Zu klein?Wie die Körpergröße unser Datingleben sabotiert
Manuela steht auf Männer, die mindestens 1,80 Meter groß sind. Das hat für sie etwas mit Attraktivität und Geborgenheit zu tun. Solche Präferenzen sind an sich okay. Warum wir aber auch mal Leute daten sollten, die nicht in unser Beuteschema passen.
Ela ist 1,66 Meter groß und in einer festen Beziehung mit einem Mann, der größer ist als sie. Für Ela spielt die Körpergröße beim Dating eine wichtige Rolle. Sie findet größere Männer einfach anziehender, sagt sie.
"Es hat eine andere Ausstrahlung für mich, wenn ein Mann größer ist als ich. Und ich fühle mich da auch irgendwie wohler."
Größere Männer und ihre Anziehungskraft
Beim Online-Dating würde sie deshalb eher Profile von Männern anklicken, die mindestens 1,80 Meter groß sind. Ela hat selbst ein wenig darüber geforscht, warum das so sein könnte. Ihre Erklärung: Wenn Männer im eigenen Umfeld – etwa der eigene Vater – größer sind, fühlt man sich auch zu solchen Männern stärker hingezogen. Bei ihr ist das der Fall.
Ela bezeichnet sich selbst als oberflächlich, weil ihr die Körpergröße bei Männern so wichtig ist. Manchmal denkt sie auch an frühere Dates zurück, bei denen der Mann kleiner war: "Wenn es bei uns kriselt, dann denke ich an Männer, die mich vielleicht noch ein Stück weit besser behandelt haben. Oder an einen speziell, der deutlich kleiner war als mein jetziger Freund, aber ein anderes Gefühl in mir ausgelöst und mir mehr Sicherheit vermittelt hat."
Körpergröße spielt gesellschaftlich große Rolle
Dass Ela diesen Hang zu großen Männern verspürt, ist nichts Ungewöhnliches, sondern ein kulturell hergestelltes Muster, erklärt die Soziologin und Autorin Laura Wiesböck. Innerhalb patriarchaler Gesellschaften werden Größe, Stärke und auch körperliche Präsenz als Zeichen von Autorität, Dominanz und Schutzfähigkeit gedeutet, sagt sie.
"Größere Männer verkörpern gesellschaftliche Machtpositionen, die in heterosexuellen Paarbeziehungen natürlich auch eine Rolle spielen."
Es geht also um ein generelles Prinzip in heterosexuellen Beziehungen: die "männliche Überragung". Das bedeutet, dass der Mann in der traditionellen Vorstellung fast immer "mehr" sein muss als die Frau – und das auf vielen Ebenen, erklärt Laura Wiesböck.
Die "männliche Überragung"
"In heterosexuellen Paarbeziehungen sind Männer häufig älter als Frauen. Das betrifft aber auch den Status, das Einkommen und den beruflichen Erfolg. Die Partnerin in all diesen Bereichen zu überragen, ist für Männer ganz wichtig, um ein fragiles Männlichkeitsgefühl abzusichern", so die Soziologin.
Früher reichte oft die Rolle des alleinverdienenden "Ernährers", um diese Überlegenheit zu sichern. Heute funktioniert das häufig nicht mehr so gut, weil Frauen tendenziell mehr verdienen und unabhängiger sind. Deshalb verlagert sich der Anspruch auf Dominanz stärker auf das vermeintlich einzig verbleibende Merkmal: den Körper.
Körpergröße so wichtig, weil klassische Rollenbilder bröckeln
Ela hat schon öfter darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn sie den Fokus nicht mehr so stark auf die Körpergröße von Männern legen würde. Doch diesen Schritt auch zu gehen, hat sie bisher nicht geschafft – und das findet sie schade.
"Ich denke, man lässt sich gute Menschen entgehen, wenn man zu oberflächlich aussortiert."
Offener beim Dating zu sein, hält auch die Psychologin und Paartherapeutin Wera Aretz für wichtig: Wir sollten auch mal von der Checkliste im Kopf, welche Kriterien potenzielle Dates erfüllen müssen, abweichen, sagt sie. Denn: "Wir wissen aus der Forschung, dass so etwas wie Körpergröße nichts darüber aussagt, wie zufrieden oder glücklich ich in der Partnerschaft werde."
Größe oft Ausschlusskriterium auf Datingportalen
Wera Aretz findet es schade, dass Menschen auf Datingportalen beispielsweise direkt aussortiert werden, wenn sie fünf Zentimeter "zu groß" oder "zu klein" sind. Laut der Psychologin ist die Körpergröße meist ein "Platzhalter" für ein bestimmtes Gefühl. Wir sollten deshalb kritisch hinterfragen: "Was verspreche ich mir von einer Person mit einer bestimmten Größe? Geht es um Sicherheit, Status oder Orientierung?"
Dieses Sich-Hinterfragen kann uns laut der Psychologin dann motivieren, von diesen Kriterien abzuweichen und etwas Neues auszuprobieren.