Bore-outWie gehe ich mit Unterforderung im Job um?
Einen langweiligen Tag im Job zu haben, kann mal entspannt sein. Aber auf Dauer? Meli hat sich bei der Arbeit lange unterfordert gefühlt – mit Auswirkungen auf ihr Privatleben. Wie sie da herausgekommen ist und was eine Arbeitspsychologin empfiehlt.
Ein Blick auf die Uhr. Und noch einer. Und noch einer... Die Zeit will einfach nicht vergehen! Meli kennt diesen Zustand aus ihrem ersten Vollzeitjob: Das ist ein "ganz, ganz komisches Gefühl, weil man acht Stunden am Tag da sitzt und einfach nur wartet, dass die Zeit umgeht, dass endlich 16.30 Uhr ist und ich gehen kann", erinnert sie sich.
Pure Langeweile im Job
Meli hatte irgendwann ein sogenanntes "Bore-out". Heißt: Sie hat sich bei der Arbeit ständig gelangweilt, das war ein Dauerzustand für sie. Dabei war sie eigentlich mit richtig viel Energie in den Job gestartet und sehr motiviert.
Bore-out ist anders als Burn-out kein medizinischer oder psychologischer Begriff, sondern eine Wortschöpfung aus dem Unternehmensbereich. Psycholog*innen würden es als intensives Erleben von Monotonie bezeichnen. Und genau so ging es Meli.
Wenn man den Chef um mehr Arbeit bittet
Schon nach vier Monaten merkte sie, dass sie nicht wirklich viel zu tun hat, erzählt sie. Sie bat dann ihren Vorgesetzten, sie anderweitig auszulasten: "Ich hatte dann ein zweites Projekt und es war auch sehr spannend. Nur das war dann nach drei Monaten beendet. Danach hatte ich dann wieder nur dieses eine Projekt."
Für Meli war das eine schwierige Situation, weil sie immer das Beste geben möchte, sagt sie. Hinzu kam: Sie bemerkte, wie ihr Privatleben unter der Langeweile und UNterforderung im Job leidete.
"Ich wurden dann auch total träge und bin wie in so ein kleines Loch gefallen."
"Ich wurde dann fauler im Haushalt. Wenn ich heute nicht die Wäsche gemacht habe, dann kann ich sie ja auch morgen machen. Meine Sportroutine ist auch dahingegangen, weil ich einfach so träge geworden bin. Also, diese Trägheit im Job hat sich dann auch auf mein Privatleben übertragen", erzählt Meli.
Normalerweise macht Meli viel mit Freundinnen und Freunden – doch auch das ließ nach, weil sie weniger den Kontakt suchte. "Man sagt zwar immer, dass die Arbeit einen nicht definieren soll, aber man ist acht Stunden am Tag auf der Arbeit, wenn man eine Vollzeitstelle hat. Und wenn man dann acht Stunden im Büro sitzt und nur Däumchen dreht, schwappt diese Einstellung dann auch in den Abend rein."
Antriebslosigkeit und ihre Folgen
Fakt ist: Chronische Langeweile kann auch zu gesundheitlichen Problemen führen. Betroffen ist vor allem die psychische Gesundheit, erklärt der Neurowissenschaftler Alexander Soutschek: "Wenn man unter chronischer Langeweile leidet – möglicherweise auch, weil der Beruf einen nicht erfüllt – ist das auch ein Risikofaktor für Depressionen, Angsterkrankungen, aber auch Drogen- und Alkoholmissbrauch."
Was passiert im Gehirn bei Langeweile
Häufig meldet sich unser Gehirn schon bei den ersten Anzeichen eines sogenannten Bore-outs. Wer so etwas empfindet, sollte dem Grund auf die Spur gehen, rät der Neurowissenschaftler: "Die Langeweile entsteht nicht dadurch, dass die Aufgabe besonders schwer, erschöpfend oder zu schwierig ist. Häufig entsteht sie, weil die Aufgabe nicht sinnvoll oder vielleicht auch zu einfach ist."
"Langeweile kann auch auftreten, wenn die Aufgabe nicht belohnend ist und keine Anstrengung erfordert."
Genau das ist war Meli der Fall. Sie hat dann noch einmal mit ihrem Vorgesetzten gesprochen, ihre Situation erklärt und auch gesagt, dass sie sich Sorgen macht, sich als Berufsanfängerin nicht richtig weiterzuentwickeln.
Meli hat außerdem versucht, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, und sich mit der Lernplattform in ihrem Unternehmen beschäftigt. "Aber nach dem zehnten Learning am Tag war ich dann auch irgendwann gelangweilt, und ich wollte ja auch wirklich etwas tun", erzählt sie.
Öder Job: Hilft nur die Kündigung?
Nach etwa einem Jahr stand für Meli die Entscheidung fest: Sie kündigt. Vorher hatte sie eine Pro-und-Contra-Liste erstellt. Am Ende stehen deutlich mehr Punkte auf der Pro-Seite – also für einen Jobwechsel. Meli fing dann an, sich zu bewerben. Inzwischen hat sie einen neuen Job, in dem sie sich deutlich wohler fühlt.
"Ich bin jetzt bei einem tollen Arbeitgeber, bei dem ich viele spannende Projekte machen darf, viel Kundenaustausch habe und auch mehr als genug beschäftigt bin", erzählt sie.
"Ich muss jetzt nicht mehr auf die Uhr schauen und denken: 'Oh Gott, ich habe ja noch zwei Stunden zu arbeiten', sondern die Zeit geht wirklich ruckizucki rum."
Meli konnte sich aus dem Bore-out befreien. Für alle, die in einer ähnlichen Situation stecken, aber noch nicht den Absprung geschafft haben, hat die Arbeitspsychologin Sabrina Krauss hilfreiche Tipps.
Wir sollten uns beispielsweise Gedanken darüber machen, rät sie, wie wir unserem Job gegenüberstehen und wo wir beruflich überhaupt hinwollen: "Vielen Personen ist gar nicht klar, ob sie wirklich eine Karriere machen möchten oder ob es für sie auch ausreichend ist, etwas zu finden, wo man jeden Tag einigermaßen zufrieden hingeht und am Ende des Monats genügend Geld auf dem Konto hat."
"Die Gesellschaft gaukelt uns oft vor, Karriere gehört irgendwie dazu. Aber ist das tatsächlich mein Ziel?"
Sabrina Krauss rät dazu, in einem Coaching oder (auch) im Freundeskreis zu ergründen:
- Wer bin ich?
- Was ist mein Mindset?
- Was ist mir wichtig in diesem Leben?
Am Ende zeigt sich laut der Arbeitspsychologin: Wer entgegen der eigenen Werte lebt, wird wahrscheinlich auch nicht glücklich.
Zufrieden im Job und mit der Freizeitgestaltung
Jede Person sollte für sich entscheiden, ob sie zum Beispiel mehr Wert auf die Freizeit oder den Job legt. "Das ist das gute Recht eines jeden, die Gewichtung so vorzunehmen, wie man möchte", sagt Sabrina Krauss. Wichtig sei aber auch die Frage: Passt es zu dem, was ich mir ursprünglich vorgestellt habe?
Die Arbeitspsychologin rät außerdem dazu, die Freizeit im Einklang mit dem Job zu gestalten.
"Für Personen, die viel im Büro gesessen haben, ist es zum Beispiel sehr nützlich, sich nach der Arbeit zu bewegen. Ein Handwerker sollte vielleicht eher in die Sauna gehen, sich entspannen, oder was anderes machen."
Aus Sicht der Arbeitspsychologin ist es bedenklich, wenn Personen nichts Sinnhaftes in ihrem Job erfahren. Hilfreich sei es in solchen Fällen zumindest, die Freizeit erfüllender zu gestalten: "Gibt es vielleicht ein Ehrenamt? Kann ich mich hier sozial engagieren? Kann ich irgendetwas tun, wo ich den Eindruck habe, ich bewege etwas, ich kann Einfluss nehmen, ich bin ein wichtiger Teil dieser Gesellschaft?"
Gespräch mit Vorgesetzten suchen
Sabrina Krauss empfiehlt aber auch, den oder die Chef*in mit der eigenen Situation zu konfrontieren und gemeinsam auszuloten, was sich verändern kann.
"Wenn der Mitarbeiter sich richtig einbringen kann, dann kommt ja auch das Unternehmen besser voran, als wenn da jemand sitzt und nichts tut."
Hilfreich sei es etwa, ein konkretes Projekt im Blick zu haben: "Dann kann man ja sagen: ‚Ich habe folgende Skills. Ich würde mich total gern einbringen. Wie siehst du das?‘ Und dann ist die Führungskraft an der Reihe, zu sagen: ‚Nee, da haben wir schon so viele.' Oder: 'Ja, klar. Ich wusste gar nicht, dass das deine Kompetenzen sind.'" Und dann hat man höchstwahrscheinlich ein ganz gutes Gespräch, so die Arbeitspsychologin.
Hinweis: Das Artikelbild oben ist ein Symbolbild, darauf ist ist nicht Meli zu sehen.