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Arbeit oder Studium, Beziehung, Familie – oft bleibt wenig Zeit für Freundschaften. Kathi verbindet Treffen mit Freunden auch mit ihren Hobbys. Unsere Vorstellung von Freundschaft müssen wir im Lebensverlauf meist anpassen, sagt eine Therapeutin.
Kathi wollte anfangs ihre Kontakte auf der Arbeit strikt von ihrem Privatleben trennen. Weil sie auf der Arbeit viel Zeit verbringt und ihre Freizeit nutzen wollte, um mit ihren Freund*innen zu connecten.
Statt mit ihrem Spitznamen Kathi ließ sie sich auf der Arbeit mit Katharina ansprechen. Dann merkte sie, dass sie sich mit Kolleg*innen gut versteht – das sie ähnliche Interessen haben. Sie entschied sich, Freundschaften zuzulassen und sich auch nach der Arbeit mit Kolleg*innen zu treffen. Inzwischen nimmt sich Kathi die Zeit in der Mittagspause bewusst, um diese Freundschaften zu pflegen.
Social Media nutzen, um Kontakte zu schließen und auf dem Laufenden zu bleiben
Eine Zeit lang hat Kathi die App "Bumble Friends" genutzt, um neue Leute kennenzulernen. Aber oft fehlte dann die Zeit, eine neue Bekanntschaft oder Freundschaft aufzubauen. Und die Social-Media-App "BeReal", um mit ihren Freunden in regelmäßigem Austausch zu bleiben.
Außerdem singt Kathi noch in einem Gospelchor – auch darüber hat sie neue Freundschaften geschlossen. Ein regelmäßiges Treffen – einmal im Monat zum gemeinsamen Abendessen vor der Chorprobe – hilft ihr, den Kontakt aufrechtzuerhalten.
"Man bekommt vielleicht Trost, aber auch eine Bestätigung. Bei einer Freundschaft kann man tatsächlich so sein, wie man wirklich ist."
Kathi sagt, andere Hobbys, wie Stricken und Radfahren, kann sie gut alleine machen. Sie überlegt aber auch, ob sie sich über einen Stricktreff mit Leuten verbindet, die das gleiche Hobby haben.
Gemeinsame Erlebnisse verschenken
Zu Geburtstagen schenken Kathi und ihre engsten Freund*innen sich gegenseitig Unternehmungen: zum Beispiel Stand-up-Paddeln am See. So haben sie die Chance, nicht nur ein oder zwei Stunden lang zu quatschen, sondern einen ganzen Tag gemeinsam zu verbringen.
"Bei manchen Personen kann man direkt wieder bei den Themen anknüpfen. Und es fühlt sich sehr vertraut an. Aber manche Freund*innenschaften funktionieren anders."
Laut einer Erhebung aus dem Jahr 2018 haben Menschen in Deutschland durchschnittlich 3,7 Freund*innen. Darüber hinaus, verfügen wir in der Regel noch über einen erweiterten Freundeskreis von zehn bis zwölf Personen, sagt die Soziologin Sabine Flick. Es gibt aber auch Personen, die angeben gar keine Freunde zu haben – insgesamt sind das aber nur wenige.
Kontakte auf der Arbeit oder ein Beziehungspartner können einen Freund oder eine Freundin nicht ersetzen, sagt Sabine Flick. Eine Freundschaft hat eine eigene Qualität: sie ist wichtig, damit wir uns gehört fühlen, Trost oder Bestätigung bekommen. Wir können uns in einer Krise melden oder auch ungeduscht die Tür öffnen und werden trotzdem akzeptiert. Eine Freundschaft macht aus, das wir wir selbst, also authentisch sein können, sagt die Soziologin.
Wie wir Freundschaften führen, verändert sich im Laufe der Zeit. Als Teenager und in den frühen Zwanzigern müssen wir uns in der Regel nicht aktiv darum bemühen, sagt die Psychologische Psychotherapeutin Rosalie Weigand. Wir gehen zur Schule, machen eine Ausbildung oder studieren an der Uni – dadurch bewegen wir uns täglich in den gleichen Kontexten wie unsere Freunde. Wir müssen die Treffen nicht einplanen, sie laufen einfach mit, sagt sie.
Eine wichtige Veränderung geschieht, wenn wir beispielsweise in den Beruf einsteigen und dadurch die Schule oder Uni verlassen. Ab diesem Zeitpunkt müssen wir viel genauer planen, wann und wo wir unsere Freund*innen treffen wollen. Unsere Vorstellung von einer Freundschaft, dass man sich beispielsweise täglich sieht und abends noch telefoniert, müssen wir dadurch umdefinieren, sagt die Psychologische Psychotherapeutin.
"Wenn sich eine Freundschaft dann später verändert, was ja etwas ganz Natürliches ist, dann denkt man erst einmal: 'Oh, das geht jetzt ein bisschen auseinander – wir sind nicht mehr so eng'."
Wir halten uns nicht mehr täglich am gleichen Ort auf, sehen uns seltener – eine räumliche Distanz entsteht. Diese Veränderung kann sich mitunter komisch anfühlen, weil wir es nicht gewohnt sind. Das bedeutet aber nicht, dass etwas falsch läuft, nur, dass es sich verändert, sagt Roslie Weigand. Unsere Lebensumstände ändern sich und dadurch werden auch unsere Freundschaften umgestaltet.
Was wir tun können, um Freundschaften zu pflegen
Mit manchen Freundinnen und Freunden gelingt es uns vielleicht, den engen Kontakt beizubehalten, weil sie möglicherweise in einer ähnlichen Lebensphase stecken oder in der näheren Umgebung wohnen. Andere, die beispielsweise in einer anderen Stadt leben, können wir wiederum nicht so häufig treffen.
Manchmal kann es helfen, regelmäßige Kontexte zu schaffen, um sich öfter zu sehen, sagt die Psychologische Psychotherapeutin. Das kann zum Beispiel ein Hobby sein, dass wir mit Freunden einmal wöchentlich ausüben.
Was ist uns bei einer Freundschaft wichtig – Qualität oder Quantität?
Rosalie Weigand sagt, dass es auch wichtig sein kann, sein Bedürfnis zu kommunizieren und dem anderen mitzuteilen, dass man ihn gerne häufiger sehen möchte. Dabei sollten wir aber auch schauen, ob das für beide passt. Ob wir, in einer bestimmten Lebensphase tatsächlich auch die Möglichkeiten und die Zeit haben, das zu realisieren.
Außerdem sollten wir uns fragen, ob es uns bei Treffen um die Quantität oder die Qualität geht: Ist es für uns wichtig, den anderen oft zu sehen? Oder haben wir vielleicht eher das Gefühl, dass die Qualität der Freundschaft nachlässt, weil wir den anderen emotional verlieren?, gibt Rosalie Weigand zu bedenken.