Durchziehen oder aufgebenWann sind wir bereit für einen Neustart?
Felix hat sein Studium abgebrochen. Rückblickend hat ihm die Zeit zwar keinen Abschluss, aber viel für seine Weiterentwicklung gebracht. Zwei Expertinnen erklären, was Loslassen und Aufgeben in unserer Gesellschaft bedeutet.
Als Felix noch Chemie studiert, bekommt er Panikattacken und schläft schlecht. Er gesteht sich ein: Es geht nicht mehr – er fühlt sich mit diesem Studium und dem Stress nicht mehr wohl. Ihm fehlt die Struktur. Die meiste Zeit fühlt sich zäh an.
Deshalb ruft Felix seine Mutter an und erzählt ihr, wie es ihm geht. "Wir haben beide am Telefon geweint und sie fand es ganz schrecklich, dass ich nicht schon vorher in diesem Prozess mehr mit meinen Eltern darüber gesprochen habe, sondern immer gesagt habe, dass alles gut ist", erinnert er sich. Was ihm bei diesem Telefonat guttut: Seine Mutter hört ihm erst mal nur zu.
"Es hat lang gedauert, bis ich an den Punkt gekommen bin, das auch für mich selbst zu akzeptieren."
Felix hat zu diesem Zeitpunkt sieben Semester Chemie studiert. Er ist also schon weit gekommen an der Uni. Er hat deshalb monatelang mit sich gehadert, bevor er für sich dazu entschieden hat, sein Studium abzubrechen.
Felix hat ein Schamgefühl bei sich wahrgenommen. Was werden die anderen dazu sagen? Seine Familie? "Das ist auch die deutsche Mentalität: Wenn du nichts auf dem Papier stehen hast, kannst du das nicht. Ohne Abschluss bist du nichts wert – was ich gar nicht unterstützen will oder kann", findet er.
Unser Leben als Ich-Unternehmen
Was Felix beschreibt, hat Helen Franziska Veit von der Uni Tübingen für ihre Doktorarbeit untersucht. Sie hat sich das Scheitern und Aufgeben in Deutschland genauer angesehen und wollte dabei herausfinden, wie sehr kapitalistische Denkmuster, die wir uns mittlerweile angeeignet haben, eine Rolle spielen.
"Wir sind aufgerufen, unser Leben zu managen, uns selbst zu optimieren. Auch ein Aufgeben soll geordnet und gemanagt sein, damit man dann weitermachen kann."
Helen Franziska Veit hat dabei beobachtet, dass in Deutschland wie auch in anderen Ländern das Bild stark verbreitet ist, sein Leben wie Unternehmer*innen zu führen. "Wir sind aufgerufen, unser Leben zu managen, uns selbst zu optimieren. Auch ein Aufgeben soll geordnet und gemanagt sein, damit man dann weitermachen kann. Das hängt natürlich auch immer mit dem vorherrschenden Menschenbild in einer Gruppe zusammen", erklärt sie.
Erlaubnis zum Loslassen
Sich selbst eine Erlaubnis zum Aufhören und Loslassen zu geben, ist allerdings wichtig, sagt Diplom-Psychologin und Autorin Ilona Bürgel. Was hier helfen kann, ist, das Wording zu verändern. "Immer, wenn man 'Aufgeben' sagt, hat das ein bisschen den Touch von 'Ich bin gescheitert. Ich bin nicht gut genug'. Wenn man sagt 'Ich suche einen neuen Weg' oder auch 'Ich mache eine Pause', kann das leichter werden, weil das nicht so nach Versagen klingt", sagt sie. Versagen würde ich in viele Fällen auch nicht zutreffen. Sondern etwas passiere zu einem falschen Zeitpunkt oder der Weg passe nicht zu uns.
"Immer dann, wenn große Emotionen im Spiel sind, fällt uns das schwerer."
Das ist jetzt aber kein Freifahrtschein, alles direkt abzubrechen, wenn erste Zweifel aufkommen. "Wenn wir zum Beispiel eine Ausbildung machen oder die Schule besuchen wollen, macht das schon Sinn, das auch zu Ende zu bringen, weil das wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass wir andere Dinge erreichen können", so die Psychologin.
Es sei auch nicht eine Entweder-oder-Entscheidung; also entweder durchziehen oder aufgeben. Manchmal gehe es um die Zwischenschritte. Statt etwas zu beenden, können wir zum Beispiel erst mal eine Pause einlegen, sagt sie.
Dafür kann es helfen, im Außen und Innen eine Bilanz zu ziehen. "Im Außen würde das bedeuten, dass ich immer wieder etwas angehe und es immer wieder nicht schaffe, zum Beispiel die Fahrprüfung. Dann kann es gut sein, dass das nicht zu mir passt. Im Inneren kann man sich fragen: Wie viel Anstrengung habe ich? Nimmt mich das so sehr mit, wenn ich immer wieder eine Prüfung versuche zu absolvieren, dass ich nicht schlafen kann, dass ich meine sozialen Beziehungen vernachlässige, dass ich mit mir schimpfe?", erklärt Ilona Bürgel.
"Wenn ich ein Ziel, eine Idee, einen Wert loslassen will, braucht der einen Ersatz. Sonst klammere ich mich immer wieder an das Alte."
Beim Loslassen sei es generell von Vorteil, eine gute Alternative zu einem ursprünglichen Ziel, einer Idee oder einem Wert zu haben. Wenn wir beispielsweise ein neues Ziel haben, womit wir das alte ausgleichen, könne das helfen.
Was möchte ich? Was brauche ich?
Bevor sich Felix dazu entschieden hat, sein Chemiestudium abzubrechen, hat er viel darüber gesprochen, zum Beispiel mit der Studienberatung. Er hat sich damit auseinandergesetzt, was ihn an dem Chemiestudium genau stört und was er sich wünscht. So konnte er herausfinden, welcher Weg besser zu ihm passt.
"Für meine persönliche Entwicklung war das eine wertvolle Zeit, die ich auch gar nicht missen will."
Deshalb ist die Zeit an der Uni auch etwas, das er nicht missen will, sagt er. Sie war ein Boost für seine Weiterentwicklung. Das kann er heute rückblickend so sehen.
Felix hat sich dann für ein duales Studium entschieden und arbeitet heute in den USA. "Ich glaube, dass ich mich in die richtige Richtung entwickle", sagt er.
In der Podcast-Folge geht Psychologin Ilona Bürgel darauf ein, was sie von Pro-und-kontra-Listen hält und sie erklärt, wie wir mit Brüchen in unserem Lebenslauf bei Bewerbungsgesprächen umgehen können. Felix erzählt außerdem, was ihm aktuell hilft, regelmäßig bei sich einzuchecken. Klickt dafür oben auf den Play-Button.
Hinweis: Unser Titelbild zeigt nicht Felix. Es handelt sich um ein Symbolbild.