Iran läuft bei der FIFA WM auf. Dabei steht das Land im Konflikt mit Gastgeber USA – auch wenn es nun offenbar ein Abkommen gibt. Eine Mannschaft zwischen Fans, Protesten und Propaganda. Für wen spielt das Team eigentlich?
Politik soll bei der Fußball-Weltmeisterschaft keine Rolle spielen – zumindest, wenn es nach der FIFA geht. Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Neuseeland betonte Irans Trainer, die Mannschaft sei nach Amerika gekommen, um Fußball zu spielen. Sie sei Vertreter des großen iranischen Volkes.
FIFA beharrt auf unpolitischer WM
FIFA-Präsident Gianni Infantino machte vorab sogar deutlich: Iran werde an der Weltmeisterschaft teilnehmen – politische Konflikte hin oder her. Wenn nötig, würde er die Mannschaft persönlich in Teheran mit dem Bus abholen.
Doch ausgerechnet das erste Spiel findet in Los Angeles statt. In keiner anderen Stadt außerhalb Irans lebt eine größere iranische Exil-Community. Viele Menschen dort sind Gegner*innen des Regimes in Teheran. Für sie ist die Teilnahme der Nationalmannschaft hochpolitisch. Und so haben einige von ihnen bereits vor dem Spiel demonstriert (siehe Bild).
Wurde Star Sardar Azmoun aus der Nationalmannschaft geworfen?
Viel ist über die politische Haltung der aktuellen Nationalspieler nicht bekannt, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Jan Borree. Auffällig sei vielmehr, wer nicht dabei ist: Sardar Azmoun.
Der Stürmer gehört zu den größten Fußballstars des Landes. 91 Länderspiele, 57 Tore, Stationen bei Zenit St. Petersburg, Bayer Leverkusen und AS Rom. Lange war er einer der wichtigsten Spieler der iranischen Nationalmannschaft und gehörte auch in der WM-Qualifikation zum Kader.
"Sardar Azmouns Meinung hat Gewicht – wegen seiner sportlichen Leistungen und weil er sich in der Vergangenheit immer wieder gegen das Regime positioniert hat."
Umso mehr fällt auf, dass er bei dieser WM fehlt, sagt Jan Borree. Offiziell wird eine Verletzung als Grund genannt. Beobachter*innen vermuten jedoch politische Gründe.
Iranische Fußballspieler unter Druck
Im März dieses Jahres veröffentlichte Azmoun ein Foto mit dem Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktum. Da die Emirate als Verbündete der USA gelten, werteten regimenahe iranische Medien den Auftritt als "Verrat". Kurz darauf wurde Azmoun nicht mehr für Freundschaftsspiele nominiert. Beim WM-Kader fehlt er komplett.
Ein anderer Spieler, der in der iranischen Nationalmannschaft für Erfolg steht, ist Mehdi Taremi. Der Stürmer spielte unter anderem für den FC Porto und Inter Mailand und zählt ebenfalls zu den erfolgreichsten Torschützen. Lange galt Taremi als eher regierungsnah. In den vergangenen Jahren äußerte er sich jedoch vorsichtig kritisch. Bei der aktuellen Weltmeisterschaft hat Taremi betont, Politik und Sport voneinander zu trennen, beobachtet Jan Borree. Das ist aber nicht zwangsläufig ein Hinweis darauf, dass ein Spieler das Regime unterstützt, betont der Reporter.
"Jede Geste wird beobachtet. Singen sie die Hymne mit? Schlagen sie sich mit der Hand aufs Wappen? Mit wem machen sie Fotos? Alles könnte als Zeichen gedeutet werden."
Das iranische Team steht unter einem besonders hohen Druck, sagt auch Tim Epkenhans, Professor für Islamwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Erstmals stünden sich ein Gastgeberland und eine teilnehmende Nation gegenüber, die sich kurz zuvor noch militärisch bekämpft haben.
Das "Memorandum of Understanding", eine Art Zwischenabkommen zwischen dem Iran und den USA, könnte möglicherweise etwas Entspannung bringen, sagt Tim Epkenhans. Gleichzeitig seien die eigentlichen Herausforderungen noch längst nicht gelöst.
"Man muss optimistisch sein, dass es jetzt eine positive Entwicklung nimmt. Das ist also noch ein weiter Weg."
Zudem bleiben viele Konfliktpunkte ungeklärt: Wie umgehen mit der für die Weltwirtschaft bedeutsamen Straße von Hormus? Was passiert mit dem iranischen Nuklearprogramm? Und welche Auswirkungen wird es haben, wenn Israel die Hisbollah im Alleingang angreifen sollte?
Islamwissenschaftler: Regime versucht, WM für sich zu nutzen
Auch wenn Trump versuchen wird, eine Einigung oder gar Frieden mit dem Iran als seinen Verdienst darzustellen, ist für Tim Epkenhans klar: Die Mullahs sind infolge des Krieges in ihrer Macht gefestigt. Und so sei es sehr wahrscheinlich, dass sich das Regime mit der in den USA spielenden iranischen Nationalmannschaft brüsten wolle.
"Ich würde sogar so weit gehen, dass die Situation des Regimes – gerade um die Revolutionsgarden im Iran herum – sich dadurch konsolidieren konnte."
Dabei sei das Regime selbst kein Fan von Weltmeisterschaften, ordnet der Islamwissenschaftler ein. "Tausende Menschen, die gemeinsam auf den Straßen feiern, lassen sich schwer kontrollieren", sagt er. Gleichzeitig werde es soweit wohl gar nicht erst kommen, mutmaßt Tim Epkenhans: "Jetzt im Moment würde ich sagen, dass die Iranerinnen und Iraner im Iran auf jeden Fall andere Probleme haben als die Weltmeisterschaft."
Tim Epkenhans resümiert: "Die iranische Gesellschaft ist der tatsächliche Kriegsverlierer." Angesichts dessen sehen viele Exil-Iraner*innen die Nationalmannschaft eben nicht nur als Fußballteam.
"Das ist nicht unser Team. Das Regime hat die Spieler handverlesen."
Um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, zeigen viele Protestierende statt der offiziellen iranischen Flagge eine frühere iranische Flagge, berichtet Jan Borree. Sie hat neben den Streifen in weiß-rot-grün einen Löwen und eine Sonne. Es ist ein Symbol der Opposition gegen die Islamische Republik.
Die FIFA hatte zunächst angekündigt, politische Protestsymbole im Stadion nicht zuzulassen. Sie drohte im Falle von Protesten sogar, das Spiel abzubrechen. Soweit kam es schließlich nicht. Die Flagge mit Löwe und Sonne schaffte es ins Stadion, war bei der TV-Übertragung aber kaum zu sehen.
"Eigentlich sollte das Team während der WM in den USA untergebracht werden. Stattdessen musste es seinen Standort nach Tijuana in Mexiko verlegen."
Auch organisatorisch ist das Turnier für die iranische Mannschaft außergewöhnlich kompliziert, sagt Jan Borree. Statt in den Vereinigten Staaten ist die iranische Nationalmannschaft in Mexiko untergebracht. Nach Angaben der mexikanischen Regierung wollten die USA nicht, dass sich die Mannschaft dauerhaft auf amerikanischem Boden aufhält.
"Da alle Gruppenspiele in den USA stattfinden, muss das Team für jedes Spiel einreisen", erklärt der Journalist. Die Einreisegenehmigung gilt nur einen Tag. Das heißt: Direkt nach dem Spiel geht es zurück nach Mexiko. "Kein Team wird derart unterdrückt wie unseres", kritisiert der iranische Trainer Amir Ghalenoei die Regelung.
Treffen die USA und der Iran auf dem Spielfeld aufeinander?
Übrigens könnte es bei dieser WM politisch noch aufgeladener werden, sagt Jan Borree: "Landen sowohl die USA als auch Iran in ihren Gruppen jeweils auf Platz zwei, würden sie direkt aufeinandertreffen."
"So eine Konstellation, so ein Spiel wäre natürlich so aufgeladen wie noch nicht mal das WM-Finale."
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