AutokriseBekommen VW-Mitarbeiter endlich Klarheit?

Konzernchef Oliver Blume hält am Sparkurs bei Volkswagen fest. Nun beginnt die außerordentliche Betriebsversammlung. Wird sie den Beschäftigten Antworten auf drängende Fragen liefern – etwa zu möglichen Werksschließungen und Stellenstreichungen?

Volkswagen ist mit seinen rund 300.000 Beschäftigten einer der wichtigsten Arbeitgeber in Deutschland. Schon länger ist bekannt, dass Zehntausende Stellen abgebaut werden sollen. Aber es geht noch weiter: Es ist von weiteren Einsparungen die Rede, ganze Werksschließungen werden ins Spiel gebracht.

Wie ernst die Lage ist und wie es für die Beschäftigten weitergehen könnte, darüber will die VW-Konzernspitze nun direkt mit der Belegschaft sprechen. Oder besser gesagt: Sie muss, sagt Bertil Stark. Der NDR-Reporter ist in Wolfsburg vor Ort, der ersten Station von Oliver Blumes Werkstour.

VW-Vorstand wird zu Betriebsversammlungen verdonnert

Diese Werkstour, erklärt der Journalist, hat sich der VW-Vorstand nicht selbst überlegt. "Das Ganze ist auf Initiative des Betriebsrats passiert. Dort hieß es: Wenn sich die Chefetage nicht äußert, werden wir außerordentliche Betriebsversammlungen einberufen." Das Besondere: Zu diesen Terminen müssen die Chefs erscheinen – darunter Oliver Blume, aber auch andere Vorstandsmitglieder.

"Bei diesen außerordentlichen Betriebsversammlungen muss die Chefetage auf die Bühne gehen und sich erklären."
Bertil Stark, Reporter beim NDR

Kurz nach der ersten Versammlung in Wolfsburg hat sich der Betriebsrat schriftlich geäußert. "Man kann relativ klar sagen, dass Oliver Blume die Belegschaft enttäuscht hat", fasst Bertil Stark das Statement des Betriebsrats zusammen. Es sei von verlorenem Vertrauen die Rede. Außerdem gebe es keine konkreten Aussagen zum öffentlich diskutierten Jobabbau – weder dazu, welche Marken noch welche Standorte betroffen sein sollen.

Was bisher klar ist, sagt Bertil Stark: VW muss sparen. Die Kosten liegen nach Konzernangaben ungefähr 30 Prozent über dem Durchschnitt anderer Unternehmen in der Automobilbranche. "Das heißt, Volkswagen verdient einfach viel zu wenig Geld mit den Autos, die verkauft werden", fasst der Journalist einen Teil der Problematik zusammen. Die Werke seien außerdem zu schwach ausgelastet.

Doch der Konzern schwächelt auch, weil das Geschäft in China nicht mehr so gut läuft wie früher. Außerdem schlagen die hohen US-Zölle zu Buche. Fünf Milliarden Dollar müsse Volkswagen dafür zahlen, sagt der Journalist.

Ob und welche Werke in Deutschland geschlossen werden könnten, ist noch unklar, sagt Bertil Stark. Gleichzeitig schwebt der Anfang der 2030er-Jahre wie ein Damoklesschwert über vielen Standorten und Beschäftigten.

"Anfang der 2030er endet die Fahrzeugproduktion an mehreren Standorten – in Emden, Zwickau, Hannover und im Audi-Werk in Neckarsulm."
Bertil Stark, NDR-Reporter

Die Suche nach möglichen Optionen

Dass die Lage bei VW ernst ist, zeigen aus Bertil Starks Sicht auch die Überlegungen, die sich der Konzern macht. "Volkswagen überlegt, mit der Rüstungsindustrie zu kooperieren oder auch chinesische Partner mit nach Deutschland zu holen." Alles, um die Werke wieder vollzukriegen, erläutert der Journalist und fügt hinzu: "Für Volkswagen sind das schon radikale Überlegungen."

VW steckt also in einem grundlegenden Umbau. Der Konzern verkauft deutlich weniger Autos als früher, vor allem in China, und die Gewinne brechen ein. Gleichzeitig muss Volkswagen Milliarden in die Entwicklung neuer Elektroautos, Software und anderer Technologien investieren. Wie schwierig dieser Wandel für den Konzern ist und welche Herausforderungen und Kosten damit verbunden sind, ist in dieser Folge Unboxing News nachzulesen und nachzuhören.

Viel Kritik an der Kommunikation des Konzerns

Entscheidend ist nun also nicht nur, wie VW den Konzern umbaut, sondern auch, wie die Unternehmensspitze die Mitarbeitenden in diesem Prozess mitnimmt, sagt Journalist Bertil Stark und verweist auf eine Umfrage, die im Intranet des Konzerns veröffentlicht wurde. Demnach kritisierten sehr viele VW-Mitarbeitende die Kommunikation des Vorstands.

"Die Arbeiterinnen und Arbeiter erfahren nur aus dem Radio, Fernsehen oder Internet, wie es bei Volkswagen weitergehen könnte. Natürlich sind viele von ihnen sehr verunsichert."
Bertil Stark, Reporter beim NDR

Dass die Mitarbeitenden bei den kommenden außerordentlichen Betriebsversammlungen mehr oder konkretere Informationen von Oliver Blume bekommen werden, glaubt Bertil Stark nicht. Der Konzern selbst hat angekündigt, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten "belastbare Perspektiven für alle Standorte zu schaffen". Bertil Stark übersetzt es so: Es wird geschaut, welches Werk wie wettbewerbsfähig ist. "Anfang nächsten Jahres könnte es dann noch mal richtig heiß werden", schätzt der Journalist.

Nicht vergessen werden sollte allerdings, dass der Umbau von VW Auswirkungen auf die gesamte deutsche Wirtschaft haben werde. "Man darf nicht vergessen, dass allein in Niedersachsen 120.000 Menschen bei VW arbeiten. Hinzu kommen die ganzen Zulieferer." Es stehe also viel auf dem Spiel.

"Im Englischen sagt man ja: too big to fail. Und genau das gilt für VW. Das Unternehmen ist zu wichtig, als dass man es tatsächlich scheitern lassen könnte."
Bertil Stark, Reporter beim NDR