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Jeden Morgen um sechs Uhr blockiert Max seine Schule in Paris. Er ist 16 Jahre alt und will bessere Bildung. Die Regierung hat schon Zugeständnisse angekündigt, doch Max reicht das nicht. Können die Protestierenden noch mehr durchsetzen?

Es ist sechs Uhr morgens in Paris. Und Max steht schon vor seiner Schule. Aber nicht, weil sein Unterricht besonders früh anfängt. Er will zusammen mit seinen Mitstreiter*innen verhindern, dass der Unterricht stattfindet. Aus Protest.

"Ich bin jeden Morgen um sechs Uhr da, um meine Schule zu blockieren. Das ist inzwischen ein unglaublich wichtiger Teil meines Lebens geworden."
Max, 16, Gymnasiast aus Paris

Seit September protestieren Schüler*innen und Studierende in ganz Frankreich.

Der Protest wächst über die Schulen hinaus

Anfangs, erzählt Max, seien es spontane Blockaden gewesen. Doch innerhalb kurzer Zeit sei daraus eine landesweite Bewegung entstanden. "Wir haben schnell gemerkt, dass viele Schüler*innen Lust haben, sich gegen diese Sparpolitik aufzulehnen", sagt er.

"Die Bewegung ist riesig geworden. Inzwischen schließen sich uns auch Beschäftigte an."
Max, 16, Gymnasiast aus Paris

Wir sprechen am Donnerstag, 5. November, mit Max. An dem Tag findet in Frankreich ein landesweiter Streik statt. Auch die großen Gewerkschaften gehen auf die Straße. Sie protestieren für höhere Gehälter und mehr Steuergerechtigkeit.

Was die Protestierenden fordern und was die Regierung bietet

Die Proteste richteten sich zunächst gegen Kürzungen im Bildungsbereich. Auch der Zustand der Schulgebäude sorgt für Kritik: In manchen gebe es Ratten, durch undichte Dächer regne es hinein. Außerdem werden ungleiche Bildungschancen angeprangert.

"Zwischen den Schulen in den Vororten und denen im Stadtzentrum sind die Unterschiede so groß, dass man in den Vororten praktisch keine Chance hat, erfolgreich zu lernen."
Max, 16, Gymnasiast aus Paris

Inzwischen hat die Regierung auf die anhaltenden Proteste reagiert. Die Klassen sollen kleiner werden, bereits gestrichene Lehrer*innenstellen sollen wieder eingerichtet werden. Außerdem sollen fünf Milliarden Euro für Schulrenovierungen bereitgestellt und zusätzliche Studienplätze geschaffen werden.

Für Max ist das bei Weitem nicht genug. Er glaubt nicht, dass das Geld am Ende tatsächlich in den Schulen ankommen wird. "Der Bildungsminister hat uns angelogen, als er sagte, er habe fünf Milliarden bereitgestellt. Beim Großteil dieser Milliarden handelt es sich um Kredite für die Regionen."

Die Schülerorganisationen hingegen fordern zehn Milliarden Euro zusätzlich für die Bildung. Max sagt: Das Geld dafür wäre da, wenn die Regierung bei den Hilfen für große Konzerne sparen oder extrem reiche Menschen stärker besteuern würde.

Korrespondent: Regierung macht Zugeständnisse – trotz knapper Kassen

Stephan Detjen, Deutschlandfunk-Korrespondent in Paris, verfolgt die Proteste und Forderungen der Schüler*innen in Frankreich. Er bewertet die Zugeständnisse der Regierung anders.

"Die Regierung ist den Schülerinnen und Schülern durchaus entgegengekommen", sagt er. Es müsse berücksichtigt werden, in welch politisch schwierigen Zeiten sich Frankreich befindet.

Der Korrespondent erklärt: "Die Schülerinnen und Schüler haben etwas erreicht, und zwar in einer Situation, in der die Regierung keine parlamentarische Mehrheit hat und ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl steht." Hinzu komme die finanzielle Lage des Staates.

"Frankreich steckt in einer Überschuldungskrise, und dennoch verspricht die Regierung jetzt Maßnahmen. Das alles kostet Geld."
Stephan Detjen, Korrespondent in Paris

Als Beispiel für einen Erfolg der Protestierenden nennt Stephan Detjen das System, über das sich Abiturient*innen auf Studienplätze bewerben. Die Auswahl wird in Frankreich zentral gesteuert. Die Protestierenden kritisieren, dass das Verfahren intransparent sei. Nun soll es überarbeitet und langfristig ersetzt werden – vorausgesetzt, die Nachfolgeregierung hält an diesen Zusagen fest.

Kritik an Polizeigewalt

Bei den Protesten geht es allerdings nicht nur um die Forderungen der Demonstrierenden. Auch Vorwürfe von Polizeigewalt spielen eine Rolle. Überwiegend seien die Proteste friedlich verlaufen, betont Korrespondent Stephan Detjen. Die Ausschreitungen, zu denen es dennoch kam, seien allerdings gravierend gewesen.

Drei Polizisten mit Schlagstöcken und Helmen auf den Straßen von Paris
© picture alliance / Kyodo
Am Verhalten der Polizei, wie hier in Paris, wird Kritik geübt.

Stephan Detjen berichtet, was er selbst auf den Straßen beobachtet hat: "Bei den Demonstrationen vom 17. Oktober und an den Wochenenden gab es Plünderungen. So etwas hatte ich vorher auch nicht erlebt."

Auffällig fand er dabei vor allem das Vorgehen der Polizei. Zunächst habe sie lediglich etwa hundert Meter entfernt gestanden und sei nicht eingeschritten. Dann aber habe sie ohne Vorwarnung und mit Härte eingegriffen. "Das Vorgehen der Polizei ist wirklich hart", fasst der Journalist zusammen.

"Ich erlebe die Polizei immer nur in zwei Zuständen. Entweder stehen sie erstaunlich weit ab vom Geschehen oder sie ziehen die Knüppel raus, schießen Tränengasgranaten vorweg und stürmen dann nach rechts und links schlagend die Straße runter."
Stephan Detjen, Korrespondent in Paris

Auch Max berichtet, Polizeigewalt erfahren zu haben.

"Es hat Gewalt gegeben. Zum Beispiel wurde ich selbst von Polizisten geschlagen, einer meiner Mitschüler wurde zusammengeschlagen. Die Polizisten werden immer mehr."
Max, protestiert seit Wochen

Protest trifft auf Wahlkampf

Max will trotzdem weiter protestieren. Er sagt, inzwischen gehe es nicht mehr nur um Bildung. Es gehe auch darum, wie die Regierung mit Menschen umgeht, die gegen ihre Politik protestieren.

Doch nicht alle seien so entschlossen wie Max, beobachtet Korrespondent Stephan Detjen. Seiner Einschätzung nach könnte der Höhepunkt der Mobilisierung bereits überschritten sein.

"Wir haben in den letzten zwei Wochen gesehen, dass die Intensität der Demonstrationen abgenommen hat", sagt er. Ein Grund dafür könnten die Herbstferien sein. Möglicherweise hätten aber auch die Ankündigungen der Regierung Wirkung gezeigt, sodass inzwischen weniger Menschen auf die Straße gingen.

Die Proteste werden Thema im Wahlkampf

Vom Tisch seien die Forderungen damit allerdings nicht, so der Journalist. "Es gibt einen Kern von Leuten, der sicherlich noch eine ganze Zeit lang weiter demonstrieren wird."

Das dürfte auch deshalb so sein, weil im Mai 2027 Präsidentschaftswahlen stattfinden. Das Thema Bildung, vor allem aber der Umgang mit Protesten, dürfte dabei eine wichtige Rolle spielen. Wie genau die Positionen der politischen Lager aussehen, erfahrt ihr in der Podcastfolge.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Frankreich
Streiken, bis sich was ändert
vom 05. November 2026
Moderation: 
Nik Potthoff
Gesprächspartner: 
Max, Schüler aus Paris
Gesprächspartner: 
Stephan Detjen, Deutschlandfunk-Korrespondent in Paris