WeltwirtschaftDie hohen Spritpreise sind erst der Anfang

Die Blockade der Straße von Hormus sorgt gerade nicht nur an den Tankstellen für Preisschocks. Sie trifft auch Branchen, bei denen man es nicht sofort erwarten würde – zum Beispiel die Kosmetikindustrie.

Christopher Gerling ist Geschäftsführer der Straub Marbert Beauty Group. Das Unternehmen produziert Bodylotion, Gesichtspflege und Deos – Produkte, die es in vielen Drogerien und Supermärkten zu kaufen gibt. "Aktuell wird alles teurer. Wirklich alles", sagt Gerling.

"Wir haben jetzt eine Erhöhung für Paletten bekommen. Keine Ahnung warum, aber die haben wir bekommen."
Christopher Gerling, Straub Marbert Beauty Group

Das Unternehmen beobachtet die Märkte inzwischen in Echtzeit, sagt Gerling. "Wir kriegen minutengenaue Informationen, wie sich die Preise entwickeln." Er nennt ein Beispiel: Innerhalb eines einzigen Tages habe es erst eine Preiserhöhung von 40 Prozent gegeben, dann folgte eine leichte Korrektur, nur damit am Nachmittag noch mal ein Aufschlag draufkam. "So bekamen wir eine Preiserhöhung von 50 Prozent innerhalb eines Tages." Zum Vergleich: In der Regel sei es üblich, Preise mit Vorankündigung zum Quartalsende anzuheben.

Warum alles teurer wird

Ein wichtiger Preistreiber ist der Ölpreis, aber nicht nur, weil er als Benzin oder Diesel für den Transport von Waren nötig ist, erklärt Gerling. Er wirke sich auch beispielsweise auf Verpackungen aus. "Kunststoff hängt untrennbar mit dem Rohölpreis zusammen, weil Rohöl ein wesentlicher Bestandteil von Kunststoff ist."

Und schließlich kämen höhere Risikoaufschläge bei Versicherungen hinzu aufgrund der militärisch angespannten Lage im Nahem Osten. "Das sind pro Schiff ruckzuck ein, zwei Milliönchen", so Gerling.

Was sich all diese Faktoren auf Produkte niederschlagen, zeigt Gerling an einem Deo-Roller: "Vorher produzierte man das Deo beispielsweise für 95 Cent, momentan kostet es in der Produktion 1,36 Euro." Das sei ein massiver Anstieg.

Laut DIW kommt Preisanstieg in zwei Etappen

Was sich zurzeit auf dem Markt abspielt, ist nur der Anfang, sagt Geraldine Dany-Knedlik, Leiterin der Prognose am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das DIW gehört zum Forschungsprojekt "Gemeinschaftsdiagnose"; gemeinsam mit führenden Wirtschaftsinstituten geben sie Schätzung zur Konjunkturentwicklung in Deutschland ab.

Laut DIW wird die Preissteigerung Verbraucher*innen in zwei Wellen treffen. Die erste Welle betrifft die Energie, also Kraftstoffe, Heizung und Strom:

"Wir rechnen damit, dass die Verbraucherpreise für Energie in diesem Jahr um rund 6,8 Prozent steigen werden. Das ist schon enorm."
Geraldine Dany-Knedlik, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Die zweite Welle kommt laut Prognose zeitversetzt – über Lieferketten und Produktion.

Wenn Gas teurer wird, steigen unter anderem die Kosten für Düngemittel. Das wirke sich wiederum auf Lebensmittelpreise aus. Dazu kommen höhere Transportkosten. Besonders betroffen werden laut Dany-Knedlik sein:

  • Brot und Backwaren
  • Fleisch- und Milchprodukte
  • Tiefkühlkost (weil energieintensiv)
  • alles, was per Lkw transportiert wird

Wie stark die Auswirkungen am Ende sind, hänge vor allem von der Dauer der Krise ab. Bleiben die Preise länger hoch, passen Unternehmen ihre Verkaufspreise an. "Die Frage ist nicht, was es für Preisspitzen gibt, die Frage ist, wie lange sich höhere Preise halten." Und selbst wenn sich die Lage entspannt, heißt das nicht automatisch, dass alles wieder günstiger wird, fügt Dany-Knedlik hinzu.

"Das alles hängt maßgeblich davon ab, wie lange die Straße von Hormus blockiert bleibt."
Geraldine Dany-Knedlik, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Kritik an politischen Maßnahmen

Um vor allem Autofahrer*innen zu entlasten, hat die Bundesregierung nun beschlossen, die Energiesteuer zwei Monate lang um 17 Cent zu senken. Außerdem werden Unternehmen angehalten Beschäftigten einen steuerfreien Bonus anzubieten. Letzteres geht laut Christopher Gerling an der Realität mittelständischer Unternehmen vorbei.

"1.000 Euro steuerfrei an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bezahlen, das sind für uns 150.000 Euro. Wer macht das bei der derzeitigen Situation?"
Christopher Gerling, Straub Marbert Beauty Group

Was laut DIW sinnvoller wäre

Dany-Knedlik hingegen formuliert es so: "Das DIW hat sich in seinem Gutachten dafür ausgesprochen, nicht Maßnahmen zu ergreifen, die am Preismechanismus ansetzen." Das Problem dabei sei, dass es für die Menschen keinen Anreiz gibt, zu sparen.

"Die Folge ist, dass wir unsere Nachfrage stabil halten, was in der Gesamtschau den Weltpreis noch mal anfeuert."
Geraldine Dany-Knedlik, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Dany-Knedlik plädiert stattdessen für gezieltere Unterstützung: "Wenn man etwas machen möchte, gerade sozialpolitisch, dann könnte man eher auf nicht zweckgebundene Transfers setzen." Das könnte meinen, die Grundsicherung im Laufe des Jahres anzupassen und damit gezielt Menschen helfen, die besonders betroffen sind.

Klar ist: Die Blockade der Straße von Hormus ist weit mehr als ein geopolitisches Problem. Sie zieht sich durch Lieferketten, Produktionsprozesse und am Ende bis in unseren Alltag. Und wie lange wir die Folgen spüren, hängt vor allem von einer Frage ab: Wann diese wichtige Handelsroute wieder frei ist.