Fünf Jahre TalibanAfghanische Frauen haben keine Zukunft mehr

Studieren, arbeiten, reisen: Für Maryam aus Kabul war das mal normal. Seit die Taliban Afghanistan regieren, ist vieles davon verboten. Trotzdem gibt die 24-Jährige ihre Träume nicht auf. Wie lebt man, wenn Frauen fast nichts dürfen?

Chaos am Flughafen von Kabul. Es ist der 15. August 2021. Viele Afghaninnen und Afghanen versuchen zu fliehen. Manche klammern sich an die letzten US-Militärflugzeuge, die das Land verlassen. Viele werden verletzt, einige getötet.

Diese Bilder stehen heute noch für den überstürzten Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan und die schnelle Machtübernahme der Taliban. Zum zweiten Mal herrschen die radikalen Islamisten über das Land. Erstmals herrschten sie von 1996 bis Ende 2001. Und nun wieder seit August 2021.

Schrittweise Entrechtung von Frauen und Mädchen

Seit fünf Jahren bedeutet die Talibanherrschaft für Frauen vor allem den Entzug ihrer Rechte. Amnesty International spricht von systematischen und umfassenden Angriffen auf die Rechte von Frauen und Mädchen. Maryam, die in Kabul lebt und deren Namen wir zu ihrem Schutz geändert haben, sagt, sie erkenne ihr Leben nicht wieder.

"Wir sollten alle Rechte haben. Selbst im Islam ist es Frauen erlaubt zu studieren. Aber sie lassen uns nicht."
Maryam, lebt in Kabul

Studium verboten, Alltag eingeschränkt

Maryam hat Zahnmedizin studiert – bis die Taliban sie nicht mehr an die Uni gelassen haben. "Das hier wird für mich niemals normal sein. Das werde ich niemals akzeptieren", sagt sie.

Seit der Machtübernahme der Taliban müssen Frauen sich an strenge Kleidervorschriften halten und dürfen meistens nur noch in Begleitung eines Mannes aus dem Haus. Nach der sechsten Klasse müssen sie die Schule verlassen.

Ob die Kleidervorschriften eingehalten werden, kontrollieren die sogenannten Sittenwächter. Von ihnen berichtet auch Maryam. Früher habe sie sich keine großen Gedanken darüber gemacht, wie sie ihren Hijab oder ihre Burka trug.

"Ich muss schwarze Kleidung tragen und mein Gesicht bedecken sowie meine Hände und meine Füße."
Maryam, lebt in Kabul

Die Kontrollen und Zurechtweisungen auf der Straße hat auch Nabila Lalee beobachtet. Sie ist freie Journalistin und hat dieses Jahr zehn Wochen in Afghanistan verbracht. "Es reicht schon, wenn man hin und wieder von den Sittenwächtern gemaßregelt wird. Das verbreitet ein Klima der Angst", sagt sie. Hinzu komme das Risiko, verhaftet zu werden.

Sogar öffentliche Parks sind geschlossen

Nabila beschreibt, dass die Frauen in Afghanistan wie in einem "Alarmmodus" leben. "Sie haben das Gefühl, dass die Taliban regelrecht nach Gründen suchen, um ihnen noch weitere Sachen zu verbieten." Als Beispiel nennt Nabila die Parks, die geschlossen sind und in denen sich Frauen üblicherweise zum Spazierengehen und Teetrinken trafen.

"Man muss vorsichtig sein, diese systematische Verdrängung durch die Taliban nicht zu normalisieren, indem man sagt: Das gehört zur Kultur des Landes."
Nabila Lalee, Journalistin

Frauen schaffen sich ihre Freiräume – trotz allem

Gleichzeitig geben die Frauen nicht auf, sich Freiheiten zu erhalten, berichtet die Journalistin. Das können Schulen sein, die offiziell als Koranschulen registriert sind, in denen Mädchen aber regulären Unterricht bekommen. Oder sie betreiben Schönheitssalons und Fitnessstudios, obwohl auch die verboten sind.

In so ein Fitnessstudio geht auch Maryam. Nach vier Jahren zu Hause, erzählt sie, habe sie es nicht mehr ausgehalten.

"Frauen dürfen ja nicht trainieren, aber wir haben einen kleinen Keller, in dem sich viele Frauen treffen und Sport machen."
Maryam, lebt in Kabul

Daneben arbeitet Maryam als Zahnarzthelferin – allerdings nur ehrenamtlich. Das bezeichnet sie als bitter, schließlich war sie auf dem Weg, Zahnärztin zu werden. Mit der Berufswahl, sagt sie, wollte sie auch einen Beitrag in ihrem Land leisten. "Unserem Land fehlen Ärztinnen, und nun gibt es keine Generation, die nachkommt", sagt sie.

Bildung für Frauen und Mädchen ist unter den Taliban umstritten

Paradoxerweise gibt es sogar Talibanfunktionäre, die öffentlich sagen, dass sie ermöglichen wollen, dass ihre Töchter studieren. So geschehen in einem ZDF-Interview. Journalistin Nabila bestätigt: "Man hört immer wieder von Talibanfunktionären, die ihre eigenen Töchter ins Ausland zum Studium schicken."

Ihrer Einschätzung nach zeigt das, dass das Thema Bildung in den Reihen der Taliban umstritten ist. "Solche Uneinigkeiten werden in der Regel nicht öffentlich ausgetragen", so die Journalistin. "Der oberste Führer hat hier das letzte Wort und es sieht nicht danach aus, dass es in der kommenden Zeit eine Öffnung gibt."

Maryam bezeichnet ihr Leben, seitdem sie das Studium aufgeben musste, wortwörtlich als verschwendet. Früher, sagt sie, war sie viel mit Freundinnen unterwegs in Cafés, aber auch in den Bergen.

"Ich war Teil einer Mädchenclique. Gemeinsam waren wir eisklettern, bergsteigen und campen. Das vermisse ich am meisten."
Maryam, lebt in Kabul

Gleichzeitig will sie ihr Ziel, Zahnärztin zu werden, nicht aufgeben. Sie deutet an, eventuell zum Studieren ins Ausland zu gehen.

UN Women, eine Organisation der Vereinten Nationen, die sich für Gleichstellung einsetzt, berichtet von schweren psychischen Problemen afghanischer Frauen wegen der Einschränkungen.

Maryam beschreibt es so: "Ganz ehrlich, es ist schwer zu sagen, was mich jeden Tag weitermachen lässt. Ich versuche einfach alles, um die Hoffnung nicht zu verlieren."