Attentat auf HitlerWie die Bundeswehr mit dem 20. Juli umgeht

Die Verschwörer vom 20. Juli 1944 wollten Hitler töten und waren zugleich auf unterschiedlichste Weise in Angriffskrieg und Unrecht verstrickt. Können sie militärische Vorbilder sein? Eine Debatte, der sich die Bundeswehr verschließt, meint Militärhistoriker Sönke Neitzel.

Die Feierlichkeiten zum 20. Juli gehören seit Jahrzehnten zur Gedenkkultur in Deutschland, sagt Sönke Neitzel. Dennoch beklagt er, das Gedenken sei unvollständig. Gesetzt werde innerhalb der Bundeswehr nur auf den staatsbürgerlichen Vorbildcharakter mancher Akteure des 20. Juli 1944. Eine Armee und ihre Soldaten bräuchten auch militärische Vorbilder.

Traditionen seien immer konstruiert, die Bundeswehr aber umschiffe in ihrer Konstruktion genau diese Frage. Auch der Traditionserlass aus dem Jahr 2017 lasse diese Leerstelle offen.

"Erinnert wurde und wird am 20. Juli an die zeitlose Kategorie der Moral, des Gewissens und der Verpflichtung zum Recht."
Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Universität Potsdam

Militärische Vorbilder trotz Verstrickung

Sönke Neitzel berichtet von Wehrmachtsangehörigen, die seiner Ansicht nach durchaus Vorbilder für die Bundeswehr sein könnten. Ein Beispiel: Axel Freiherr von dem Bussche. Er nimmt am Überfall auf Polen und an der Besetzung Frankreichs teil. Als Regimentsadjutant in der heutigen Ukraine wird er Augenzeuge, als mehrere tausend, meist jüdische Zivilisten ermordet werden. Er schließt sich dem Kreis um von Stauffenberg an und erklärt sich bereit, Hitler im Winter 1943 zu töten, durch ein Selbstmordattentat durch einen "patriotischen Suizid", wie er selbst sagt. Das geplante Treffen mit Hitler kommt allerdings nicht zustande.

"Die Bundeswehr tut sich immer noch schwer damit, Axel von der Bussche als das wahrzunehmen, was er war: Eben ein tapferer militärischer Führer und ein Gegner Hitlers."
Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Universität Potsdam

Solche und andere Biografien könnten zur Traditionsbildung genutzt werden. Dem im Wege stehe, sagt Neitzel, dass die Bundeswehr ihr Traditionsverständnis "entmilitarisiert" und "enthistorisiert" habe. Es handele sich bei ihr um eine "geschichts- und identitätslose Institution".

Der 20. Juli 1944 sei einerseits fruchtbar für das Selbstverständnis der Bundeswehr. Andererseits geht der Historiker davon aus, dass die Bedeutung des Attentats aufs Hitler in Zukunft abnehmen werde.

"Welches Maß an Verstrickung ist akzeptabel und welches nicht?"
Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Universität Potsdam

Sönke Neitzel ist Militärhistoriker an der Universität Potsdam. Seinen Vortrag mit dem Titel "Die Bedeutung des 20. Juli 1944 für die Traditionsbildung der Bundeswehr in Zeiten neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen" hat er am 19. Juli 2026 auf Einladung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Museum für Kommunikation in Berlin gehalten.

Eingangs bezieht er sich in seinem Vortrag auf die Abhörprotokolle, die im britischen Gefängnis für deutsche Wehrmachtsoffiziere in Trent Park, London, entstanden sind. Er hat diese Protokolle übersetzt und dazu publiziert (Sönke Neitzel, Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945, 2007).

Hinweis: Unser Foto entstand am 20. Juli 1961. Es zeigt die Bundeswehrkaserne in Sigmaringen, die nach dem Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg benannt wurde.