht gesehen hätten, würden sie sich kurz gegenseitig updaten, ob es ihnen gut gehe. "Ich halte mich an diese Strategien, und das hat für mich in den letzten vier Jahren an der Uni gut funktioniert", sagt sie.

Die Studentin ist überzeugt davon, dass sich jetzt etwas an der Uni ändern werde. Es gehe darum, zu definieren, was Einvernehmlichkeit wirklich bedeute. Darüber und über sexuelle Übergriffe müssten die Menschen aufgeklärt werden. Die Uni-Verwaltung sollte transparenter werden in Bezug auf die Meldung von sexueller Gewalt.