476 n. Chr.Der Zerfall Westroms und das Ende der Antike

476 gilt als Ende des Weströmischen Reichs. Doch Rom verschwand nicht an einem Tag: Odoaker, Theoderich und der Zerfall römischer Strukturen zeigen, wie unterschiedlich der Übergang von der Antike ins Mittelalter in Europa verlief.

476 gilt traditionell als Ende des Weströmischen Reichs. Doch der Westen ging nicht an einem Tag unter. Bürgerkriege, Machtkämpfe und Gebietsverluste hatten ihn längst geschwächt.

439 eroberten die Vandalen Karthago, eine zentrale Steuer- und Versorgungsregion Westroms. Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld spricht deshalb von mehreren Ursachen, die zusammengedacht werden müssen.

"Es sind multikausale Erklärungen, die man beim Ende des Weströmischen Reiches bedenken muss."
Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte

Odoaker übernimmt Italien

476 meuterten Truppen gegen Heermeister Orestes. Odoaker setzte sich an ihre Spitze, besiegte Orestes und setzte dessen Sohn Romulus Augustulus ab. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sandra Doedter schildert diesen Aufstand.

Romulus Augustulus war der letzte Kaiser, der tatsächlich in Italien herrschte. Romulus wurde verschont und auf ein Landgut an der Stelle des heutigen Castel dell’Ovo bei Neapel geschickt.

Für die Althistorikerin Elisabeth Herrmann-Otto zog Odoaker damit eine Konsequenz aus der politischen Realität: Die weströmischen Kaiser hatten längst erheblich an tatsächlicher Macht verloren.

Statt selbst Kaiser zu werden, stellte Odoaker seine Herrschaft formal unter die Oberhoheit des Kaisers in Konstantinopel. Sie war Professorin für Alte Geschichte an der Universität Trier.

"Das Kaisertum war eine Chimäre, das war nur noch ein Schatten seiner selbst."
Elisabeth Herrmann-Otto, Althistorikerin

Odoaker regierte Italien als Rex mit vielen römischen Strukturen weiter. Später übernahm Theoderich der Große die Macht. Hans-Ulrich Wiemer beschreibt, wie Theoderich Senatoren, städtische Eliten und katholische Bischöfe in seine Herrschaft einband. Er lehrt als Professor für Alte Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

"Theoderich hat es geschafft, die einheimischen Eliten auf seine Seite zu ziehen."
Hans-Ulrich Wiemer, Althistoriker

Wann endet die Antike?

Mit 476 verschwand die römische Welt nicht. Ostrom bestand bis 1453 fort, römisches Recht, Verwaltung und Kultur wirkten weiter. Für René Pfeilschifter, Professor für Alte Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, lässt sich das Ende der Antike deshalb nicht an einem einzigen Jahr festmachen.

Entscheidend sei vielmehr, wann sich die Lebenswelt der Menschen so stark verändert, dass die Verbindung zur bisherigen römischen Ordnung und Kultur abreißt.

"Wenn man mit der Vergangenheit überhaupt nicht mehr zurechtkommt und die Kontinuität nicht mehr spürt und sie nicht mehr weiß, dann kann man sagen: Es ist ein Epochenbruch geschehen."
René Pfeilschifter, Althistoriker

Solche Brüche zeigten sich für die Menschen ganz konkret im Alltag: Öffentliche Bäder konnten nicht mehr betrieben werden, weil komplexe Wasserleitungen und technische Anlagen verfielen.

Fernhandel und wirtschaftlicher Austausch schrumpften, Wohlstand ging regional zurück. Gleichzeitig ging Wissen über Bauwerke, Infrastruktur und die eigene Vergangenheit verloren. Für Pfeilschifter war das Ende der Antike deshalb weniger ein einzelnes Ereignis als ein schleichender Wandel der Lebensverhältnisse.