Deutsch-Türkische-GeschichteSo prägen Menschen mit türkischen Wurzeln das Land
Sie leiten Cafés, lehren an Schulen oder retten Leben. Menschen mit türkischen Wurzeln prägen Deutschland seit Generationen. Denn vor 65 Jahren wurde das Anwerbeabkommen geschlossen. Trotz aller Erfolge bleibt Rassismus für viele ein Alltagsthema.
Eigentlich kamen die "Gastarbeiter" mit türkischen Wurzeln, um nicht zu bleiben. Doch heute sind sie und ihre Nachkommen überall präsent und prägen unseren Alltag und unsere Kultur.
In Deutschland lebten laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr rund 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 3,2 Prozent. Damit waren Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte im Jahr 2025 die größte Gruppe von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland.
Weshalb die "Gastarbeiter" nach Deutschland kamen
Am 30. Oktober 1961 wird das deutsch-türkische Anwerbeabkommen geschlossen. Der Grund: In der noch jungen Bundesrepublik fehlen Männer:
- Zum einen wurden in den Kriegsjahren zu wenig Kinder geboren.
- Zum anderen zieht die neu gegründete Bundeswehr viele Männer ab.
Die Bundesregierung will das Problem lösen, indem sie Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land holt – aus Italien, Spanien, Griechenland und schließlich auch der Türkei. Der Plan: Ankommen, arbeiten und nach einer Weile wieder ab nach Hause. Deshalb heißen die Menschen offiziell auch "Gastarbeiter".
Auch die Türkei sollte natürlich etwas davon haben: Man erhoffte sich, dass die "Gastarbeiter" das verdiente Geld zurück in die Heimat schicken und sie selbst mit vielen erlernten Sprach- und Fachkenntnissen in die Türkei zurückkehren würden.
Rassismus ist auch vier Generationen später noch präsent
65 Jahre später sind viele der ehemaligen "Gastarbeiter" tief verwurzelt in Deutschland und haben Kinder und Enkelkinder – so wie die Familie von Lehrerin Tülin, mit der Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Büsra Tasdemir gesprochen hat. Tülin hat ihr erzählt, dass ihre Familie seit vier Generationen im Land ist. "Unsere Großmütter haben geputzt und wir dürfen lehren", so Tülin. "Das sagt viel darüber, wie sich Ankunft über die Jahre verändert hat."
"Unsere Großmütter haben geputzt und wir dürfen lehren."
Auch in der deutschen Gastronomie sind Döner, Baklava und Co. nicht mehr wegzudenken. Banu Osmancelebioglu betreibt ein Café in Essen-Rüttenscheid und sagt, dass er von den Gästen von Anfang an unterstützt worden sei. "Wir fühlen uns willkommen und als Teil von Rüttenscheid", so der Gastronom.
"Sehr oft merke ich, dass wenn Menschen hierher kommen und alkoholisiert sind, sie schon relativ schnell dazu übergehen, rassistische Beleidigungen von sich zu geben."
Ein Gefühl, das Harun aus Essen nicht immer teilen kann. Er arbeitet seit über 15 Jahren als Krankenpfleger in der Notaufnahme an der Uniklinik. Gerade wenn Patienten alkoholisiert sind, erlebt er manchmal rassistische Anfeindungen, wie er unserer Reporterin erzählt.
Und darin, so Büsra Tasdemir, liege der gesellschaftliche Widerspruch: Während Deutschland über Fachkräftemangel diskutiere, werden Menschen, die längst Teil dieser Gesellschaft sind, wegen ihrer Herkunft rassistisch beleidigt.
Anmerkung: Unser Bild oben zeigt eine illegal plakatierte Werbetafel an der Bernauer Straße in Berlin-Mitte am 30.11.2004. Sie zeigt eine Deutschlandfahne mit integriertem türkischem Halbmond und Stern.