BewerbungsstressWie stärken wir unser Selbstwertgefühl?
Annalena wollte nach dem Studium im Job durchstarten und war dann monatelang auf Suche. Eine neue Arbeit zu finden, ist aktuell besonders schwer, sagt ein Arbeitsmarktforscher. Eine Berufsberaterin gibt Tipps, wie wir nicht verzweifeln.
Ist es der Lebenslauf, das Anschreiben oder doch fehlende Erfahrung? Annalena ist nervös. Sie bewirbt sich auf einige Stellen, aber sie bekommt entweder eine Absage oder keine Antwort.
"Wenn ich eine Absage erhalten habe, war ich direkt angespannt. Mein Herz hat gepocht, ganz verrückt. Das hat mich genervt, weil ich so vulnerabel geworden bin."
Das hat sie so nicht erwartet. Sie hat gerade ihr Studium abgeschlossen und war bereit, ins Berufsleben einzusteigen. "Am Anfang dachte ich mir: Das wird auf jeden Fall gut laufen. Ich schreibe entspannt Bewerbungen und suche mir gute Stellen raus. Als ich das dann gemacht und einige Bewerbungen verschickt und teilweise keine Antwort bekommen habe, habe ich so langsam gemerkt: Das könnte schwieriger sein, als ich am Anfang dachte", erzählt sie.
Bei Annalena hat es fünf Monate gedauert, bis sie ihren jetzigen Job gefunden hat. Wenn sie mit anderen darüber spricht, beobachtet sie, dass sie damit nicht alleine ist. Von anderen, die mit der Uni fertig geworden sind, hört sie auch, wie schwer die Jobsuche ist.
Freie Stelle? Fehlanzeige
Das Gefühl von Annalena kann Arbeitsmarktforscher Enzo Weber bestätigen. Er leitet den Forschungsbereich "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und ist Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg.
Er sagt: Alle, die aktuell einen neuen Job suchen, haben es schwerer als früher. Das betrifft also nicht nur Berufseinsteiger*innen. "Das Ganze liegt an der Erneuerungskrise, in der wir uns befinden. Die Investitionen sind seit langem runter, die Gründungen in der Industrie sind so niedrig wie noch nie. Es werden so wenig neue Jobs geschaffen wie noch nie", erklärt Enzo Weber. Diese Folgen spüren dann besonders auch junge Menschen, die in ihren ersten Job starten wollen.
"Es werden so wenig neue Jobs geschaffen wie noch nie."
Der Arbeitsmarktforscher räte deshalb dazu, bei der Suche flexibel zu sein und um die Ecke zu denken. Das bedeutet: abseits der Berufe und Branchen zu schauen, die man schon kennt. Er nennt Maschinenbau als Beispiel. Statt die Autoindustrie im Blick zu haben, kann sich eine Bewerbung in der Windkraftbranche lohnen.
Gerade junge Menschen können für den Arbeitsmarkt durch den Willen, Dinge anders zu machen, eine wichtige Rolle spielen, was beispielsweise neue Kompetenzen angeht, so Enzo Weber.
Jobsuche nach Stärken
Sich mit den eigenen Kompetenzen zu beschäftigen, kann uns auch einen Push im Bewerbungsprozess geben. Besonders, wenn wir an uns zweifeln, weil wir nicht weiterkommen. "Wenn ich eine Absage erhalte oder gar nichts höre, sind das auch kleine Mikroverletzungen für das eigene Kompetenzgefühl, so nenne ich das, weil ich irgendwo eine Zurückweisung erlebe", sagt Berufsberaterin Marina Loer-Gouteu von der Bundesagentur für Arbeit.
Sie erlebt in der Berufsberatung, wie gut es tun kann, erst mal die Gefühle, Unsicherheiten und Zweifel rauszulassen und darüber zu sprechen. Was dann hilft, ist, sich mit seinen Stärken und Kompetenzen auseinanderzusetzen. Marina Loer-Gouteu empfiehlt hier, darauf auch andere anzusprechen. Freund*innen, ehemalige Chefs oder Vorgesetzte können uns so Fähigkeiten aufzeigen, die wir bei uns selbst vielleicht nicht deutlich sehen.
"Wenn ich eine Absage erhalte oder gar nichts höre, sind das auch kleine Mikroverletzungen für das eigene Kompetenzgefühl."
Durch die Abfrage bei anderen machen wir uns bewusst, worin wir besonders gut sind und können daraus auch Inspiration ziehen, die uns andere Arbeitsmöglichkeiten aufzeigt. Vielleicht findet sich dazu eine Weiterbildung, Kurse, Projekte, ein Nebenjob oder Ehrenamt. Diese Perspektive kann helfen, aus dem Bewerbungstief zu kommen und Sinnhaftigkeit, Selbstwirksamkeit und Orientierung zu fühlen, erklärt die Berufsberaterin.
In der Podcast-Folge erzählt Annalena, was ihr geholfen hat, sich weiter zu bewerben und Marina Loer-Gouteu teilt noch weitere Erfahrungswerte aus ihrem Alltag als Berufsberaterin.