Bei einer wichtigen Frage den Zufall entscheiden zu lassen, erscheint uns höchst problematisch. Trotzdem wird das Los seit der Antike bis heute immer wieder zur Entscheidungsfindung verwendet. Ein Vortrag der Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger.
Losen ist ja eigentlich fair, denn alle haben dabei die gleichen Chancen. Aber sollten wir wichtige Entscheidungen – zum Beispiel ob jemand zur Bundeswehr muss oder nicht – wirklich per Los entscheiden? In ihrem Vortrag beschreibt Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, wann es sinnvoll ist, den Zufall entscheiden zu lassen.
"Entscheidungen dem Zufall anzuvertrauen ist eine Kapitulation der Vernunft. Es bedeutet zuzugeben, dass man mit Rationalität nicht weiterkommt."
Entscheidungen dem Zufall anzuvertrauen, ist eine "Kapitulation der Vernunft", sagt Barbara Stollberg-Rilinger. Es bedeute zuzugeben, dass man mit vernünftigen Abwägungen nicht weiterkommt.
Dennoch wurden in der Geschichte wichtige Entscheidungen per Los getroffen. Zum Beispiel, wenn entschieden werden musste, welcher Arzt in der Stadt bleiben, wenn eine Pestepidemie ausbricht, erklärt die Historikerin. Diese Entscheidung über Leben und Tod wurde häufig dem Zufall überlassen.
Zufallsentscheidungen heute
Auch heute noch gibt es wichtige Entschlüsse, die per Losverfahren entschieden werden. Zum Beispiel wurden die Presseplätze beim NSU-Prozess in München verlost. Warum das ihres Erachtens in diesem Fall keine gute Vorgehensweise war, erklärt Barbara Stollberg-Rilinger in ihrem Vortrag.
"Der organisierte Zufall des Losverfahrens wirkt sehr unterschiedlich, je nachdem, wie man ihn rahmt."
Barbara Stollberg-Rilinger ist Historikerin und Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Sie wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Ihren Vortrag "Warum nicht losen? Über den Sinn von Zufallsentscheidungen" hat sie am 22. April 2026 im Rahmen der Reihe vhs.wissen live gehalten. Veranstaltet wird die Reihe von der Volkshochschule Esslingen und der Volkshochschule Südost im Landkreis München.
- Einleitung
- Struktur des Vortrags
- Vier Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit
- Die Logik des Losens
- Religiöse Dimension des Losens
- Historische Beispiele des Losens
- Wann erscheint das Los rational und legitim?
