WhimsicalWie bringen wir mehr Leichtigkeit in unseren Alltag?

Offener für die kleinen, schönen und verspielten Dinge des Lebens zu sein – darum geht es beim Whimsical-Trend. Für Claire ist das eine Lebenseinstellung. Eine Psychotherapeutin erklärt, warum es guttun kann, whimsy zu sein.

Bunte Streusel auf dem Kaffee, niedliche Figuren in der Wohnung oder eine Tapete mit Schleifen: Auf Social Media ist euch vielleicht schon die Whimsy-Ästhetik begegnet – auf Deutsch: Verspieltheit.

Für Claire steckt allerdings mehr dahinter: "Dass man sich selbst in dieser Welt zurechtfindet, indem man sich immer wieder kleine Glücksmomente bereitet", sagt sie.

Die Welt mit anderen Augen sehen

Claire ist Mitte 20 und hat sich schon immer gerne damit beschäftigt, ihren Alltag bewusst wahrzunehmen. Mehr Whimsical-Momente in ihr Leben einzubauen, ist für sie schon lange etwas ganz Natürliches.

Glücksmomente aus der Kindheit zurückholen

"Ich weiß, dass der Trend, vor allem online, sehr auf kindliche, spaßige Sachen ausgelegt ist – irgendwie sehr bunt, glitzernd und auch nostalgisch", sagt Claire. "Aber für mich ist Whimsy eigentlich viel mehr. Es hat mit Sachen zu tun, die man als Kind genossen hat, die man irgendwie besonders toll fand und die einem einfach Freude bereitet haben."

Für Claire hat Whimsical vor allem mit Glücksmomenten aus der Kindheit zu tun
"Als Erwachsene, habe ich das Gefühl, überdenkt man so häufig, was macht mir jetzt Spaß, was brauche ich, was sollte ich machen? Und als Kind macht man einfach."
Claire, für sie ist Whimsical eine Lebenseinstellung

Claire liebt beispielsweise Journaling. "Ich führe einen Mix aus Tagebuch und Fotoalbum. Das habe ich schon als junges Mädchen richtig gerne gemacht und geliebt – und ich führe es bis heute weiter. Das ist etwas, das mir richtig viel Freude bereitet."

Whimsical-Momente im Alltag

Sie hat aber auch Brieffreundschaften, die sie pflegt. Claire freut sich jedes Mal riesig, wenn sie einen Brief bekommt. Für sie ist das absolut whimsical: "Man weiß meistens nicht, wann die Antwort kommt, und oft sind noch kleine Geschenke dabei – ein bisschen Washi-Tape, ein paar Sticker oder etwas kleines Gebasteltes."

"Wenn man in seinen Briefkasten schaut und nur Rechnungen sieht – das ist wirklich nicht sehr whimsical. Aber wenn dann da ein schön bemalter, bestickter Umschlag drin ist, freue ich mich wirklich sehr darüber."
Claire, für sie ist Whimsical eine Lebenseinstellung

Bei Claire sorgen vor allem Sticker für dieses besondere Whimsical-Gefühl. "Ich weiß, dass viele von uns früher Sticker hatten und die gibt es quasi immer noch, weil sich niemand getraut hat, die zu benutzen", so Claire.

Stickern und Sternchen malen

Sticker aber auch wirklich zu benutzen, hat noch mal eine ganz andere Magie, findet Claire. "Auch als erwachsene Person einfach weiter Sticker stickern. Das macht alles ein bisschen schöner und bunter und weniger langweilig. Sticker auf die Eins." Claire malt auch oft Sternchen auf alles Mögliche. "Ich finde das so süß und es macht mir Freude", sagt sie.

"Mittlerweile mache ich auch bei meinen To-Do-Listen zum Beispiel keine Striche oder Bullet Points mehr, sondern ich male kleine Sternchen vor jeden Punkt."
Claire, für sie ist Whimsical eine Lebenseinstellung

Claire versucht auch, Dinge um sich herum bewusster wahrzunehmen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen: "Dass man irgendwie Gesichter in Bäumen sucht oder irgendwelche Häuser, die bestimmte Fenster haben und eine Tür, wo das dann aussieht, als wäre das ein Gesicht."

Unternehmen springen auf Whimsical-Zug auf

Vor allem durch Social Media erlebt der Whimsical-Trend gerade einen großen Hype – und das passiert nicht ganz zufällig. Denn vor den Bildschirmen sitzt eine werbeempfängliche, junge Zielgruppe, erklärt der Konsumforscher Florian Gasser.

"Die Firmen haben über die Jahre natürlich auch viel gelernt, vor allem, weil sich die klassische analoge Werbung immer schwerer tut, Personen oder Zielgruppen zu erreichen. Und so haben Unternehmen gelernt, Trends für sich zu verwenden", so der Konsumforscher. Whimsical hat großes Potenzial, weil wir bei diesem Thema alle Anknüpfungspunkte haben, erklärt Michael Gasser.

"Wir alle waren mal Kinder und haben tolle Sachen erlebt, die uns für ein ganzes Leben prägen. Und wenn wir dann erwachsen sind, denken wir auch häufiger nostalgisch an diese tolle Zeit zurück."
Florian Gasser, Konsumforscher

Die Wissenschaft zeigt, dass Social-Media-Trends einen Effekt darauf haben, was wir kaufen wollen.

"Wir reden häufig über zwei psychologische Mechanismen: zum einen das Thema des sozialen Beweises – also Social Proof, die Annahme, dass etwas gut oder richtig ist, weil viele andere es auch tun oder zeigen“, erklärt der Konsumforscher. "Das Zweite ist das klassische FOMO, also die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen."

Den eigene (Whimsy-) Konsum hinterfragen

Claire besitzt einige Whimsy-Produkte, bei denen sie sich von Influencern hat inspirieren lassen. Aber sie versucht, ihre Kaufentscheidungen auch immer wieder zu hinterfragen. "Will ich das jetzt haben, weil ich das bei irgendeiner Creatorin oder so gesehen habe und jetzt denke, mein Leben wird mehr whimsy, weil sie das hat? Oder ist das wirklich etwas, was ich haben will, was wirklich Freude in mir auslöst?"

Claire empfindet bei den Dingen, die sie als Whimsical bezeichnet, nicht nur Freude – sie sorgen bei ihr sogar für innere Stabilität und Ruhe im schnelllebigen Alltag.

"Es ist so leicht, sich in diesem Alltagsblabla zu verlieren. Und ich gebe mir einfach Mühe, da immer wieder zu mir zu finden, um dann daraus irgendwie Kraft schöpfen zu können."
Claire, für sie ist Whimsical eine Lebenseinstellung

Sie sieht das Ganze auch auf eine gewisse Art und Weise als Flucht vor der Realität. "Das, was momentan in der Welt passiert, beschäftigt mich sehr und trifft mich sehr. Und ich könnte daran total leicht zugrunde gehen", sagt Claire. "Aber mir hilft es auf jeden Fall, diese kleinen magischen Momente ein bisschen mehr zu zelebrieren, um dann an anderer Stelle Kraft und Mut zu haben."

Was bringt uns der Whimsical-Trend persönlich?

Die psychologische Psychotherapeutin Veronika Mayer sagt, dass wir aus dem Whimsical-Trend einiges für uns ziehen können. Denn kindliche Freude und Neugier sind zentrale treibende Kräfte in der psychologischen Entwicklung des Menschen.

"Das hat viel mit Spiel zu tun, auch mit Fantasie, mit Ausprobieren und auch mit einem spontanen Entscheiden im Moment: Was ist jetzt dran? Und dann auch für eine Weile vielleicht ganz versunken sein in der Tätigkeit", so Veronika Mayer.

Den Alltag mehr genießen

Das Leben mit Fantasie zu gestalten, kann auch helfen, den Alltag nicht nur als Alltag zu erleben, sondern wieder mehr Bedeutung darin wahrzunehmen und zufriedener zu sein, erklärt die psychologische Psychotherapeutin. "Wenn wir kleinen Dingen bewusst Bedeutung geben, dann werden sie auch emotional für uns präsenter."

"Positive Momente nicht nur zu haben, sondern sie auch wirklich wahrzunehmen und dann auch auszukosten, kann Zufriedenheit fördern."
Veronika Mayer, psychologische Psychotherapeutin

Kritische Stimmen sagen, dass der Whimsy-Trend eine Form des Eskapismus ist. Auch Veronika Mayer findet, dass es kritisch werden kann, wenn Menschen die Realität komplett ausblenden: "Aber so grundsätzlich würde ich nicht jede Form von Romantisierung, Leichtigkeit oder vielleicht auch Eskapismus als negativ interpretieren, weil wir auch immer mal wieder Inseln brauchen, in denen wir abschalten können."

Analoge Hobbys liegen im Trend

Journaling, Briefe schreiben oder Basteln: Die Whimsy-Hobbys sind vor allem bei Jüngeren beliebt. Veronika Mayer sieht darin eine Art Gegenpol zu einem Alltag, der vor allem für junge Menschen sehr digital, schnell und reizintensiv ist. Das Stichwort hier: Sense of Agency.

"Das heißt, dieses Selberproduzieren statt nur zu konsumieren – also: Ich schreibe meinen eigenen Text, ich gestalte meine eigene Seite oder stelle etwas her. Und Sense of Agency ist so diese Urheberschaftskontrolle über das eigene Handeln, dass wir da mehr erleben."