Kai hat eine eher hohe Stimme. Er merkt, dass das Auswirkungen darauf hat, wie Menschen sein Geschlecht wahrnehmen. Aber wie entsteht die eigene Stimme, und können wir etwas tun, wenn wir mit dem Klang unserer Stimme unzufrieden sind?
Ob wir nun bei der Arbeit sind, im Supermarkt einkaufen oder mit Freunden sprechen: Unsere Stimme kann durchaus unterschiedlich klingen. In einer Umfrage haben uns einige außerdem erzählt, dass sie ihre Stimme manchmal verstellen, weil sie aufgeregt sind, cool wirken wollen oder kompetent rüberkommen möchten. Das heißt: Sie sprechen dann nicht in ihrer natürlichen Stimmlage.
Die natürliche Stimme
Die natürliche Sprechstimme ist bei jedem Menschen körperlich vorgegeben, erklärt Sprecherin und Sprechtrainerin Lilian Wilfart. Entscheidend ist vor allem, wie unsere Stimmlippen beschaffen sind. Die unterscheiden sich bei Männern und Frauen – und deshalb ist auch die Indifferenzlage, also die mittlere Tonhöhe der Sprechstimme, unterschiedlich: "Bei Männern geht man davon aus, dass die Indifferenzlage bei etwa 100 bis 130 Hertz liegt, bei Frauen bei 200 bis 250 Hertz." Deshalb sind weibliche Stimmen in der Regel höher als männliche.
Stimmen haben sich über die Jahre verändert
In der Gesellschaft sorgt das für bestimmte Wahrnehmungen: Männer mit tiefer Stimme gelten eher als Beschützer, Frauen oder auch Kinder mit hoher Stimme dagegen eher als Beschützte. Forschende haben allerdings herausgefunden, dass sich unsere Stimmhöhen in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.
Michael Fuchs, Facharzt für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen sowie Facharzt für HNO-Heilkunde, hat dazu eine Untersuchung an der Universität Leipzig geleitet. Sein Team verglich die Tonhöhen von Männern und Frauen. In den Lehrbüchern stand bisher, dass zwischen den beiden Geschlechtern eine ganze musikalische Oktave Unterschied liegt, sagt er. Seine Forschungen zeigen jedoch, dass sich dieser Abstand fast halbiert hat."Wir waren furchtbar erschrocken, als wir herausfanden, dass die Frauenstimmen keine ganze Oktave, sondern nur noch eine Quinte über den Männern lagen."
Das Team von Michael Fuchs vermutete zunächst, dass die veränderten Stimmen mit einem höheren Rauchkonsum zusammenhängen könnten. Die Raucherinnen wurden daraufhin aus der Untersuchung herausgerechnet – das Ergebnis blieb jedoch gleich. Ein weiterer Erklärungsansatz waren hormonelle Unterschiede. Doch auch diese konnten ausgeschlossen werden.
Emanzipation macht Frauenstimmen tiefer
Durch diese Ausschlusskriterien kamen die Forschenden zu dem Schluss, dass die tieferen Frequenzen der Frauenstimmen etwas mit dem veränderten Rollenbild von Frauen zu tun haben könnten. "Was letztlich aus dieser Verwirrung übrig blieb, war die Erkenntnis, dass das, was wir hier gemessen haben, ein Symptom der Emanzipation der Frau ist – also ein Zeichen für ein verändertes Rollenbild in der Gesellschaft", sagt Michael Fuchs.
Kai ist Musiker und hat als Mann eine etwas höhere Stimme als viele andere Männer. Früher hat er in einem Callcenter gearbeitet. Dort passierte es ihm regelmäßig, dass Menschen ihn für eine Frau hielten. Wie viele andere Menschen war auch er zunächst irritiert, als er Tonaufnahmen von sich hörte und seine Stimme ganz anders klang als in seinem Kopf.
Wenn die Stimme zum Markenzeichen wird
Als Kai mit der Musik angefangen hat, bekam er oft das Feedback, dass seine relativ hohe Stimme nicht gut passe oder anders klingen sollte. Trotzdem hat er seinen Traum, sich im Deutschrap zu etablieren, nie aufgegeben. Mittlerweile bekommt er sogar viel positives Feedback zu seiner Stimme: "Da wird öfter positiv angesprochen, wie meine Stimmlage ist oder dass sie als einzigartige Stimme beschrieben wird. Das sind Dinge, die ich inzwischen viel positiver für mich wahrnehme."
Deshalb verstellen wir unsere Stimme
Es gibt verschiedene Einflüsse, durch die sich unsere natürliche Stimme verändert, sagt Sprechtrainerin Lilian Wilfart. "Sozialisation, das Umfeld, Einflüsse, Vorbilder und auch Dinge wie Traumata oder Erlebnisse, die wir haben, Glaubenssätze – all das wirkt sich auf unser System aus. Das heißt, wir reagieren muskulär darauf und entwickeln möglicherweise bestimmte muskuläre Muster."
"Wir sitzen am Tisch, haben vier Geschwister und müssen uns irgendwie Gehör verschaffen – unser Körper wird einen Weg finden, dass wir gehört werden."
"Wir bekommen ständig gesagt, wir seien zu viel, zu laut oder würden stören. Unser Körper sucht sich immer Wege zu überleben, und diese Muster integrieren wir unbemerkt", so Lilian Wilfart. Die Sprechtrainerin beschreibt diese Mechanismen einerseits als sehr wichtig. Andererseits können sie uns darin einschränken, in unserer Indifferenzlage zu sprechen – also in der Tonlage, in der wir ohne Anstrengung natürlich sprechen können.
Die eigene natürliche Stimmlage erkennen
Dabei können wir auch selbst herausfinden, ob wir uns in dieser natürlichen Stimmlage befinden, erklärt die Sprechtrainerin. "Wenn ich merke, dass ich mit meiner Stimme an meine Grenzen komme, dann kann es sinnvoll sein, sich jemanden als Spiegel zu holen. Also jemanden, der sich damit auskennt und mir sagen kann: Was passiert gerade in meinem System?"
Das können anatomische Ursachen sein, die ein HNO-Arzt untersuchen kann. Es kann sich aber auch um sprachliche Eigenheiten handeln, die wir uns angewöhnt haben. Diese lassen sich beispielsweise durch Logopädie verändern. "Oder ist es etwas Ganzheitlicheres? Vielleicht brauche ich jemanden, der mit mir an Körper, Atem und Stimme arbeitet und gemeinsam mit mir herausfindet, auf welchen Ebenen gerade etwas wirkt, das mich begrenzt", erklärt Lilian Wilfahrt.Wenn Stress und Unsicherheit auf die Stimme schlagen
Manche Menschen haben in bestimmten Situationen eine höhere und aufgeregtere Stimme als normalerweise. Das liegt daran, dass der Körper besonders angespannt ist. "Es kann sein, dass meine Bauchdecke fest wird. Es kann sein, dass mein Zwerchfell nicht mehr frei schwingen kann, also mir mein Atem nicht mehr richtig zur Verfügung steht. Das ist in solchen Momenten meist der Fall", so die Sprechtrainerin. Die Folge: Der Atem rutscht nach oben, und wir können nicht mehr mit unserem vollen Stimmumfang reagieren.
Hacks, um Spannungen zu lösen
In solchen Situationen rät Lilian Wilfart dazu, Dinge zu tun, die das Nervensystem regulieren und Spannungen lösen. Hilfreich sei es zum Beispiel, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen, sich aufzurichten und zu überprüfen, ob wir die Bauchdecke angespannt halten – und sie bewusst wieder lösen können.
Weitere Tipps: "Durchatmen, seufzen – also wirklich mit Freude seufzen. Das reguliert mein Nervensystem. Oder mich direkt hinter den Ohrläppchen ein bis zwei Minuten massieren." Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Kiefer, sagt Lilian Wilfart
"Viele Menschen knirschen heutzutage mit den Zähnen oder spannen ihren Kiefer an."
"Du kannst dir etwas Gutes tun, wenn du deinen Kiefer ausstreichst, massierst und lockerst. Wichtig ist auch, im Alltag immer wieder darauf zu achten, dass der Kiefer nicht verkrampft und die Zähne nicht aufeinanderpressen", rät Lilian Wilfahrt. Das reguliere das Nervensystem und mache den Weg frei für Atem und Stimme.
Die Sprechtrainerin empfiehlt außerdem, im Alltag öfter mal vor sich hin zu summen oder zu brummen: "Wir haben verlernt, mit Freude vor uns hinzutönen. Das wird in unserer Gesellschaft sofort bewertet. Und da möchte ich Mut machen, diese Bewertung auszuschalten und zu sagen: Egal, wo ich bin – reagiere mit deiner Stimme. Genieße laut. Summe, brumme."
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