"Vetternwirtschaft"Wie die AfD die eigenen Leute versorgt

Steuergeld, Parteifreunde, Bundestagsjobs: Bei der AfD sorgt ein Netzwerk aus Mitarbeiterstellen für Ärger. Kanzler Merz spricht von "Vetternwirtschaft", die Regierung will strengere Regeln. Was ist da passiert – und was dürfen Abgeordnete eigentlich?

In der AfD brodelt es. Auslöser sind Vorwürfe, wonach Abgeordnete Parteifreunde und Angehörige über Umwege beschäftigen – bezahlt mit Steuergeld. Besonders im Landesverband Sachsen-Anhalt verdichten sich die Hinweise auf ein enges Netzwerk aus familiären und persönlichen Verbindungen.

Ins Rollen gebracht hatte die Debatte ausgerechnet ein Parteikollege: Der Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt sprach öffentlich von einer "Beutegemeinschaft" innerhalb der AfD und warf führenden Köpfen in Sachsen-Anhalt vor, Mandate und Mitarbeiterstellen untereinander zu verteilen. Inzwischen steht er parteiintern selbst massiv unter Druck, gegen ihn läuft ein Parteiausschlussverfahren.

Wenzel-Schmidt wehrt sich gegen interne Sanktionen und spricht von einer Kampagne gegen seine Person.

Jan Wenzel Schmidt (AfD) brachte den Skandal ins Rollen

Nadine Lindner ist Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio und beobachtet die AfD seit Jahren. Beim AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt habe alles angefangen. Inzwischen seien aber auch Fälle aus Brandenburg, Thüringen, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen bekannt.

"Bislang ist mir kein Fall bekannt, wo es wirklich illegal ist. Aber es ist halt so eine Art von Filz-Freunde-Wirtschaft, man hilft sich untereinander."
Nadine Lindner, Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio

Bei der AfD in Sachsen-Anhalt geht es vor allem um Ulrich Siegmund, Co-Vorsitzender der AfD-Landtagsfraktion und Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2026, sowie um den parlamentarischen Geschäftsführer Tobias Rausch, berichtet Nadine Lindner. Gleich mehrere Angehörige und Vertraute seien in AfD-Strukturen untergebracht: Drei Geschwister von Rausch arbeiteten bei der AfD-Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss, ein Schwager sei beim Bundestagsabgeordneten Thomas Korell beschäftigt. Auch der Vater von Ulrich Siegmund arbeitet in Korells Büro.

Im Landtag in Magdeburg: Tobias Rausch (links), der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion von Sachsen-Anhalt, neben Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2026

Auch Rauschs Ehefrau sei in der Landtagsfraktion angestellt – sie arbeitete dort bereits vor der Eheschließung mit Tobias Rausch, sei aber weiterhin dort tätig. Darüber hinaus gebe es Hinweise auf weitere Bekannte aus Rauschs persönlichem Umfeld, darunter Fußballfreunde und Vereinsmitglieder, die ebenfalls auf Gehaltslisten auftauchten.

"Mittlerweile habe ich das Gefühl, ich brauche eigentlich eine Grafik, um all diese Netzwerke und Beziehungen abzubilden."
Nadine Lindner, Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio

Rechtlich erlaubt, moralisch umstritten

Rechtlich sind viele der bekannten Fälle nicht verboten. Eigene Verwandte dürfen Abgeordnete zwar nicht einstellen – sogenannte Überkreuz-Anstellungen sind jedoch zulässig. Das erklärt Anna Maibaum aus dem Unboxing-News-Team.

"Direkte Familienjobs sind verboten – aber Überkreuz-Anstellungen sind rechtlich möglich."
Anna Maibaum, Deutschlandfunk Nova, Unboxing-News-Reporterin

Sie erläutert, dass etwa die Schwester eines Parteifreunds beschäftigt werden dürfe, solange man nicht die eigene Familie einstellt. Formal sei das legal, solange die Person tatsächlich arbeite und kein Scheinjob vorliege.

Das Problem liege weniger im Gesetz als in der Wirkung nach außen: "Wenn sich Abgeordnete gegenseitig Angehörige zuschieben, dann entsteht schnell der Eindruck, hier geht es halt nicht um die beste Bewerbung, sondern um Parteifreunde."

"Also das Problem ist weniger das Gesetz, sondern wie es wirkt."
Anna Maibaum, Deutschlandfunk Nova, Unboxing-News-Reporterin

Der Eindruck: Filz statt Leistungsprinzip. Hinzu komme die geringe Transparenz: Es gebe keine öffentliche Liste aller Mitarbeitenden und Gehälter. Dadurch sei schwer nachvollziehbar, wer unter welchen Bedingungen beschäftigt werde.

Anspruch und Wirklichkeit

Für die AfD ist das besonders heikel, weil sie sich selbst lange als Alternative zu den "Altparteien" inszeniert hat. Nadine Lindner betont, dass genau hier der Kern des Problems liege.

"Die AfD nimmt für sich in Anspruch, sauberer zu sein – ohne Filz und ohne Parteifreundschaften. Dieser Anspruch, dieses Bild, bekommt jetzt Risse."
Nadine Lindner, Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio

Das Selbstbild der AfD bekommt Risse, so Lindner. Zwar verwiesen Parteivertreter darauf, alles sei legal und man finde kaum qualifiziertes Personal. Sie hält das jedoch nur für bedingt überzeugend – und weist darauf hin, dass die Partei in manchen Landtagen vergleichsweise viele Mitarbeitende beschäftige. Das Argument des Personalmangels erscheine deshalb eher als Schutzbehauptung.

Politisches Risiko im Wahljahr

Innerhalb der AfD soll nun eine Transparenzkommission die Vorwürfe prüfen. Konkrete Maßnahmen oder Fristen sind bislang kaum bekannt. Lindner beschreibt die Lage als ungeordnet und ohne klaren Plan.

"Einen richtigen Plan, wie man da rauskommen will, sehe ich bisher nicht."
Nadine Lindner, Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio

Für die AfD steht sehr viel auf dem Spiel: ihre Glaubwürdigkeit.

In Umfragen schneidet sie teilweise weiterhin stark ab – doch ein Teil der eigenen Wählerschaft erwartet laut Erhebungen bereits spürbare Schäden durch die Affäre. In einem Wahljahr wie 2026 könnte das entscheidend sein.

Ob die Vorwürfe juristische Konsequenzen haben, ist offen. Politisch aber treffen sie die AfD an einem empfindlichen Punkt: dem eigenen Anspruch, anders zu sein als die anderen.