Die USA und Israel greifen Iran an. Das Ziel: Regimewechsel. Kein Einmarsch, nur Luftschläge. So soll der Machtwechsel gelingen. Geht eine solche Strategie wirklich auf? Und wie geht es den Menschen in Iran? (Stand: 02.03.2026, 17:00 Uhr)
Seit vergengenem Samstag (greifen die USA und Israel Ziele in Iran an. Im Fokus stehen Vertreter des Regimes sowie vermutete Standorte des Atom- und Raketenprogramms und andere strategische Einrichtungen in mehreren Regionen des Landes. Bei einem der Angriffe wurde Ali Chamenei getötet. Er war das geistlichen Oberhaupt des Regimes.
Iran reagiert mit Angriffen auf US-Verbündete im Nahen Osten. In Israel, Kuwait, den Emiraten, Syrien, Bahrain und Saudi-Arabien schlugen Raketen ein, manche wurden abgefangen. Auch US-Stützpunkte und ein britischer Militärstandort auf Zypern, einem EU-Mitglied, waren betroffen. Ständig folgen neue Eilmeldungen.
Kein Kontakt zu den Menschen in Iran
Was in Iran selbst geschieht und wie es den Menschen geht, das ist momentan nur schwer herauszukriegen. Das Internet wurde kurz nach den Angriffen blockiert. Eine schwierige Situation für alle, die Familie in Iran haben. So auch Elmira Rafizadeh, gebürtige Iranerin und Schauspielerin und Unternehmerin in Köln.
Ihre Gefühle wechseln gerade zwischen Hoffnung und Angst um ihre Familie, erzählt sie. Die letzte Meldung eines Angehörigen stamme vom vergangenen Samstag, dem Tag der ersten Angriffe. Viele ihre Verwandten und Freunde leben in Teheran und hätten versucht, nach Möglichkeit die Stadt zu verlassen. Ob ihnen das gelungen ist, wisse sie nicht, da es keine Kommunikationsmöglichkeiten gebe.
"Ich klebe permanent am Handy, weil man natürlich jeden Moment hofft, dass eine Meldung kommt."
Elmira schaut ständig auf ihr Handy, sagt sie, weil sie auf die erlösende Nachricht hofft, dass alles in Ordnung ist. Gleichzeitig versuche sie, ihren Alltag zu bewältigen und als Mutter ihre Tochter vor schlimmen Nachrichten zu schützen. Es sei ein ständiger Spagat zwischen Sorge, Informationssuche und Normalität.
Junge Menschen hoffen auf Befreiung, Ältere reagieren vorsichtig
Frust und Verzweifelung unter dem iranischen Regime – so beschreibt Elmira die Stimmung unter ihren Angehörigen. Sie betont jedoch, nur ein persönliches Bild wiedergeben zu können. Selbst innerhalb ihrer Familie gebe es unterschiedliche Haltungen zur Situation im Land.
"Gerade die Jüngeren sagen: Ob wir jetzt durch das Regime sterben oder durch Bomben, dann lieber Bomben."
Vor allem Jüngere sehen im Krieg eher eine Chance auf Befreiung, sagt Emira. Sie würde lieber bei den Angriffen sterben, als unter dem Regime weiterzuleben. Die Älteren – geprägt von Repression, öffentlichen Hinrichtungen, Krieg und früheren Protestwellen – seien deutlich vorsichtiger und defensiver. "Sie wissen natürlich auch, dass sie Spielbälle von Regierungen sind, und haben überhaupt kein Vertrauen", so Emira.
Tod Chameneis erschüttert das iranische Regime
Das iranische Staatsfernsehen zeigt nach der Meldung, dass Chamenei tot ist, trauernde Menschen auf den Straßen. Andere sollen nach dieser Nachricht gejubelt haben. Seit fast 36 Jahren hatte er als politisches und geistliches Oberhaupt Irans quasi die vollkommene Macht über alle Institutionen. Den iranischen Revolutionsgarden hat er mehr Einfluss gegeben und Proteste niederschlagen lassen.
Gilda Sahibi ist Journalistin, Autorin und Iran-Expertin. Der Tod des obersten Führers, sagt sie, sei für das Regime extrem destabilisierend. Seit 1989 habe er die Macht geprägt, zentrale Fäden in der Hand gehalten und den Unterdrückungsapparat maßgeblich geformt. Zwar soll er mehrere Nachfolger bestimmt haben, um für den Ernstfall vorzusorgen, doch seine schnelle Tötung bei einem gezielten Angriff offenbare die Verwundbarkeit des Regimes.
"Chamenei war nicht nur Teil des Systems, er war das System. Er hat diesen Unterdrückungsapparat maßgeblich mitgestaltet."
Geheimdienstinformationen zufolge sei ein Treffen führender Vertreter bekannt gewesen, was den Angriff erleichtert habe und die militärische Unterlegenheit gegenüber den USA und Israel zeige. Nach außen bemühe sich die Führung nun, Stabilität zu demonstrieren, setze einen Übergangsrat ein und verschärfe die Kontrollen, um Handlungsfähigkeit und Kontrolle zu signalisieren.
Journalistin: Israel und USA zielen auf Machtvakuum
Unklar sei, wer die Nachfolge antreten könnte, zumal die Bombardierungen weitergehen. Das Kalkül von Israel und den USA ist, dass jede neue Führungsperson schnell gefährdet sei, sodass niemand die Macht übernehmen wolle, so die Journalistin. Derzeit wurde ein Triumvirat bestimmt, darunter Staatspräsident Massud Peseschkian, der bisher wenig Einfluss hatte, nun aber formal eine hohe Stellung innehat.
"Das Kalkül Israels und der USA ist, egal wer nach oben kommt, diese Person zu töten, sodass niemand mehr nachkommen will."
Hinter den Kulissen werde die Nachfolge des Revolutionsführers streng abgesichert, konkrete Namen dabei nicht öffentlich gemacht, um Angriffe zu vermeiden. Das Regime bemüht sich, nach außen Stabilität zu zeigen und interne Konflikte zu verbergen, um Loyalität und Gefolgschaft zu sichern, obwohl hinter den Kulissen große Unsicherheiten herrscht, meint Gilda.
Trump ruft Iraner zum Regime-Sturz auf – Expertin warnt
In einer Ansprache von Donald Trump nach den ersten Angriffen, hatte der US-Präsident den Iraner*innen signalisiert, sie könnten das Regime stürzen, sobald die Bombardierungen endeten.
Für Gilda sind die Äußerungen problematisch. Sie würden zeigen, dass es Donald Trump vor allem ums Gewinnen gehe, unabhängig von den Folgen für Menschenleben. Die Gewalt liege weiterhin vollständig beim Regime mit hunderttausende Menschen unter Waffen, die darauf abtrainiert seien, Menschen abzuschlachten, sagt sie.
"Das Regime hat immer noch die komplette Gewalt. Das sind hunderttausende Menschen unter Waffen, die darauf abtrainiert sind, Menschen abzuschlachten."
Trump stelle den Erfolg so dar, als liege er allein in den Händen der Bevölkerung, während er selbst keine weitere Verantwortung für ein mögliches Scheitern übernehme. Gilda betont, dass ein Regimewechsel allein durch Luftangriffe kaum umsetzbar ist.
Ein freies Iran als Hoffnung für die Region
Elmira aus Köln gibt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht auf und wünscht sich ein freies und demokratisches Iran mit Gleichberechtigung für alle Religionen und Minderheiten. Sie glaubt, dass ein solcher Wandel nicht nur dem Land selbst, sondern auch der gesamten Region, etwa Afghanistan, positive Effekte bringen könnte und langfristig Menschenrechte stärken würde.
Sie wünscht sich, dass ein freies Iran einen Dominoeffekt auslöst, der auch radikal-islamische Regionen beeinflusst und patriarchale Strukturen aufbricht. Elmira ist überzeugt, dass das bestehende System keine Unterstützung in der Bevölkerung hat und nur durch Gewalt stabil gehalten wird, weshalb es überwunden werden müsse.
Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de
