VerleihenWas, wenn wir Dinge kaputt zurückbekommen?

Benita hat ein Buch verliehen und zurückbekommen – nur dass es jetzt kleiner ist. Ob wir sauer oder gelassen sind, wenn Dinge kaputt zurückgegeben werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sieht Benita heute das Buch im Regal, muss sie schmunzeln.

Benita liebt Bücher und tauscht sich darüber intensiv bei Booktok Games auf TikTok aus. In dieser Buch-Bubble werden Bücher nur unter Freunden und guten Bekannten verliehen, sagt Benita. Dafür gebe es auch klare Regeln wie das Vermeiden von Leserillen, keine Eselsohren zu machen und das Buch vor Wasserschäden zu schützen.

"Ein Buch sollte einfach noch so aussehen, wie ich es abgegeben habe."
Benita verleiht Bücher nur an Freunde und gute Bekannte

Ihrer Nachbarin hat Benita ein Buch für den Urlaub ausgeliehen. Nach ein paar Wochen liegt das Buch wieder auf Benitas Fußmatte. "Ich war schon irritiert", erzählt sie. Das Buch war viel kleiner als das Verliehene. Sie glaubt, dass der Nachbarin ein schlimmes Missgeschick mit dem Buch passiert und es vielleicht gar nicht mehr aus dem Urlaub mit nach Hause gekommen ist. "Ich fand super lieb, dass sie das sofort ersetzt hat ", erzählt Benita.

Noch schlimmer: Wenn Verliehenes nicht mehr zurückkommt

Kleiner Wermutstropfen: Das Ersatzbuch ist kleiner als das Original, das zu einer Reihe gehört. Jetzt steht es neben den anderen Bänden im Regal – und fällt aus der Reihe. "Ich habe mich im ersten Moment natürlich geärgert, weil es im Regal jetzt einfach auch nicht mehr passend aussieht zu den anderen Bänden", sagt Benita. Aber trotzdem freut sie sich mehr darüber, das Buch zurückbekommen zu haben. Denn oft hat sie auch erlebt, dass die Bücher nicht wieder zurückgegeben wurden.

Benita steht vor ihrem Bücherregal, hält zwei Bücher einer Reihe in der Hand und lächelt in die Kamera.

Buch mit Eselsohren, Pulli mit Kaffeeflecken, Kanne mit Macken – so können Dinge zurückkommen, nachdem wir sie verliehen haben. Ob wir wütend sind, wenn Dinge kaputt zurückgegeben werden, oder wir es gelassen hinnehmen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Denn hinter dem Verleihen wirken unsere Einstellung zu Besitz, kulturelle Prägung, Vertrauen und Beziehung zu der anderen Person.

Was bedeutet für uns Besitz?

Rosalie Weigand, Psychologische Psychotherapeutin, nennt als Beispiel bei der kulturellen Prägung unsere westliche individualistische Kultur, in der wir eher an Besitz festhalten, als beispielsweise Menschen in asiatischen Ländern, die eher durch eine kollektivistische Kultur geprägt sind.

Besitz habe aber auch viel mit Sicherheit zu tun. Eine Person, die bereit ist, etwas auszuleihen, ist sich womöglich sehr sicher in der Bindung zu der anderen Person und kann "deswegen ihren Besitz eben guten Herzens weggeben", erklärt sie. Empfindet eine Person aber eine Bindung eher als unsicher, fällt es ihr schwerer etwas wegzugeben, hat Ängste und ist eher enttäuscht, wenn die Dinge kaputt zurückgegeben werden oder auch gar nicht.

Ob wir Dinge verleihen, kann auch mit unserer familiären Prägung zusammenhängen, sagt Rosalie Weigand. Sind wir in einer Familie aufgewachsen, in der mit Besitz freigiebig umgegangen wird, falle es uns leichter, Dinge zu verleihen, und wir seien auch weniger enttäuscht oder verärgert, wenn diese kaputt oder gar nicht zurückgegeben werden.

Wenn Dinge mit Emotionen verknüpft sind

Reagieren wir total verärgert darauf, dass zum Beispiel ein Buch beschädigt oder gar nicht zurückgeben wird, dann rät Rosalie Weigand, erst einmal zu hinterfragen, ob wir ein Problem mit der anderen Person haben und das Buch nur Stellvertreter für ein anderes Problem ist oder ob wir mit dem Buch an sich starke Emotionen verbinden.

Wenn es uns um die Sache geht, weil wir damit eine bestimmte Erinnerung oder Gefühle verbinden, dann sollten wir der anderen Person erklären, warum wir enttäuscht oder verletzt sind, rät Rosalie Weigand. Eine gute Beziehung könne ein solches Konfliktgespräch aushalten.

Bevor wir Dinge verleihen, an denen wir sehr hängen, weil wir starke Erinnerungen und Gefühle damit verbinden, sollten wir das bei der anderen Person vorher ansprechen, sagt Rosalie Weigand.

"Es ist wichtig zu sagen, dass das Ding auch noch einen Wert über das Materielle hinaus hat, damit die andere Person das weiß."
Rosalie Weigand, Psychologische Psychotherapeutin und Paartherapeutin

In der Regel würden wir aber eher darauf achten, ausgeliehene Dinge wieder in einem guten Zustand zurückzugeben. Das hänge mit dem "Gesetz des Wiedersehens" zusammen, erklärt Soziologe Kai-Uwe Hellmann. Das bedeutet, dass eine gewisse soziale Kontrolle uns zwingt, auf ausgeliehene Gegenstände zu achten. Denn wenn wir mit der Person in einer Beziehung stehen, dann werden wir ihr auch noch öfter begegnen oder wir bewegen uns im selben Netzwerk wie sie. Und wir wollen nicht, dass unser soziales Ansehen beschädigt wird, nur weil wir Dinge in einem schlechten Zustand zurückgeben.

"Wir können so eine Art soziale Reputation, also Ansehen, verlieren, wenn wir Dinge in einem schlechten Zustand zurückgeben."
Kai-Uwe Hellmann, Konsum- und Wirtschaftssoziologe TU Berlin

Sollten wir in die Situation kommen, dass wir einen ausgeliehenen Gegenstand beschädigt zurückgeben, dann rät Rosalie Weigand, die Verantwortung dafür zu übernehmen und die Beziehung zu der anderen Person in den Vordergrund zu stellen: Schildern, was passiert ist, sodass die andere Person es nachvollziehen kann, sich entschuldigen und eine Wiedergutmachung vorschlagen. "Und dann eben die Beziehung priorisieren, also dass man am Ende noch mal klarmacht, mir ist wichtig, dass wir uns jetzt nicht deswegen zerstreiten", rät Rosalie Weigand.