AbsagenKünstler aus Israel erleben Boykott und Antisemitismus

Die Musikerin Noga Erez aus Tel Aviv sagt, ihre israelische Herkunft wird für sie immer wieder zum Problem. Zum Beispiel sagen ihr Festivals ab, bei denen sie ursprünglich auftreten sollte. Und sie ist nicht die einzige, der es so geht.

Seit dem 7. Oktober 2023 – dem Überfall der Hamas auf Israel – und dem anschließenden Krieg in Gaza erleben israelische Künstler*innen zunehmend, dass ihre Herkunft bei Auftritten, Festivals und in der internationalen Kulturszene zum Thema wird.

"Vor dem 7. Oktober bin ich fast jedes Wochenende für eine Show nach Europa geflogen. Im Sommer darauf konnte ich dort keine Shows mehr spielen. Das ist so geblieben."
Udi Naor, Musiker

Auch der Musiker Udi Naor aus Tel Avi berichtet von Absagen und ausbleibenden Anfragen. Früher war er mit seinem Electro-Projekt BĘÃTFÓØT international auf Tour. Heute ist das anders, sagt er: "Manchmal waren Absagen sehr deutlich. Ich hatte mit einer sehr bekannten Sängerin gearbeitet. Dann sagte sie: 'Udi, ich kann nichts mit einem israelischen Musiker veröffentlichen.'"

Absagen ohne Gründe – stiller Boykott

In vielen Fällen wurden die Konzertabsagen nicht einmal begründet. "Stillen Boykott nennt man das", erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Philipp Kressmann. Der israelischen Rapperin Sharon habe man aber einmal gesagt, sie zu buchen, sei ein politisches Statement. "Wohl im Sinne von: Wenn man eine israelische Künstlerin bucht, würde man auch die Politik Netanjahus unterstützen, was ja absurd ist", berichtet Philipp.

Und bei einer Show wurde Sharon sogar gebeten, ihren Anstecker mit gelber Schleife zu entfernen. Ein Zeichen der Solidarität mit den von der Hamas festgehaltenen Geiseln.

"Dann habe ich ihr gesagt, dieser Pin steht dafür, dass Geiseln befreit werden sollen und ist kein politisches Statement, sondern ein menschliches."
Sharon, israelische Rapperin

Für die Musiker*innen bedeuten die Absagen heftige finanzielle Einbußen. Aber es gehe den israelischen Künstler*innen um mehr als finanzielle Aspekte, sagt unser Reporter. Es tue weh, Ausgrenzung aufgrund von Herkunft oder Nationalität zu erfahren. "Ich habe etwas verloren, das viel bedeutender ist als Geld. Ich habe meine internationalen Verbindungen verloren. Dabei war es immer mein Traum, zu reisen und Menschen kennenzulernen. Es war für mich das Allerschönste, ein Ausdruck von Liebe, gemeinsam zu feiern und durch elektronische Musik zusammenzukommen", sagt Udi Naor.

Udi sagt, er ist eigentlich Pazifist. In Tracks setzt er sich auch kritisch mit Gewalt und Krieg auseinander. Aber seine Nationalität scheint diese Aspekte völlig zu verdecken.

Anfeindungen von zwei Seiten

Die Abkürzung BDS steht für "Boycott, Divest, Sanctions", die Kampagne wurde 2005 gegründet und trage auch dazu bei, dass israelische Künstler*innen boykottiert werden. Der Sozialwissenschaftler Jakob Baier etwa sagt, die Kampagne ist antisemitisch, weil sie im Kern auf ein Ende des jüdisch-demokratischen Staates abzielt.

BDS richtet sich auch gegen äußerst regierungskritische Stimmen und palästinensisch-israelische Friedensprojekte. Mittlerweile habe sich diese Boykott-Idee verselbstständigt. Israelische Künstler*innen werden nicht als Individuen angesehen, sondern einzig aufgrund ihrer Herkunft angefeindet, sagt der Sozialwissenschaftler: "Am Beispiel von der israelischen Sängerin, Rapperin Noga Erez lässt sich das ja ganz gut aufzeigen, dass das für Personen wie sie ein großes Problem ist." Im eigenen Land gelte sie als regierungskritisch und werde dafür angefeindet. Und im Ausland werde sie ausgegrenzt, weil sie Israelin ist.

"Innerhalb von Israel gilt sie als regierungskritisch, wird dort auch angefeindet. Und im Ausland wird sie diffamiert und ausgegrenzt, weil sie Israelin ist."
Jakob Baier, Sozialwissenschaftler

Solche Kampagnen gebe es nur gegen Israel und seien ohne antisemitische Ideologie nicht erklärbar, so Jakob Baier.

Boykott und Ausgrenzung richten sich nicht nur gegen Musiker*innen. Zuletzt wurde ein israelischer Regisseur aus einem Filmfestival in Frankreich gedrängt. Auch an Unis, in der Literatur- und Kunst-Szene gibt es Boykott-Aktionen.

Und in Deutschland wurden Clubs angegangen, wenn sie sich weigern, bei Boykott-Aktionen mitzumachen. Laut Baier gibt es auch Locations, die aus Angst vor Shitstorms israelische Acts nicht buchen. "Für die Kulturszene ist das keine gute Entwicklung, weil diese Boykotte Vielfalt gefährden. Und das ist das Gegenteil von dem, was Kultur leisten könnte", sagt unser Reporter Phillipp Kressmann.