FußballHandspiel? Die Regeln sind faul
Wenn die Hände beim Fußball mitspielen, gibt es richtig Ärger. Und häufig sind die Elfmeter dann spielentscheidend. In anderen Sportarten sind die Regeln klarer. Kann Hockey ein Vorbild sein? Eine Studie gibt die Richtung vor.
Beim Fußball müssen die Hände vom Ball Abstand halten. Wenn der Fußball absichtlich mit der Hand oder dem Arm gespielt wird und die Bewegung des Arms eine unnatürliche Vergrößerung des Körpers darstellt, dann wird bestraft. So steht es in den Regeln.
Elfmeter als Matchmaker
Stellt der Schiri oder die Schiedsrichterin ein Handspiel im Strafraum fest, ist die Folge ein direkter Strafstoß – auch bekannt als Elfmeter. "Statistisch gesehen geht der Ball bei einem Elfmeter in 76 Prozent der Fälle ins Tor. Bei einem Spiel, wo sonst wenige Tore fallen, häufig spielentscheidend", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Niklas Potthoff.
"Ich gucke viel Fußball, und rege mich fast jede Woche über die Handspielregel auf. Genau wie viele andere Fans, Spieler und Trainer."
Die Handspielregeln im Fußball machen eine Entscheidung schwer und lassen eine Menge Interpretationsspielraum, findet Tobias Bauch. Er arbeitet bei der Schiri GmbH des Deutschen Fußballbundes als Manager für Daten- und Innovationsprojekte. Bei seinem laufenden Promotionsprojekt steht die Optimierung von Schiedsrichterleistungen beim Fußball im Mittelpunkt.
Die entscheidenden Fragen beim Handspiel im Fußball seien eben nicht ohne Weiteres zu beantworten:
- Wurde der Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm gespielt?
- War die Bewegung des Arms eine unnatürliche Vergrößerung des Körpers?
"Was ist denn eine unnatürliche Vergrößerung des Körpers? Da ist auf jeden Fall Raum für Interpretation da."
Für den Deutschen Fußballbund hat Tobias Bauch eine Studie zum Thema Handspiel durchgeführt. Darin hat er geprüft, wann Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen einen Elfmeter geben. Und wann würden Spieler oder Trainer das tun? Dafür zeigt er Profischiris, -spielern und -trainern jeweils bestimmte Handspiel-Szenen im Strafraum.
"Die Schiris waren da sehr nah am Regeltext, haben stark mit den beiden Argumenten aus dem Regelwerk, Absicht und Unnatürlichkeit, argumentiert, während sich Trainer und Spieler sehr auf den Kontext bezogen haben."
Mit Kontext ist auf der Trainer*innen- und Spieler*innenseite beispielsweise gemeint:
- War das Handspiel vermeidbar, oder was war denn die Auswirkung des Handspiels?
- Wurde ein Tor verhindert oder nicht, hat sich die Flugbahn des Balles verändert oder nicht?
Allerdings sind diese Kriterien nicht Teil der offiziellen Handspielregel. Deshalb müssen Schiedsrichter den Elfmeter, geben, wenn sie von Absicht oder einer unnatürlichen Bewegung ausgehen, erklärt Niklas Potthoff.
Entscheidungen im Video-Keller
Dieser Umstand ist für Alex Feuerherdt problematisch. Er ist der Leiter bei der DFB Schiri GmbH für den Bereich Kommunikation. Alex Feuerherdt sitzt am Wochenende häufig im sogenannten Kölner Keller, wo der Videoschiedsrichter seine Entscheidungen trifft. Er sieht jede knifflige Situation in der Bundesliga, und bekommt mit, wenn Spieler und Fans sich aufregen.
"Wenn Schiedsrichter in bestimmten Situationen nicht anders handeln können, aber sich trotzdem damit auseinandersetzen müssen, dass sie Kritik bekommen, dann stimmt natürlich etwas grundsätzlich nicht."
Er wünscht sich, in der Praxis stärker bei der Spielfortsetzung anzusetzen und damit mehr Abstand vom Zwang zur Interpretation von Handspiel zu bekommen. Er kann sich im Fußball eine ähnliche Regelung wie beim Hockey vorstellen: Dort ist jeder Kontakt Arm mit Ball grundsätzlich strafbar – egal ob absichtlich, oder unvermeidlich. Im Ergebnis wäre einfach alles zu bestrafen. Allerdings eher mit einem indirekten Freistoß statt mit einem Elfmeter.
"Nicht bei der Regel ansetzen, sondern bei der Konsequenz. Dann wäre das Handspiel auch nicht so oft so spielentscheidend."
Bei einer solchen Vereinfachung würden insgesamt weniger Handelfmeter gegeben, meint Niklas Potthoff und sagt: "Viele gute Argumente also für eine Regeländerung im Sinne des Sports."