BiodiversitätWie uns die Natur glücklich macht
Zeit in der Natur tut uns gut – vor allem, wenn sie gesund ist. Wie die Natur auf unsere Psyche wirkt und was wir daraus lernen können, dazu liefert die Umweltpsychologie Antworten. Kevin Rozario erklärt aktuelle Erkenntnisse im Vortrag.
Augen schließen, tief einatmen, Blätterrauschen und Vogelgezwitscher hören, den Wind spüren, den Waldboden riechen – all das kann entspannen und Stress abbauen. Dieses Gefühl kennt ihr sicher. Doch was passiert dabei eigentlich genau? Und macht es einen Unterschied, in welcher Natur wir uns aufhalten?
Zusammenhang: Klimawandel, Biodiversität und psychische Gesundheit
Solche Fragen sind hochaktuell, erklärt Umweltpsycholog*in Kevin Rozario: "Wir sind inmitten einer sogenannten Dreifachkrise von einer starken Zunahme an Extremwetterereignissen, einem Biodiversitätsverlust, der wirklich seinesgleichen sucht, und einem starken Anstieg an psychischen Erkrankungen." Vor allem Depressionen und Angsterkrankungen nehmen weltweit zu.
"Es braucht auch interdisziplinäre und transdisziplinäre Ansätze, damit wir vielleicht noch die Kurve kriegen."
Diese drei Krisen hängen zusammen, so die Annahme von Kevin Rozario – und erfordern Forschung über Disziplinen hinweg. Wie Wissenschaftler*innen den Zusammenhang zwischen Biodiversität – also Arten- und Landschaftsvielfalt – und psychischer Gesundheit untersuchen, erklärt Kevin Rozario im Vortrag.
Wie Forschende Biodiversitätseffekte auf die Gesundheit messen
Proband*innen verbringen dafür zum Beispiel Zeit im Wald oder hören im Labor Naturgeräusche. Anschließend beantworten sie Fragen über ihre Empfindungen. Ergänzend wird etwa die Hirnaktivität mit Elektroenzephalogramm (EEG) gemessen: Dabei wird die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen.
Auch vorhandene Daten liefern wichtige Hinweise: Forschende verknüpfen zum Beispiel Informationen zur psychischen Gesundheit oder Lebenszufriedenheit mit GPS-Daten. So wird sichtbar, wie grün die Wohnumgebung oder wie vielfältig die Vogelwelt vor Ort ist und dass das mit unserem Wohlbefinden zusammenhängt. Im Vortrag stellt Kevin Rozario dazu spannende Studien vor.
"Man sieht einen Zusammenhang zwischen geringerer Antidepressiva-Verschreibungsrate und Baumdichte um den Wohnort."
Doch diese Forschung hat auch ihre Tücken: Wenn Proband*innen im Feldexperiment von Mücken zerstochen werden, ist es schnell vorbei mit der Messung von Biodiversitätseffekten im Wald. Auch das thematisiert der Vortrag.
Aber Mückenattacken mal bei Seite. Die Umweltpsychologie kann zeigen: Natur wirkt sich fast immer positiv auf die Psyche aus, sei es der Stadtpark oder die landwirtschaftliche Monokultur. Spannend dabei auch: Für Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status gilt das besonders stark, zeigen Untersuchungen.
"Natur tut eigentlich immer gut."
Und: Hohe Biodiversität kann diesen Effekt sogar noch verstärken. Vereinfacht gesagt: Wer die Natur schützt, könnte zugleich die eigene und unser aller psychische Gesundheit stärken.
Und das ist längst nicht alles: In Kevin Rozarios Vortrag geht es auch darum, ob vertraute Natur anders wirkt als fremde, was Citizen-Science- oder Umweltschutzprojekte mit uns machen und ob Naturerleben sogar Spinnenphobien lindern kann. Spoiler: Kann es!
"Je intensiver die Naturerfahrung, desto besser für unsere Psyche."
Kevin Rozario ist Umweltpsycholog*in und Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Der Vortrag "Gesunde Biodiversität - Natur tut gut!" wurde am 16. Dezember 2025 im Rahmen des Offenen Hörsaals an der Freien Universität Berlin aufgezeichnet.
Forschungsschwerpunkte: Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur im weiteren Sinne sowie die Zusammenhänge zwischen Biodiversität und psychischer Gesundheit, die zugrunde liegenden Mechanismen und insbesondere die Wahrnehmung von Biodiversität. Außerdem interessiert sich Kevin Rozario für die Verbindung zur Natur aus der Perspektive der Tiefenökologie und will herausfinden, wie wir die Verbindung zur Natur fördern können, um einen beidseitigen Nutzen für Natur und Mensch zu schaffen.
Im Rahmen einer Promotion an der Uni Jena im Projekt Dr. FOREST untersucht Kevin Rozario, wie sich der Kontakt mit visuellen und auditiven Reizen unterschiedlicher Walddiversität auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden auswirkt. Außerdem, welchen Zusammenhang es mit Aufmerksamkeitswiederherstellung und Stressbewältigung gibt.