Verbrenner bleibtRettung für die Autoindustrie?
Das Verbrenner-Aus war eigentlich beschlossene Sache. Nun doch nicht. Denn die EU lockert die Regeln. Auch nach 2035 dürfen Neuwagen mit Verbrennermotoren verkauft werden. Was bedeutet das Autopaket aus Brüssel für Jobs, Klima und euer nächstes Auto?
Eigentlich war der Plan klar: Ab 2035 sollten in der EU keine neuen Autos mehr zugelassen werden, die CO₂ ausstoßen. Das meint: keine neuen Benziner, keine neuen Diesel. Als Neuautos sollten nur noch emissionsfreie Neuwagen auf den Markt kommen. Doch dieses Ziel wird nun relativiert.
Was das konkret bedeutet, erklärt Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven: "Die Technik Verbrennungsmotor darf bleiben. Vor allem wird sie in Kombination mit Elektromotoren, also in Form von Hybridautos weiterhin eine Rolle spielen." Und er betont: Es geht weniger um das einzelne Auto, sondern vielmehr um Durchschnittswerte, die wichtig werden.
Die Neuregelung könnte Hybridautos pushen
Hersteller müssen künftig ihre sogenannten Flottenziele einhalten. Das heißt: Alle neu zugelassenen Autos eines Konzerns werden zusammengerechnet und ihr CO₂-Ausstoß wird ermittelt. Dieser muss dann um 90 Prozent unter dem Wert von 2021 liegen. Zu der Berechnung dürfen Biosprit, grüner Strom oder auch CO₂-armer Stahl in der Produktion hinzugerechnet werden.
Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei EVP, also der Konservativen im EU-Parlament verbucht die neuen Pläne als Erfolg. "Auch nach 2035 werden in allen europäischen Autofabriken alle Motoren gebaut und verkauft werden können, also auch Verbrenner."
Das stimmt, entgegnet Nicolas Lieven, allerdings sei das nur ein Teil der Wahrheit. Zum vollständigen Bild gehöre, dass Emissionswerte trotzdem eingehalten werden müssen. "Hersteller, die die Werte nicht einhalten, müssen sehr hohe Strafen zahlen oder zum Ausgleich genug E-Autos auf die Straße bringen." Daher steht für Nicolas Lieven fest: Die Verbrennertechnologie wird keine Zukunft haben.
"Reine Verbrenner nach 2035 halte ich ehrlich gesagt für ziemlich utopisch."
Was die Neuregelung jedoch bewirken könnte, ist, dass Autohersteller nicht mehr primär auf E-, sondern auf Hybridautos setzen. Das hat einen gewaltigen Haken, meint der Journalist, der für die Politik derzeit aber keine Priorität zu haben scheint.
Hilfloser Versuch, den Jobabbau aufzuhalten
Denn die verspricht sich vom Aufweichen des Verbrenner-Aus zunächst einmal eines: einen zumindest langsameren Stellenabbau. Tatsächlich schwächelt die Automobilbranche. Nicht nur Autobauer sind betroffen, sondern auch Zulieferer.
"Kurzfristig könnte es durch die Neuregelung ein kleines Aufatmen geben", meint Nicolas Lieven. Zudem bekäme die Autoindustrie so mehr Zeit, in Sachen E-Auto-Technologie aufzuholen. Doch auf lange Sicht macht sich der Wirtschaftsjournalist keine Illusionen: "Die Autohersteller haben alle große Sparpläne in der Schublade, der geplante Stellenabbau wird weitergehen." Ein Grund dafür sei, dass China sowohl bei E-Autos als auch bei Hybriden den Takt vorgibt.
Ein anderer Grund sei, dass reine E-Autos weniger Teile benötigen als Hybride. "Bei Hybriden habe ich zwei Techniken im Auto: einen Verbrenner- und einen E-Motor", erklärt Nicolas Lieven. "Bei reinen E-Autos sind tausend Teile weniger im Auto, also keine Auspuffanlage, kein Ölfilter und so weiter."
Sollte durch die nun von der EU erwogene Vorgabe also so etwas wie ein "Hybrid-Boom" ausgelöst werden, könnte das den Zulieferern ein Stück weit helfen, länger mehr Teile produzieren zu müssen, so der Journalist. Doch dauerhaft werde das keine Lösung sein, weil nichts an E-Mobilität vorbeiführe.
Verunsicherung in der Industrie
So sieht es auch Jan. Er studiert Elektrotechnik, arbeitet als Werkstudent bei einem Automobilzulieferer und sagt: "Verbote finde ich persönlich nicht so schön." Das Abweichen vom vollständigen Verbrenner-Aus für Neuwagen versteht er aber dennoch als falsches Signal: "Industriepolitik braucht eine Vorstellung davon, wo sie in zwanzig oder dreißig Jahren stehen will. Dieses Aufweichen schafft vor allem Verunsicherung.“
"In dreißig Jahren wird niemand mehr mit Verbrenner fahren. Das ist aus meiner Sicht komplett ausgeschlossen."
Jan erzählt, dass er mit vielen seiner Elektroingenieur-Freunde über die Sinnhaftigkeit des Verbrennermotors diskutiert. "Einen Konsens gibt es da nicht." Manche seien dafür, die Wirtschaft nicht zu stark zu belasten, andere argumentieren, dass die Entscheidung auch mit Blick aufs Klima getroffen werden müsse. Und das dürfte bei der neuen EU-Regelung den Kürzeren ziehen, sagt Nicolas Lieven.
"Meine große Sorge ist, dass wir uns mit Hybridautors in Bezug aufs Klima etwas schönrechnen, unterm Strich wird aber genau das Gegenteil bewirkt."
Das liegt an der Klimabilanz von Hybridautos, erklärt der Journalist. Denn die seien nur auf dem Papier sparsam: "Theoretisch verbrauchen Hybridautos 1,1 Liter auf hundert Kilometer. Doch weil kaum jemand sie im E-Motor fährt, verbrauchen sie in der Realität sechs, sieben oder acht Liter." Seine Befürchtung: Die EU könnte ihre Klimaziele rechnerisch erreichen, aber real verfehlen.
Trotz allem ist Nicolas Lieven überzeugt: Das Verbrenner-Aus mag aufgeweicht werden, die Richtung, in die sich die Industrie und der Markt entwickeln, sei schon lange vorgegeben. Das Aufweichen ist also weniger eine Rettung als ein Aufschub – zum einen für die europäische Industrie, zum anderen für die konservative Politik.