Vergessener KriegWarum schweigt die Welt zum Sudan?
Khartum war zwei Jahre lang umkämpft. Duaa hilft heute beim Wiederaufbau ihrer Stadt, während in anderen Landesteilen der Krieg weiter tobt. Sie erzählt vom Alltag im Krieg – und warum sie glaubt, dass der Sudan von der Welt vergessen wurde.
Vor mehr als drei Jahren, am 15. April 2023, begann in Khartum der Bürgerkrieg zwischen der Miliz Rapid Support Forces (RSF) und der sudanesischen Armee. Dieser Krieg gilt als einer der brutalsten der Welt. Die Zivilbevölkerung leidet unter einer humanitären Katastrophe. Laut den Vereinten Nationen wurde jede vierte Person im Sudan vertrieben. Schätzungen gehen von Zehntausenden Menschen aus, die getötet wurden. Sehr viele Menschen im Land sind auf Hilfe angewiesen – doch die kommt in den umkämpften Gebieten kaum an.
Vor mehr als einem Jahr konnte die sudanesische Armee die Hauptstadt Khartum einnehmen und die RSF-Miliz vertreiben – doch in den Regionen Darfur und Kordofan halten die Kämpfe unvermindert an.
Immense Zerstörung – und der Wille, etwas Neues aufzubauen
In Khartum ist es inzwischen relativ friedlich, doch vieles liegt in Trümmern. "Das alte Stadtzentrum von Khartum ist komplett zerstört", sagt Duaa, die in der Stadt aufgewachsen ist und dort lebt. Sie hat Deutschlandfunk-Nova-Reporter Alex Böhle erzählt, wie sie die Situation gerade erlebt.
"Jedes Mal, wenn ich durch Khartum fahre, bekomme ich Gänsehaut. Manchmal wird mir sogar richtig schlecht, weil Khartum nie wieder so sein wird wie früher."
Duaa erzählt, dass die Menschen in der ganzen Stadt dabei helfen, Khartum wieder aufzubauen und zum Leben zu erwecken. Häuser werden geputzt oder repariert, Restaurants öffnen wieder, Kinder gehen wieder zur Schule und auch Pflanzen wachsen wieder, erzählt Duaa.
Sie erlebt auch eine neue Solidarität unter den Menschen, erzählt sie. So würden Menschen zum Beispiel wieder in den Außenbereichen der Restaurants sitzen – und die Besitzer ließen sie dort auch sitzen, selbst wenn sie nichts bestellen würden. "Es geht gerade gar nicht ums Geld. Es geht darum, dass die Menschen wieder zusammenkommen", sagt sie.
Selbstorganisierter Wiederaufbau und gelebte Solidarität
Duaa selbst ist Künstlerin und engagiert sich seit Beginn des Kriegs bei "Emergency Response Rooms". Das Netzwerk aus Freiwilligen kümmert sich darum, die Zivilbevölkerung aus umkämpften Gebieten der Stadt zu evakuieren. Seit in Khartum nicht mehr gekämpft wird, organisiert das Netzwerk Suppenküchen und verteilt Hilfsgüter.
Speziell für Frauen haben sie die "Women's Response Rooms" eingerichtet, die bei sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung beraten. Sie wollen die Frauen aber auch wirtschaftlich stärken und bieten psychosoziale Unterstützung an, erzählt Duaa.
Frauen leiden besonders unter dem Krieg
Laut UN leiden Frauen im Sudan noch stärker unter dem Krieg als Männer – und auch mehr als in anderen Konflikten: zum einen aufgrund der sexualisierten Gewalt, aber auch, weil sie kein Mitspracherecht haben. Bei keiner der Konfliktparteien.
Obwohl es tagsüber recht friedlich scheint, gilt nachts ab 23 Uhr eine Ausgangssperre in Khartum. Frauen würden sich auch tagsüber eher in Gruppen in der Stadt bewegen. Und es gibt immer noch viele Checkpoints und Soldaten.
Im Alltag funktioniert vieles nur provisorisch, berichtet Duaa:
- Weil die Stromversorgung unzuverlässig ist, würden sich einige Haushalte selbst mit Solarstrom versorgen.
- Der Bildungsbereich sei nicht gut aufgestellt: Öffentliche Schulen befänden sich in einem sehr schlechten Zustand und auch die Unis arbeiteten noch nicht richtig.
- Wegen der hohen Inflation sei alles sehr teuer.
- Busse würden zwar den öffentlichen Verkehr gewährleisten, fahren aber sehr unzuverlässig.
- Die Internetversorgung sei instabil.
- Medikamente seien oft nur schwer zu bekommen.
Alles in allem seien die Menschen im Sudan auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Trotzdem beeindruckt unseren Korrespondenten im Sudan, Moritz Behrendt, dass die Menschen sich mit großem Selbstbewusstsein selbst organisieren, um ihre Situation zu verbessern.
Krieg im Süden hält unvermindert an
Für viele Menschen im Sudan ist die Lage weiterhin dramatisch, vor allem in den umkämpften Gebieten im Süden des Landes rund um die Stadt El Obeid, sagt Moritz Behrendt. Dort sei es fast genauso riskant zu fliehen, wie in der Stadt zu bleiben. Es mangele an Lebensmitteln und Medikamenten.
Laut UN sind neun Millionen Sudanes*innen auf der Flucht im eigenen Land. Weitere vier Millionen Menschen sind in die Nachbarländer geflohen. Und etwa die Hälfte der Bevölkerung kann sich nicht angemessen ernähren.
Duaa kritisiert, dass internationale Medien kaum über den Sudan berichten. Das Land komme erst in den Nachrichten vor, wenn ein Massaker oder eine ethnische Säuberung stattgefunden hätte. Als Khartum etwa besonders hart unter einer Hungersnot litt, sei darüber kaum berichtet worden, beklagt Duaa.
Lage im Sudan kein Prio-Thema für Medien
Auch in der internationalen Politik würde kaum über ihr Heimatland gesprochen. Den politischen Entscheidungsträger*innen fehle offenbar der Wille, sich mehr mit dem Sudan zu beschäftigen. Das könne auch daran liegen, dass sich Politiker dann ihr eigenes Versagen eingestehen müssten.
Moritz Behrendt glaubt, dass andere Kriege – die Europa näher sind – die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Deshalb werde eher weniger über den Sudan gesprochen. Zudem sei es auch sehr schwer, sich auf eine Seite der Kriegsparteien zu schlagen. Den RSF-Milizen werden Gräueltaten, Massaker und Kriegsverbrechen – Vergewaltigungen bis hin zur Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen – vorgeworfen.
Die Regierungsarmee ihrerseits nehme aber auch keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. "In ihren Reihen ist wiederum der Einfluss von Islamisten ziemlich groß", sagt unser Korrespondent.
"Das Problem ist: Dazwischen ist die gesamte Zivilbevölkerung, die mit diesem Krieg eigentlich relativ wenig zu tun hat – und die geschützt werden müsste."
Der Sudan ist fünfmal so groß wie Deutschland. Insgesamt leben dort rund 50 Millionen Menschen. Manche Gegenden sind nur schwer erreichbar, sodass Hilfsgüter dort kaum hingelangen. Die beiden Kriegsparteien nehmen keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, sagt unser Korrespondent. Viele Menschen hätten mitansehen müssen, wie Familienangehörige brutal ums Leben gekommen sind.
"Ich habe im Sudan mit vielen Menschen gesprochen – und alle haben irgendeine Geschichte von Leid und Verlust."
Die sudanesische Armee und die RSF sind in ihrer Kampfstärke ungefähr gleich, sagt Moritz Behrendt. Besonders umkämpft sei aktuell die Stadt El Obeid im Süden. Die RSF-Miliz setze für den Beschuss der Stadt Drohnen ein. Außerdem hätte sie versucht, die Stadt einzukesseln. Zuletzt hätte die Armee aber eine erfolgreiche Offensive gestartet.
Warum wird dieser Krieg geführt?
Auslöser des Konflikts ist der Machtkampf zwischen dem Armeechef Abdel Fattah Burhan und seinem ehemaligen Vize Mohammed Hamdan Daglo, auch bekannt als Hemeti, der die RSF anführt. Die beiden Generäle kämpfen um die Kontrolle über das Land und über die Rohstoffe wie Gold und Gummi Arabicum. Letzteres wird zum Beispiel in Kosmetik oder Lebensmitteln verwendet, der Sudan ist weltweit das wichtigste Anbaugebiet.
An diesen Rohstoffvorkommen haben auch Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate großes Interesse. Sie sind der wichtigste Verbündete der RSF-Miliz, sagt unser Korrespondent. Auf der anderen Seite stehen Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei. Diese wiederum sind Verbündete der USA oder der EU. Würde also die EU ernsthaft als primäres Ziel den Frieden im Sudan verfolgen, müsste sie ihren Verbündeten deutlich machen, keine Waffen mehr in den Sudan zu liefern, meint Moritz Behrendt. Ein Waffenembargo für Teile des Sudan gibt es zwar, aber es müsste umfassender sein und auch wirklich durchgesetzt und kontrolliert werden, ergänzt er.
"Den Krieg, den führen die sudanesischen Warlords selbst. Und wenn die jetzt sagen, wir versöhnen uns, wir finden eine Lösung, dann wäre das vermutlich der einfachste Weg, diesen Krieg zu beenden."
Duaa wünscht sich, dass es endlich zu einer Feuerpause kommt. Langfristig hofft sie auf Frieden und eine demokratische Regierung im Sudan. Möglicherweise könnte der Sudan auch geteilt werden: Die RSF-Miliz kontrolliert den Süden und Südwesten des Landes, die Regierungsarmee hält die Hauptstadtregion, den Norden und im Osten die Rotmeerküste.
Diese Gebietskontrollen stellen de facto eine Teilung dar, meint unser Korrespondent. Es sei ein realistisches Szenario, dass dies auch wirklich zu einer Teilung des Landes führe.