• Deutschlandfunk App
  • ARD Sounds
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderung: Bei all diesen Gruppen will die Bundesregierung Milliarden sparen. Schulbegleiter Sebastian erlebt täglich, was seine Hilfe bedeutet – und erzählt, was sich durch die Pläne ändern könnte.

Sebastian Hesselmann ist Schulbegleiter an einer Grundschule. Er begleitet zwei Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf durch den Schulalltag. Für den Job ist er nach seinem Lehramtsstudium im vergangenen Jahr von Freiburg nach Hamburg gezogen. Ob er die Arbeit gerne macht? "Voll", sagt er in unserem Podcast Unboxing News. "Auch wenn es immer wieder herausfordernd ist."

Gerade hat Sebastian große Pause. Hinter ihm liegen zwei Schulstunden, Mathe und Sachunterricht. Die Schüler*innen haben in Gruppen gearbeitet und Experimente durchgeführt. Für das Kind, das Sebastian an diesem Tag begleitet, kann das herausfordernd sein. Es hat Asperger-Autismus. "Ich habe geguckt, dass die Gruppenarbeit funktioniert. Das ist bei Autisten nicht immer ganz einfach, aber heute hat es gut geklappt", erzählt er.

Wie Beziehung und Lernen zusammenhängen

Doch nicht jeder Tag laufe gut. "Wenn es zu laut wird oder zu viele Eindrücke da sind, dann gehen wir auch mal raus, durchatmen, uns kurz sammeln", sagt der 34-Jährige.

Für Sebastian ist klar: Ohne eine feste Bezugsperson würde es kaum gehen. "Als Schulbegleiter geht es nicht nur darum, bei Aufgaben zu unterstützen, sondern darum, Vertrauen und eine Beziehung aufzubauen." Außerdem sei es wichtig, gemeinsam zu reflektieren, was gut lief und wo noch mehr Unterstützung benötigt wird. "Für so etwas ist im normalen Schulalltag keine Zeit", sagt Sebastian. "Dafür sind alle an der Schule viel zu gestresst."

"Unterstützung funktioniert nur über Vertrauen – und das entsteht durch Beziehung."
Sebastian Hesselmann, Schulbegleiter

Diese Art Schulbegleitung ist Teil der sogenannten Eingliederungshilfe. Sie richtet sich an Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen. Das Ziel ist, dass sie gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Doch die individuelle Unterstützung eines Schulbegleiters könnte bald wegfallen. Sie könnte ersetzt werden durch das sogenannte Pooling, bei dem eine Person für mehrere Kinder zuständig wäre.

Drastische Sparpläne im Sozialsystem

Mitte April wurde ein Arbeitspapier öffentlich, das mögliche Einsparungen im Sozialbereich auflistet – insgesamt siebzig Vorschläge. Entwickelt wurde das Papier von einer Arbeitsgruppe aus Bund, Ländern und Kommunen.

Felicitas Boeselager, im Deutschlandfunk-Hauptstadtstudio zuständig für Sozialpolitik, erklärt die Hintergründe dieser Liste. "Die Kommunen stehen enorm unter Druck. Sie haben im vergangenen Jahr so viele Schulden gemacht wie noch nie – über 30 Milliarden Euro." Die Kommunen argumentieren: Ein großer Teil der Ausgaben entfalle auf Sozialleistungen, die der Bund vorgibt. Gezahlt werden müssten sie jedoch von den Kommunen. Und das gehe so nicht weiter.

Das Resultat ist nun diese lange Liste mit Sparvorschlägen.

"Mit diesen 70 Vorschlägen könnten über 8,6 Milliarden Euro eingespart werden – wahrscheinlich sogar deutlich mehr."
Felicitas Boeselager, Deutschlandfunk-Hauptstadtstudio

Drei Beispiele aus der Liste

  • Unterhaltsvorschuss: Zahlt ein Elternteil keinen oder zu wenig Unterhalt, übernimmt der Staat aktuell den fehlenden Betrag bis zum 18. Lebensjahr des Kindes. Künftig könnte er nur noch bis zum zwölften Lebensjahr gezahlt werden.
  • Ganztagsbetreuung für die erste Grundschulklasse: Obwohl es ab Sommer 2026 einen Rechtsanspruch gibt, könnten die Schulen mehr Zeit für die Umsetzung bekommen.
  • Nachbetreuung junger Erwachsener: Die Unterstützung für ehemals hilfsbedürftige Volljährige könnte ganz gestrichen werden.

Noch ist unklar, welche Vorschläge tatsächlich umgesetzt werden. Vieles sei politisch umstritten, erklärt Felicitas Boeselager. Die Linke spricht in dem Zusammenhang von "einer Liste der Schande". Der Paritätische Wohlfahrtsverband, ein Dachverband von über 10.000 gemeinnützigen Organisationen im Sozial- und Gesundheitsbereich, der die Liste öffentlich gemacht hat, zeigt sich alarmiert.

"Es geht nicht, dass solche Debatten hinter verschlossenen Türen geführt werden. Solche Kürzungen dürfen gar nicht kommen."
Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes

Der Vorschlag für Änderungen der Schulbegleitung ist hingegen schon weiter fortgeschritten. Er liegt als Referentenentwurf vor, der in diesem Jahr beschlossen werden soll. Befürworter argumentieren mit Effizienz. Sie verweisen auf Klassen, in denen angeblich mehrere Erwachsene jeweils ein Kind betreuen.

Kritik: Sparmaßnahmen sind zu kurz gedacht

Sebastian hingegen berichtet von einer anderen Realität: "Ich sehe jeden Tag, wie groß der Bedarf ist. Eigentlich müsste es mehr Unterstützung geben und nicht weniger." Die Pläne lösen in ihm Wut und Unverständnis aus.

"Die Menschen, die diese Pläne in ihren Elfenbeinkammern machen, haben keine Idee davon, wie die Realität ist. Das Schulsystem ist jetzt schon auf Kante genäht. "
Sebastian Hesselmann, Schulbegleiter

Sollten diese Pläne umgesetzt werden, würde sich also einiges ändern – in Sebastians Berufsleben genauso wie im Schulalltag der von ihm betreuten Schüler*innen. Denn tatsächlich steht auch die Überlegung im Raum, für Schulbegleitungen seltener pädagogische Fachkräfte einzusetzen. Sebastian befürchtet, dass er dann trotz abgeschlossenem Lehramtsstudium nach einem schlechteren Tarif bezahlt werden könnte, weil für den Job offiziell weniger hohe Qualifikationen erforderlich wären.

Vor allem aber, argumentiert er, würden immer mehr junge Menschen auf der Strecke bleiben. Und das werde sich rächen, davon ist Sebastian überzeugt. "In diesen Vorschlägen werden in keiner Weise die Folgekosten bedacht. Es geht immer nur um Einsparung, Einsparung, Einsparung. Am Ende wird es so aber auf jeden Fall teurer."

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Sozialstaat
Will der Staat bei den Falschen sparen?
vom 05. Mai 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartner: 
Sebastian Hesselmann, Schulbegleiter
Gesprächspartnerin: 
Felicitas Boeselager, Korrespondentin im Deutschlandfunk-Hauptstadtstudio