1000Bolesław I. wird erster König von Polen

Gold, Glaube und Geopolitik: Polens Aufstieg im Jahr 1000. Wie der Akt von Gnesen die europäische Landkarte veränderte. Ein Rückblick auf das Jahr 1000, die Geburtsstunde des polnischen Königtums.

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts war die Christianisierung im Inneren des Heiligen Römischen Reiches weitgehend abgeschlossen und die kirchlichen Strukturen waren fest etabliert. Die spirituelle und politische Aufmerksamkeit richtete sich daher zunehmend nach außen – auf die Gebiete jenseits der östlichen Reichsgrenzen. Dort formierten sich verschiedene slawische Stämme zu einem neuen, ernst zu nehmenden Machtfaktor: Polen, das sich im 10. Jahrhundert aus verschiedenen westslawischen Stammesverbänden zusammensetzte und durch Beutezüge an Fläche gewann.

"Beutezüge in benachbarte Territorien waren im 10. Jahrhundert für die Menschen in Polen nötig. Das Herzogtum Polen gewann dadurch massiv an Fläche."
Dr. Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte

Den intellektuellen und religiösen Brückenschlag hatte bereits Herzog Mieszko I. im Jahr 965 vollzogen, als er durch die Heirat mit der böhmischen Herzogstochter Dubrawka den Weg für die Taufe seines Landes ebnete. Es war jedoch sein Sohn und Nachfolger, Bolesław I. – später "der Tapfere" genannt –, der die junge christliche Identität des Landes mit diplomatischem Scharfsinn zu nutzen wusste. Als der charismatische Missionar Adalbert von Prag 997 Schutz für seine Reise suchte, gewährte Bolesław ihm eine militärische Eskorte.

Papst Silvester II. spricht Adalbert posthum heilig

Das Martyrium ließ sich dennoch nicht verhindern: An der Ostseeküste erschlugen die heidnischen Prußen den Geistlichen. Bolesław erkannte die tragische Stunde als historische Chance. Der Überlieferung nach wog er den Leichnam Adalberts in purem Gold auf, um ihn auszulösen. Er überführte die Reliquie nach Gnesen, dem heutigen Gniezno nordöstlich von Posen. Der Plan ging auf: Papst Silvester II. sprach den Toten bereits 999 heilig und schenkte der Region damit ein spirituelles Zentrum von europäischer Strahlkraft.

Im Jahr 1000 folgte die kirchenpolitische Weichenstellung. Der visionäre römisch-deutsche Kaiser Otto III. reiste als barfüßiger Pilger an das Grab des heiligen Adalbert. Bolesław inszenierte den Empfang mit überwältigendem Prunk. Dieser "Akt von Gnesen" wurde zur Geburtsstunde eines neuen Selbstbewusstseins: Otto III. entließ Polen aus der Tributpflicht, begründete das Erzbistum Gnesen und erhob Bolesław zum "Bruder und Mithelfer des Reiches". Auch wenn die offizielle Krönung Bolesławs zum ersten König von Polen erst 1025, kurz vor seinem Tod, stattfand – der geistige und politische Grundstein für das polnische Königtum wurde an jenem Märtyrergrab im Jahr 1000 gelegt.

"Der Akt von Genesen war ein symbolischer Akt, wo es um die Beziehungen zwischen Otto III. Bolesław dem Kühnen ging. Es fehlen einige Elemente, die tatsächlich auf eine richtige Krönung hinweisen."
Heidi Hein-Kircher, Historikerin, Ruhr-Uni Bochum
Historischer Kupferstich von Bolesław I. Chrabry, dem ersten König von Polen

Der Ablauf und die weitreichende Bedeutung des Akts von Gnesen gehören zu ihrem Kernforschungsgebiet: Heidi Hein-Kircher ist Professorin für deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa an der Ruhr-Universität Bochum und leitet die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne. Das historische Treffen im Jahr 1000 zählt auch dazu.

Die Idee einer christlichen Weltordnung

Otto III. nutzt dieses Treffen, um seine Vision einer christlichen Weltordnung im Osten in Szene zu setzen. Der Mittelalterhistoriker Bernd Schneidmüller von der Universität Heidelberg beschäftigt sich mit diesem Schlüsselmoment. Er erforscht das Verhältnis des römisch-deutschen Kaisers zu Polen und zu Herzog Bolesław I., den Otto III. – vermutlich – mit dem Akt von Gnesen zum ersten polnischen König gemacht hat. Für den Kaiser war diese Allianz in erster Linie ein strategisches und spirituelles Bündnis.

Ob im Jahr 1000 bereits der historische Startschuss für den modernen Staat Polen gefallen ist, erklärt last but not least in dieser Folge Eine Stunde History Jürgen Heyde von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er ist dort außerplanmäßiger Professor für Osteuropäische Geschichte. Neben seiner detaillierten Einordnung der damaligen geopolitischen Dynamiken beantwortet er auch die Frage, welche fundamentale Bedeutung dem Akt von Gnesen und dem Aufstieg von Bolesław I. zum ersten König tatsächlich zukommt.

Aus der Verschmelzung verschiedener slawischer Stämme entsteht in dieser Epoche das Herzogtum Polen. Damit formiert sich im Osten ein völlig neuer, ernst zu nehmender Machtfaktor, beschreibt Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld die politische Situation im 10. Jahrhundert. Das hat auch mit der geschickten Konsolidierung dieser Stämme zu tun, die den Grundstein für die spätere europäische Integration des Landes legte.

Adalbert von Prag stirbt 997 bei einer Missionsreise nach Preußen den Märtyrertod. Er wird posthum von Papst Silvester II. 999 heiliggesprochen. Kaiser Otto III. pilgert zum Grab nach Gnesen. Dort hat der Akt von Gnesen stattgefunden. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Luisa Filip führt uns in ihrer Reportage zurück in die Zeit.