ArbeitszeitWer profitiert vom Ende des 8-Stunden-Tages?

Seit gut einem Jahrhundert gilt der Achtstundentag: Nicht mehr zeitgemäß, findet die Bundesregierung, und will die Regeln jetzt lockern. Krankenpflegerin Marie sagt: Finger weg! Das ist die letzte Grenze, die vor Dauerarbeit schützt.

Die Bundesregierung diskutiert über eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. CDU/CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, statt einer täglichen Höchstarbeitszeit künftig stärker auf eine Wochenarbeitszeit zu setzen.

Konkret steht auf Seite 18 des Vertrags: "Deshalb wollen wir im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen."

Einfach länger arbeiten

Das sorgt gerade für Streit innerhalb der Koalition. CDU/CSU und Arbeitgeberverbände machen Druck und fordern eine schnelle Reform. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) zeigt sich skeptisch. Gewerkschaften warnen vor längeren Arbeitstagen und mehr Belastung.

Würde diese Umstellung von einer täglichen Obergrenze zu einer Wochenhöchstarbeitszeit gesetzlich festgeschrieben, wären längere Arbeitstage einfacher möglich, Unternehmen könnten Arbeitszeiten flexibler verteilen und an einzelnen Tagen wären deutlich mehr Stunden erlaubt. Theoretisch wäre so phasenweise eine Tagesarbeitszeit von mehr als 12 Stunden möglich – solange am Ende die Gesamtarbeitszeit pro Woche eingehalten wird.

Schichtdienst im Dauerstress

Die Krankenpflegerin Marie ist angesichts dieser Entwicklung zunächst völlig fassungslos. Insbesondere für ihr Berufsfeld fürchtet sie noch mehr Druck und sagt, dass Einspringen und Überstunden längst Alltag in der Pflege sind.

"Als allererstes war ich extrem entsetzt. Da habe ich echt Sorgen, was meinen Beruf, also was die Zukunft der Pflege, aber auch andere Berufe angeht."
Marie, Krankenpflegerin und Gewerkschaftsmitglied, Charité Berlin

Marie ist überzeugt, dass das Konzept Flexibilität mit Mehrstunden in anderen Berufen vielleicht funktionieren könne. In einem Schichtsystem aber, im Krankenhaus beispielsweise, sieht sie die Reformpläne als deutliche Einschränkung des Privatlebens und fürchtet noch mehr Belastung. Regelmäßiges Einspringen ist schon heute totaler Standard, sagt sie.

"Bei uns ist es jetzt schon so, dass Kolleginnen acht, neun Dienste am Stück machen mit mehrfachem Wechsel zwischendurch. Und da soll dann noch extra Arbeit dazukommen?"
Marie, Krankenpflegerin und Gewerkschaftsmitglied, Charité Berlin

Im Kern des geltenden deutschen Arbeitszeitgesetzes steht bislang der Achtstundentag. Das bedeutet:

  • Maximal acht Stunden Arbeit täglich.
  • Maximal 48 Stunden pro Woche.
  • Eine Erhöhung der täglichen Arbeitszeit ist auf bis zu 10 Stunden möglich
  • Voraussetzung dafür ist aber, dass über sechs Monate nur 8 Stunden täglich gearbeitet werden. Eine erhöhte tägliche Arbeitszeit muss in dieser Zeitspanne ausgeglichen werden.
  • Mindestens 11 Stunden Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen.
  • Sonderregeln gibt es zum Beispiel für Pflege, Gastronomie, Verkehr, Landwirtschaft und in Teilen des öffentlichen Dienstes.
  • Viele Tarifverträge regeln zusätzlich kürzere Wochenarbeitszeiten, 35 oder 40 Stunden zum Beispiel.

Für Unternehmen bringen flexiblere Arbeitszeiten klare ökonomische Vorteile, sagt der Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven.

Vorteile für Unternehmen

Er vermutet Nachteile speziell für Arbeitnehmerinnen: "Ich habe Sorge, dass das zulasten auch von Frauen geht, weil die häufig nicht so flexibel sein können, weil sie sich um den Haushalt verstärkt kümmern."

"Wenn es Auftragsspitzen gibt oder was abzuarbeiten ist, dann können eben die Arbeitskräfte so eingesetzt werden, wie sie am gewinnbringendsten sind, letztendlich für das Unternehmen."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

In der Bewertung ist er überzeugt, dass die SPD sich nicht vom Achtstundentag verabschieden kann. "Die SPD weiß ganz genau, dass ihr dann die letzten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als Wähler auch noch davonlaufen", sagt der Wirtschaftsjournalist.

Für ihn liegen die großen ökonomischen Probleme der Gegenwart im Bereich der Außenpolitik. Er nennt den Irankrieg, Ukraine-Krieg, Donald Trumps Zölle und die Konkurrenz durch China. Innenpolitisch sieht er in Rente, Gesundheit und Bürokratie Themen, die die Regierung anpacken muss. Er findet: "Arbeitszeit ist aus meiner Sicht ein kleiner Teil mit einem sehr, sehr hohen Stresspotenzial."