USAInside Epstein-Files
Große Datenmengen, wenig Klarheit. Das US-Justizministerium hat weitere Akten aus den Epstein-Files veröffentlicht. Wie arbeiten Journalisten jetzt mit diesem Aktenberg? Und was lässt sich jetzt schon sagen?
Nach Monaten und Jahren des Hin und Her werden die Akten zum mutmaßlichen Sexhandel-Ring um Jeffrey Epstein schrittweise veröffentlicht. Am 19. Dezember lud das US-Justizministerium erstmals Tausende Dokumente hoch: Gerichtspapiere, E-Mails, Fotos und Videos. Vieles war bekannt. Epstein soll mit Ghislaine Maxwell über Jahre einen Ring betrieben haben, viele Opfer waren minderjährig, er bewegte sich in höchsten Gesellschaftskreisen.
In den Akten finden sich unter anderem Bilder von Ex-US-Präsident Bill Clinton mit jungen Frauen. Zudem wurde über ein Foto berichtet, das Donald Trump mit Frauen im Bikini zeigt und kurzzeitig verschwunden war. Nun folgte ein weiterer Upload von rund zehn Gigabyte Daten. Journalistinnen und Journalisten werten das Material aus, darunter auch SPIEGEL-Reporter Daniel Laufer, der zu den Epstein-Akten recherchiert.
Epstein – Tausende neue Dokumente veröffentlicht
Über 10.000 neu veröffentlichte Dokumente zählt der Journalist. Das sei deutlich mehr als bei der ersten Veröffentlichung von etwa 4.000 Dateien. Diese Zahl sei zwar erheblich gewesen, habe aber weit unter den ursprünglich angekündigten Hunderttausenden gelegen. Der erneute Upload kurz vor Heiligabend wirke ein wenig auffällig, da es eigentlich früher hätte passieren sollen.
"Das ist vom Timing, nachdem das eigentlich schon vor ein paar Tagen hätte passieren sollen, zumindest auffällig."
Die Weihnachtstage hätten eine besondere mediale Dynamik: Vieles bleibe liegen, weil weniger gearbeitet werde, gleichzeitig erhielten einzelne Themen ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Die Epstein-Akten könnten davon profitieren, da sie kaum Konkurrenz hätten. Ob sie wirklich umfassend ausgewertet würden, sei aber fraglich, da die Analyse extrem aufwendig sei.
Epstein-Recherche als Teamarbeit
Daniel recherchiert in einem Team. Seine Kolleginnen und Kollegen sitzen in verschiedenen Städten wie Hamburg, Berlin oder München, teilweise auch in den USA. Der Austausch laufe über einen gemeinsamen Chat, in dem die Funde geteilt werden, so Daniel. Zunächst hätten alle Beteiligten den kompletten Datensatz heruntergeladen. Anschließend wurde eine gemeinsame Liste aller enthaltenen Dateien erstellt. So werde vermieden, dass mehrere Personen parallel an denselben Dokumenten arbeiten. Die Dateien könnten so koordiniert ausgewertet werden.
"Man arbeitet sich Stück für Stück im Team durch den Datensatz und versucht herauszukriegen, wo liegt was, was sind das für Dokumente."
Schritt für Schritt arbeiten sie sich durch die Dateien, so Daniel. Viele Dokumente würden für sich genommen zunächst belanglos wirken, könnten aber im Zusammenhang mit anderen Akten Bedeutung bekommen. Deshalb werde in der Tabelle genau festgehalten, um welche Art von Dokument es sich handelt und welchen Inhalt es hat, um nichts Relevantes zu übersehen.
Auswertung auch mit Unterstützung von KI
Die Auswertung gleiche einer extrem kleinteiligen Puzzlearbeit. Daniel habe unzählige Fotos von Türen oder Dieselgeneratoren auf Epsteins Insel gesehen. "Irgendwann war man froh, dass wir den Block hinter uns hatten", sagt er. Hinzu kämen Fotoalben aus den 1990er- und 2000er-Jahren, bei denen es etwa darum gehe, Personen zu identifizieren und nachzuvollziehen, wer gemeinsam unterwegs war.
"KI hilft teilweise, um einen groben ersten Eindruck zu kriegen, weil KI Dokumente zusammenfassen kann."
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz helfe bei einem ersten Überblick. KI könne zum Beispiel Dokumente zusammenfassen, ihren Charakter einordnen und zwischen Gerichtsakten, Zeugenaussagen oder E-Mails unterscheiden. Auch einfache Verschlagwortung oder das Lokalisieren von Fotos, etwa durch das Erkennen von Aufnahmeorten, werde erleichtert und unterstütze die Recherche.
Österreichischer Reisepass mit Foto von Epstein
Die vielen Schwärzungen in den veröffentlichten Dokumenten sorgen für heftige Kritik, teils sind ganze Seiten unlesbar. Die US-Regierung begründet das mit dem Schutz der Opfer, Beobachter vermuten jedoch, dass auch mutmaßliche Täter abgeschirmt werden. Zudem fehlen weiterhin zahlreiche Akten, obwohl eine gesetzliche Frist bereits verstrichen ist. Opfer wie Lisa Phillips fordern vollständige Transparenz und die Freigabe aller Unterlagen. Niemand stehe über dem Gesetz. Transparenz sei Gerechtigkeit. "Gebt die Akten frei", sagt sie.
"Ein österreichischer Reisepass, ausgestellt von der Bundespolizeidirektion Wien in den 80er-Jahren, mit dem Foto Jeffrey Epstein, aber mit einem anderen Namen."
Überraschend war ein Fund, den österreichische Kolleginnen und Kollegen gemacht hatten, sagt Daniel. In den Akten tauche ein Passdokument auf, über dessen Existenz es zuvor nur Gerüchte gegeben habe. Konkret handle es sich um einen österreichischen Reisepass aus den 1980er-Jahren – ausgestellt in Wien, mit einem Foto von Jeffrey Epstein, jedoch auf einen anderen Namen. Das werfe neue Fragen für weitere Recherchen auf.
Mehr Trump-Nennungen in neuen Epstein-Akten
Interessant sei bei den neu veröffentlichten Dokumenten, dass Donald Trump darin deutlich häufiger auftauche als zuvor. "Da gibt es schon ein paar Fährten, die man jetzt aufnehmen kann", so Daniel. Aus journalistischer Sicht biete das mögliches Recherchepotenzial, auch wenn sich daraus noch keine konkreten Schlussfolgerungen ziehen ließen.
"Donald Trump taucht häufiger auf. Da gibt es schon ein paar Fährten, die man jetzt aufnehmen kann."
Dabei gehe es aber nicht um konkret strafrechtliche Vorwürfe. Wie auch bei Bill Clinton entstehe vor allem ein ungünstiger Eindruck durch Bilder und Erwähnungen. Daniel meint, man sei sich der Wirkung solcher Darstellungen bewusst, und vermutet, dass Trump es vorziehen würde, in diesem Zusammenhang nicht aufzutauchen.
Journalist: Verdacht auf politische Motive bei Veröffentlichung
Dass bei der Veröffentlichung der Dokumente womöglich auch politische Motive eine Rolle spielen könnten, schließt Daniel nicht aus. Die Reihenfolge und der Umfang der freigegebenen Akten ließen sich schwer von außen beurteilen. Auffällig sei aber, dass viele Fotos von Bill Clinton, aber vergleichsweise wenige von Donald Trump zu sehen seien.
"Mein Eindruck ist schon, dass mit diesen Dokumenten womöglich gerade Politik gemacht wird."
Gleichzeitig betonte der Journalist, dass trotz Schwärzungen eine Form von Aufklärung stattfinde. Ziel der Veröffentlichung sei nicht die Fokussierung auf einzelne Personen, sondern das Bereitstellen umfassender Informationen über viele Beteiligte. Fraglich bleibe allerdings, wie neutral die Zusammenstellung der Dokumente ist und in welchem Maß man sich auf die Inhalte verlassen kann.
Spurensuche statt greifbarer Ergebnisse
Denoch könnte schon ein einzelner wichtiger Name in einem kritischen Kontext für eine große Nachricht sorgen – auch wenn bisher vor allem viele kleine Puzzlestücke veröffentlicht wurden, die kein vollständiges Bild ergeben. Bis ein solcher Fall auftauche, gebe es allerdings keine greifbaren Ergebnisse.
Gleichzeitig äußerte er Skepsis, dass wirklich alle Akten freigegeben werden. Daniel verweist auf zuvor veröffentlichte Dokumente, die kurz darauf wieder gelöscht wurden, wie zum Beispiel das Foto von Donald Trump mit teilweise im Bikini abgebildeten Frauen. Solche Vorfälle trügen dazu bei, dass das Vertrauen in eine vollständige Veröffentlichung der Akten gering sei.