ÄsthetikWie KI verändert, was wir schön finden
Makellose Haut, perfekte Proportionen, künstlich erzeugte Gesichter: KI verändert zunehmend, was wir als schön wahrnehmen. Doch was bedeutet das für unser Selbstbild – und können Algorithmen tatsächlich neue Schönheitsideale prägen?
Künstlich generierte Bilder sind längst Teil unseres Alltags. Immer häufiger begegnen uns Gesichter und Körper, die nicht mehr real, sondern von Algorithmen erschaffen oder optimiert wurden. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Natürlichkeit und digitaler Perfektion. Aber wie erkennen wir noch, was echt ist und was fake?
Was KI schön findet
Die KI-Ästhetik ist sehr klar: Im Vordergrund sehen wir meistens Perfektion, die sehr steril wirkt, sagt die KI-Expertin Inken Paland. Sie hat aber auch Tipps, wie wir KI-generierte Inhalte erkennen können, indem wir uns den Hintergrund genauer anschauen. "Es gibt Indikatoren, die wir ausgefranste Ränder nennen. Momente, in denen KI halluziniert, also etwas erfindet. Im Hintergrund passiert oft etwas, das gar nicht real sein kann."
"KI sieht immer ein bisschen perfekter aus, als man es sich eigentlich vorstellt."
Fachleute sprechen dabei vom sogenannten Uncanny-Valley-Effekt, erklärt Inken Paland. "Jemand ist zum Beispiel verschwommen im Hintergrund oder hat vielleicht ein zu lang gezogenes Auge", so die KI-Expertin. "Der Uncanny-Valley-Effekt beschreibt eigentlich, wenn man Personen darstellt, die nicht ganz richtig wie Menschen aussehen, wir aber nicht hundertprozentig feststellen können, was genau falsch ist. Wir merken nur: Irgendetwas stimmt nicht."
KI macht die Stirn gerne kleiner
Der KI-Expertin zufolge belegen Studien inzwischen, dass Künstliche Intelligenz einen Teil des Gesichts besonders häufig anpasst: die Stirn. Diese werde oft verkleinert, so Inken Paland. Die Proportionen entsprächen dabei nicht nur den menschlichen Schönheitsidealen, sondern würden zusätzlich verstärkt. Das liege daran, dass KI mit entsprechend bearbeiteten Bildern trainiert werde.
"Wir haben die KI mit vielen Daten trainiert, die gephotoshopped worden sind, also die gar nicht mehr der Realität entsprechen."
Am Ende werden die ohnehin schon sehr perfekten Bilder, auf die KI zurückgreift, häufig noch weiter verstärkt. "Das ist der Effekt von KI: Stereotype, die wir haben, spiegeln sich darin verstärkt wider. KI ist aber noch nicht in der Lage, ein Bild eins zu eins zu kopieren", erläutert Inken Paland.
Das habe zum Beispiel ein Experiment gezeigt, bei dem eine KI angewiesen wurde: "Bitte generiere dieses Bild exakt nach." Dieser Vorgang wurde etwa 500-mal wiederholt. "Am Ende kam dabei aber keine echte Person mehr heraus, weil alles bis ins Extrem verstärkt wurde – auch die Farben."
Verändert KI unser Schönheitsempfinden?
Die KI-Expertin sagt, dass zuletzt viele Menschen diesen extrem dargestellten Schönheitsidealen nachgeeifert haben. Auch Studien hätten das gezeigt. Inzwischen hat Inken Paland jedoch den Eindruck, dass sich der Trend langsam umkehrt. "Ich erlebe, dass Menschen sich, sobald sie merken, dass etwas KI-generiert und zu perfekt ist, eher in die andere Richtung bewegen und sich fragen: Was ist eigentlich menschlich und wie sehen wir wirklich aus?"
Gegenpole zur perfekten KI-Darstellung
Dabei spiele auch die Psychologie eine wichtige Rolle, erklärt Inken Paland. "Wenn etwas zu perfekt ist, merken wir uns das nicht. Wir brauchen kleine Anhaltspunkte, die wir selbst fühlen oder vielleicht schon einmal gesehen haben und einordnen können. Charakter, Authentizität – all diese Dinge werden gerade, glaube ich, viel wichtiger."
"Wir sind schon an dem Punkt, wo wir sagen, wenn es zu perfekt ist, dann glaube ich dem gar nicht mehr, und ich verliere sogar Vertrauen."
In jedem Fall rät die KI-Expertin dazu, Inhalte im Netz stets zu verifizieren. "Täuschungen werden oft nicht genutzt, um komplett zu täuschen, sondern es werden nur kleine Details verändert", sagt Inken Paland. Als Beispiel nennt sie Deepfakes von Politikerinnen und Politikern, bei denen in Videos etwa die Lippenbewegungen angepasst werden, sodass sie scheinbar völlig andere Aussagen treffen.
Vorsicht beim Doomscrollen und Teilen
Wer Bilder oder Videos teilt, sollte sich deshalb fragen: Wer profitiert davon, wenn ich diese Nachricht, diese Informationen oder dieses Video weiterverbreite? "Wenn man darauf eine Antwort findet und es trotzdem teilen möchte – go ahead. Wenn man darauf keine Antwort hat, sollte man vielleicht noch einmal genauer überlegen", meint Inken Paland.