BedürfnisseWie können wir als Paar besser streiten?
Luna und Nicolas haben ihre Streitdynamik komplett verändert. Heute gehen sie Konflikte gesünder an, sagen sie. Wie streiten auch konstruktiv geht, erklärt eine Paartherapeutin. Denn: Streiten sei wichtig für Beziehungen.
Luna und Nicolas sind zusammen, seit sie Teenager sind. In ihrer Beziehung ging es auf und ab. Streitereien haben auch dazugehört. Nach sechseinhalb Jahren kam dann der Cut: Die beiden haben sich getrennt. Etwa neun Monate später haben sie wieder zueinandergefunden – mit einer neuen Perspektive und dem Wunsch, es dieses Mal besser zu machen.
Die Trennung beschreibt Luna als das Schlimmste und gleichzeitig Beste, was ihr jemals passiert ist. "Weil ich dadurch auch herausgefunden habe, was ich will und was ich nicht will", sagt sie. Luna und Nicolas haben erkannt, wie destruktiv sie lange Zeit gestritten haben.
"Kommunikation ist das allerwichtigste und das hat uns sehr krass geholfen, anders zu streiten, gesünder."
Früher haben sie sich in einem Streit gegenseitig hochgeschaukelt, es wurde sehr persönlich und verletzend. "Das Schwierige war, dass Luna die Streitigkeit direkt klären wollte. Mir hätte es damals geholfen, den Raum zu verlassen oder vor die Tür zu gehen und kurz durchzuatmen. Aber das hat sie nie zugelassen und das hat mich in dem Moment noch wütender gemacht", erklärt Nicolas.
Streiten lernen als Paar
Paartherapeut Eric Hegmann beobachtet in seiner Arbeit, dass sich oft Menschen zusammenfinden, die eine unterschiedliche Streitdynamik in sich tragen, zum Beispiel lösungsorientiert auf der einen Seite und gefühlsorientiert auf der anderen Seite.
"Interessanterweise sind das die beiden Pole, die in Beziehungen ganz besonders häufig aufeinanderprallen beziehungsweise die wir uns suchen, das ist meine Vermutung. Weil wir etwas in der anderen Person sehen, das sie besser kann als wir", sagt er.
So streiten wir konstruktiv
In einer Beziehung ist Streit an sich wichtig, sagt Diplompsychologin und Paartherapeutin Tina Rosenberger, damit man einander nicht verliert. Durch Streiten verstehen wir die Bedürfnisse, Wünsche und Themen des anderen. Wir lernen uns besser kennen – wenn wir es konstruktiv angehen.
"Streit entsteht immer dann, wenn tiefere Gefühle mit im Spiel sind."
"Destruktiv wird streiten, wenn Dinge fallen und gesagt werden, die hängen bleiben, die sehr verletzen und Schaden damit anrichten. Das heißt: Immer wenn es zu genereller Kritik kommt und auch zu Abwertung des anderen, ist das langfristig, mittelfristig schädlich für die Beziehung", erklärt sie.
Abstand versus Nähe
Was Tina Rosenberger häufig sieht, ist eine Streitdynamik, die sie als Verfolger-Rückzieher-Spirale beschreibt. Die eine Person möchte das Problem direkt lösen und die andere braucht Zeit und zieht sich zurück. Daraus könne ein Kreislauf entstehen, in dem auf mehr Abstand mit mehr Reden und dem Wunsch nach Klärung reagiert wird.
Stopp: Pause machen
Wenn der Streit einen Punkt erreicht, an dem sich abzeichnet, dass das Gespräch der Beziehung schadet oder es nicht guttut, dann empfiehlt die Paartherapeutin, das mit einem Stoppzeichen zu signalisieren und eine Pause zu machen.
"Ab einem bestimmten emotional-körperlichen Arousal, also ab so einer gewissen Aktivierung sind wir nicht mehr in der Lage, klar zu denken und auch nicht mehr uns in andere Menschen hinein zu versetzen", sagt sie. Das Stoppzeichen sollte vorher gemeinsam vereinbart werden. Teil davon ist auch gleichzeitig einen Zeitpunkt auszumachen, an dem das Gespräch noch mal aufgegriffen wird.
Muster erkennen und ändern
In der Pause können sich beide Seiten beruhigen und auch der Körper kann wieder runterfahren. Das gibt Zeit, jeweils einzeln in eine Selbstreflexion zu gehen: "Wo gibt es einen wahren Kern in dem, was meine Beziehungsperson da gesagt hat? Oder du kannst dich fragen, ob es bei dem Thema oder bei der Dynamik des Streits etwas gibt, was du von früher kennst und was vielleicht nicht direkt mit dem Partner zu tun hat", so Tina Rosenberger.
Durch solche Fragen können wir ein Thema aus einer anderen Perspektive betrachten und unserem Gegenüber im Anschluss noch mal neu begegnen. Luna und Nicolas machen sich bei ihren Konflikten heute immer wieder klar, dass sie ein Team sind und es um ein Miteinander geht. "Man ist gegen das Problem und nicht gegeneinander", sagt Luna.
Im Podcast geht Paartherapeutin Tina Rosenberger noch weiter darauf ein, was wir beim Streiten beachten können. Luna und Nicolas erzählen, was ihnen geholfen hat, besser zu streiten. Klickt dafür oben auf den Play-Button.