WaschmaschineHidden Champion der Wirtschaftsgeschichte?
Die Frage nach der wichtigsten Innovation der Wirtschaftsgeschichte ist für manche ganz einfach zu beantworten: das Internet. Was aber, wenn eine unscheinbare Waschmaschine ihm den Rang abläuft?
Das Internet ist eine der Innovationen, die den Alltag für viele von uns am meisten beeinflusst. Darum liegt es nah, dass das Internet auch für die gesamte Wirtschaft eine entscheidende Rolle spielt – doch an dieser Geschichte gibt es Zweifel.
Was ist wirklich wichtig?
Der Ökonom Ha-Joon Chang forscht an der britischen SOAS-Uni (School of Oriental and African Studies) zur Wirtschaftsgeschichte und zu Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung. In seinem Buch "23 Things They Don't Tell You About Capitalism" schreibt er, das Internet werde in seiner Wirkung für die Wirtschaftsentwicklung überschätzt:
"Was die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen angeht, war die Internetrevolution (zumindest bislang) nicht so bedeutend wie die Waschmaschine und andere Haushaltsgeräte, die durch die erhebliche Verringerung des Arbeitsaufwands bei der Hausarbeit Frauen den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichten und Berufe wie den Haushaltsdienst praktisch abschafften."
Revolution der Waschmaschine
Chang argumentiert, das Internet habe zwar die Kommunikation noch mal etwas schneller gemacht als in der Zeit vor dem Internet. Doch die tatsächlich revolutionäre Umwälzung sei mit Geräten gekommen, die uns Zeit gespart hätten.
Die Waschmaschine etwa habe – zusammen mit anderen Haushaltsgeräten – dafür gesorgt, dass viele Frauen die Möglichkeit erhalten haben, einer Lohnarbeit nachzugehen, weil die Hausarbeit schneller erledigt werden konnte. Gleichzeitig sei ein ganzes Berufsfeld, und zwar das der Haushaltshilfen durch diese Maschinen beinahe verschwunden. Der Arbeitsmarktzugang für Hunderte Millionen Frauen sei gesellschaftlich deshalb auch deutlich relevanter als die Einführung des Internets.
Changs Skepsis gegenüber dem Internet beruht auf der Forschung namhafter Ökonomen wie dem US-Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow. Der Volkswirt hatte schon in den 1980er-Jahren darauf hingewiesen, dass die massiven Ausgaben in Computer und IT-Infrastruktur wider Erwarten nicht mit einem Anstieg der Produktivität einhergingen. Seine These wird als "Produktivitätsparadoxon" in der Wirtschaftswissenschaft diskutiert.
Stimmt die Waschmaschinen-Geschichte?
Aber auch an der revolutionären Rolle der Waschmaschine gibt es Zweifel. Forscherinnen wie die US-Historikerin Ruth Schwartz Cowan haben herausgefunden, dass die durch Maschinen eingesparte Arbeitszeit eher dazu genutzt wurde, öfter zu waschen zum Beispiel oder die Arbeit von Kindern oder Männern im Haushalt zu reduzieren. Frauen konnten jedoch keineswegs die gesparte Arbeitszeit komplett dazu nutzen, einer Lohnarbeit nachzugehen.
"Wo ich gar nicht mitgehe, ist bei der These, dass das Frauen für den Arbeitsmarkt freigesetzt hat. Meine These wäre eher, dass das eine Doppelbelastung verschleiert."
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