Sechs Spielerinnen der iranischen Fußballnationalmannschaft wollen nach einem Turnier in Australien bleiben und dort Asyl beantragen. Was steckt dahinter und wie ungewöhnlich ist dieser Fall?
Die Bilder vom Asien-Cup in Australien gingen um die Welt: Während die Hymne des Iran gespielt wird, stehen die Spielerinnen der Nationalmannschaft auf dem Platz – aber sie singen nicht mit. Kurz darauf beginnt eine Entwicklung, die schließlich dazu führt, dass mehrere Teammitglieder nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen. Sechs Spielerinnen beantragen Asyl in Australien. Der Weg dorthin ist geprägt von Drohungen, politischem Druck und einer spektakulären Flucht.
Protest, Drohungen und wachsender Druck
Beim ersten Gruppenspiel gegen Südkorea singen die iranischen Spielerinnen die Hymne nicht mit. Diese Szene sorgt international für Aufmerksamkeit – und für heftige Reaktionen im Iran.
"Im iranischen Staatsfernsehen ist den Frauen, nachdem sie die Hymne nicht mitgesungen hatten, Verrat vorgeworfen worden."
Monika Ahrens beschreibt, dass unmittelbar nach der Protestgeste eine massive Drohkulisse aufgebaut wurde. Im Staatsfernsehen seien den Spielerinnen Verrat und Illoyalität vorgeworfen worden. Ein Moderator habe sogar gefordert, sie hart zu bestrafen, damit andere daraus eine Warnung ziehen.
Dass solche Drohungen ernst genommen werden, hat laut Ahrens einen Hintergrund:
"Es gibt sogar Fälle, wo Leute hingerichtet wurden – 2020 ein Ringer und 2023 jemand, der Karate macht."
Beide Sportler hätten zuvor an regierungskritischen Protesten im Iran teilgenommen. Solche Beispiele zeigen, dass politische Aktionen von Athletinnen und Athleten im Iran schwerwiegende Konsequenzen haben können.
Die Situation verändert sich danach sichtbar. Bei den folgenden Gruppenspielen singen die Fußballerinnen die Hymne wieder – und salutieren sogar dabei.
"Sie haben die Hymne nicht nur wieder mitgesungen, sondern dabei auch salutiert."
Dieses Verhalten wird international als mögliches Zeichen interpretiert, dass die Spielerinnen unter Druck geraten sein könnten.
Flucht aus dem Teamhotel
Dann, während das Turnier weiterläuft, wächst die Sorge um die Sicherheit der Spielerinnen. Menschen aus der iranischen Community in Australien versuchen laut Ahrens Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Auch die australische Regierung spricht mit den Fußballerinnen – allerdings sehr vorsichtig.
"Die Regierung hat die Spielerinnen in diskreten Gesprächen darüber informiert, welche Möglichkeiten sie haben, in Australien zu bleiben."
Solche Gespräche sind schwierig. Iranische Sportteams werden im Ausland häufig von Mitgliedern der Revolutionsgarde begleitet, die genau beobachten, was passiert. Trotzdem gelingt schließlich mehreren Spielerinnen die Flucht.
"Kurz darauf ist es einer Gruppe von fünf iranischen Fußballspielerinnen gelungen, das Mannschaftshotel in Brisbane zu verlassen."
Betreuer des Teams versuchen noch, sie aufzuhalten. Doch die Spielerinnen erreichen die australische Polizei, die bereits vor dem Hotel vor Ort war, und werden in Sicherheit gebracht. Wenig später verkündet Australiens Innenminister öffentlich, dass sie im Land bleiben dürfen.
Am Ende entscheiden sich sechs Frauen aus dem Team, Asyl in Australien zu beantragen.
Flucht im Sport hat Tradition
Der spektakuläre Fall der iranischen Fußballerinnen wirkt außergewöhnlich – doch ganz neu ist das Phänomen nicht.
"Tatsächlich ist das kein Novum."
Sportjournalist Julian Tilders erklärt, dass es eine lange Geschichte von Athletinnen und Athleten gibt, die internationale Wettkämpfe nutzen, um ihr Heimatland zu verlassen.
"Es gibt eine lange Geschichte von Sportlerinnen und Sportlern, die bei internationalen Events aus ihrem Heimatland geflohen sind."
Ein aktuelleres Beispiel ist die belarussische Sprinterin Kristina Zimanouskaya. Bei den Olympischen Spielen in Tokio weigerte sie sich, in den von Funktionären organisierten Rückflug zu steigen und suchte Schutz bei den Behörden.
Auch früher gab es spektakuläre Fälle. Tennisstar Martina Navratilova beantragte in den 1970er-Jahren politisches Asyl in den USA. Bei Olympia 2012 in London setzte sich eine Gruppe von Athleten aus Kamerun ab. Und 1956 flohen bei den Spielen in Melbourne mehr als die Hälfte der ungarischen Mannschaftsmitglieder nach dem sowjetischen Einmarsch in ihr Land.
Solche Fluchten treffen autoritäre Staaten besonders hart.
"Das ist natürlich eine große Peinlichkeit für autoritäre Staaten, weil es das System bloßstellt, das nur mit Gewalt und Repressionen aufrechterhalten werden kann."
Denn wenn Athletinnen und Athleten bei internationalen Veranstaltungen nicht zurückkehren wollen, stelle das das politische System öffentlich infrage. Staaten nutzen Sport eigentlich, um ihr Image zu verbessern – eine Flucht zeigt dagegen, dass Menschen ihr Land unter Umständen nur aus Angst verlassen.
Der Fall der iranischen Fußballerinnen steht damit in einer langen Tradition politischer Entscheidungen im Sport. Internationale Turniere werden plötzlich zu Orten, an denen Athletinnen und Athleten nicht nur um Titel kämpfen – sondern manchmal auch um ihre persönliche Freiheit.
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