WahlverhaltenWarum ein guter Spitzenkandidat so wichtig ist

Die Parteibindung nimmt ab. Darum wird die Person, die zur Wahl steht, für den Erfolg einer Partei immer wichtiger, sagt der Politikwissenschaftler Janek Treiber: Gute Kandidaten müssen nicht nur kompetent, sondern auch sympathisch sein.

Immer weniger Menschen bleiben einer Partei ihr Leben lang treu – zumindest in ihrem Wahlverhalten. Jahrzehntelang dieselbe Partei wählen, das wird immer mehr zur Ausnahme, sagt der Politikwissenschaftler Janek Treiber. Und deshalb wird es auch für die Parteien in Wahlkampfzeiten immer wichtiger, Argumente zu liefern, warum wir unser Kreuzchen dort und nicht wo anders machen sollten.

"Weniger Menschen sagen: 'Ich wähle seit 40 Jahren CDU, oder seit 40 Jahren SPD, weil ich die immer wähle.'"
Janek Treiber, Politikwissenschaftler

Auch eine gute Person kann ein Argument sein, eine Partei zu wählen, meint der Politikwissenschaftler. Dabei gelten laut Janek Treiber bestimmte Kriterien: Der Spitzenkandidat oder die Spitzenkandidatin muss präsentabel sein. Er muss sich in verschiedenen Situationen spontan und gut verhalten können, er muss Kompetenz ausstrahlen und Führungsstärke.

Sympathiepunkte dürfen nicht fehlen

Besonders wichtig: Ein guter Kandidat muss sympathisch rüberkommen. "Wir haben auch immer wieder den Fall gehabt, dass Kandidaten, selbst wenn sie vielleicht kompetent sind, irgendwie unsympathisch oder unnahbar wirken", sagt Janek Treiber. Als Beispiel dafür nennt er den Bundeskanzler, der statistisch gesehen bei Frauen schlecht ankommt. Das sei nicht nur schädlich für ihn und sein Amt, sondern auch für die ganze Partei.

"Gerade bei Cem Özdemir ist davon auszugehen, dass viele ihn wegen seiner Person gewählt haben."
Janek Treiber, Politikwissenschaftler

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg konnte man einmal mehr sehen, wie wichtig die Rolle des Spitzenkandidaten ist: Die Grünen konnten die Wahl für sich entscheiden, obwohl sich laut Umfragen im Vorfeld eigentlich rund 44 Prozent der Wählerinnen und Wähler eine CDU-geführte Landesregierung gewünscht hätten. Was also hat Cem Özdemir richtig gemacht?

"Özdemir wurde in fast allen Kategorien in den Nachwahlbefragungen als kompetenter, vertrauenswürdiger und so weiter wahrgenommen."
Janek Treiber, Politikwissenschaftler

Manuel Hagel von der CDU konnte gegen Cem Özdemir nicht punkten, weil er zum einen weniger bekannt war als der Grünen-Politiker, der schon lange auch in der Bundespolitik einen Namen hat, auch wenn er als Bundeslandwirtschaftsminister nicht sehr beliebt war.

Patzer im Wahlkampf kosten Stimmen

Zum anderen hatte Manuel Hagel im Wahlkampf eine Situation an einer Schule, in der er nicht gut rüber kam. Es wirkte, als ob er eine Lehrerin anging. Dazu kam noch ein älteres Video, indem er sich ungeschickt über Schülerinnen äußerte. Das alles warf kein gutes Licht auf den CDU-Mann. "Und das kostet dann vielleicht nicht Millionen Stimmen, aber vielleicht ein paar hundert oder paar Tausend, die dann ausschlaggebend sein können", fasst Janek Treiber zusammen.

"Es hängt aber auch damit zusammen, dass die Grünen sich in Baden-Württemberg Schichten erschlossen haben, die in anderen Bundesländern verschlossen sind."
Janek Treiber, Politikwissenschaftler

Schließlich aber hatte Cem Özdemir in Baden-Württemberg auch eine gute Ausgangssituation: Er präsentierte sich quasi als Nachfolger von Landesvater Winfried Kretschmann und profitierte von seinem Amtsbonus. Innerhalb seiner Amtszeit konnten die Grünen im Land auch bei älteren Wählen gut Stimmen bekommen – in anderen Bundesländern wird die Partei eher von jungen bis mittelalten Menschen gewählt, so der Politikwissenschaftler. Außerdem seien die Grünen in Baden-Württemberg durchaus ein bisschen konservativer als im Rest der Republik, das kommt dort gut an.