Brand im Hohen VennKommt jetzt mehr Klimaschutz?
Im Hohen Venn an der deutsch-belgischen Grenze brennt eine geschützte Hochmoor-Landschaft. Wildnis-Erlebnispädagogin Betty wohnt nur wenige Kilometer entfernt und spricht von einer Apokalypse. Motivieren die Bilder die Politik zu mehr Klimaschutz?
Ohne Natur, ohne Wald kann sich Betty Heinecker ihr Leben aktuell nicht vorstellen. "Ich würde sagen, mein Leben ist Natur, also ich bin sehr naturverbunden", sagt die Wildnis-Erlebnispädagogin und Leiterin der Personalabteilung eines Greentech-Unternehmens. Seit zweieinhalb Jahren lebt sie in Roetgen, einer Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, direkt an der belgischen Grenze. "Ich habe mich so in die Natur hier verliebt, dass ich sofort wusste: Hier will ich bleiben."
Historische Brände an der deutsch-belgischen Grenze
In unmittelbarer Nähe zu Bettys Haus an der deutsch-belgischen Grenze sind am Freitag (14.08.2026) Feuer ausgebrochen. Ihr Zuhause liegt sogar zwischen zwei Brandherden: dem im Hürtgenwald und dem im Hohen Venn.
Hunderte Einsatzkräfte rückten gegen die Feuer aus. Im Naturschutzgebiet Hohes Venn sind mehr als 3.000 Hektar Moorlandschaft betroffen. Es ist der größte Brand in der Geschichte Belgiens.
Als Betty von dem Feuer erfuhr und die ersten Rauchwolken sah, war sie gerade mit dem Auto unterwegs. Sie erzählt: "Als ich zwischen den beiden Rauchwolken vom Hürtgenwald und dann dem Vennfeuer gefahren bin, habe ich geweint und geschrien."
"Es war so trocken in den letzten Wochen. Als das Feuer ausbrach, war mir klar: Das wird eine Katastrophe."
Das Feuer, berichtet Betty, war ziemlich nah an ihrem Haus. Noch am selben Tag packte sie deshalb einen Notfallkoffer – für den Fall, dass sie evakuiert werden müsste. Reisepass, Geburtsurkunden, wichtige Unterlagen und ein paar Fotos kamen hinein.
Betty erzählt, wie anders die Umgebung plötzlich aussah: "Tagsüber wurde es dunkel, die Sonne verschwand hinter Rauch und ein tiefrotes Licht lag über der Gegend. Immer wieder roch es nach Feuer." Im Laufe des Wochenendes waren über Stunden Sirenen zu hören, Hubschrauber und sogar Panzer waren unterwegs. Betty sagt: "Für mich fühlte es sich an wie die Apokalypse."
Wie reagiert die Politik?
Am Dienstag brachte Regen etwas Entspannung. Im Hürtgenwald war das Feuer endlich unter Kontrolle, auch wenn es dort noch Glutnester gab. Auch bei den deutlich größeren Bränden im Hohen Venn half der Regen. Hunderte Einsatzkräfte waren aber weiterhin im Einsatz. Das Problem: Die Glut kann tief im Boden liegen. Bis die Brände tatsächlich vollständig gelöscht sind, könnte es deshalb noch Monate dauern.
Der Sommer 2026 ist rekordheiß und trocken. In Deutschland hat die Hitze bislang bereits rund 12.000 Menschen das Leben gekostet. Dazu kommen Waldbrände in mehreren Bundesländern und im Grenzgebiet.
Die Bilder von Feuer, Rauch und ausgetrockneten Landschaften könnten nun auch die Politik stärker unter Druck setzen. Die SPD-geführten Ministerien haben einen Aktionsplan für mehr Hitzeschutz in Deutschland vorgelegt. Sie wollen außerdem den Bund, stärker in die Pflicht nehmen. Bisher sind vor allem Länder und Kommunen gefragt.
"Im Kern fordert die SPD, Klimaanpassung und Naturschutz zur Chefsache zu machen."
Dafür müsste allerdings das Grundgesetz geändert werden. Doch selbst wenn sich die Politik darauf einigt, würde es dauern, sagt Katharina Thoms. Sie arbeitet im Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks zu den Themen Umwelt, Klima, Energie und Landwirtschaft.
Deshalb fordert die SPD zunächst einen nationalen Hitzeaktionsplan mit einem Schwerpunkt auf dem Gesundheitsschutz. Das könnten schnell umsetzbare Maßnahmen sein, wie Klimaanlagen, das Entsiegeln und Begrünen von Städten und das Anbringen von Wassersprühanlagen auf der Straße.
Unterscheidung zwischen Klimaanpassung und Klimaschutz
Doch Klimaanpassung ist nicht dasselbe wie langfristiger Klimaschutz. Anpassung bedeutet, sich auf die Folgen der Erderwärmung einzustellen. Klimaschutz soll dagegen verhindern, dass die Erderwärmung weiter voranschreitet. Dafür gibt es das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung. Das sieht zwar vor, Emissionen zu senken und Deutschland klimaneutral zu machen, erklärt Katharina Thoms. Doch laut Experten wird das nicht ausreichen.
Grüne und Linke haben die Vorschläge der SPD grundsätzlich begrüßt. Bei der Union hingegen stieß der Vorschlag des Koalitionspartners SPD zunächst auf Ablehnung. Das Argument: Der Bund tue bereits eine Menge. Inzwischen sei man aber bereit, über die Vorschläge nachzudenken, fasst Katharina Thoms den aktuellen Stand zusammen.
"Die Gesprächsbereitschaft bei der Union steigt, weil man bei den Bildern, die wir jetzt jeden Tag sehen, nicht so tun kann, als ob es das Thema nicht gibt."
Die Frage nach dem Geld
Der entscheidende Punkt dürfte für die Union die nötige Grundgesetzänderung sein, erklärt die Journalistin. "Dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit. Die Union müsste sich also beispielsweise mit der Linksfraktion einigen." Doch das ist für Teile der Union aus ideologischen Gründen kaum vorstellbar. Und dann ist da noch die Frage, wer die fälligen Maßnahmen bezahlt.
"Wenn Klimaschutz Chefsache wird, würde der Bund dann eine Finanzierungsverpflichtung eingehen, also Kohle rüberschieben müssen. Und darauf hat man nicht viel Lust."
"Jetzt kommt es darauf an, dass die SPD einen langen Atem beweist und zeigt, wie ernst sie es meint", sagt Katharina Thoms. Denn auch innerhalb der SPD gebe es unterschiedliche Interessen, wie Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil kürzlich unter Beweis stellte. Er machte möglich, dass Gelder aus dem Klima- und Transformationsfonds genutzt werden können, um Haushaltslücken zu schließen. Allein für 2027 sind laut Haushaltsentwurf 2,7 Milliarden Euro zum Verschieben vorgesehen.
Wo sich die Parteien am Ende einigen und woher das Geld für Klimaanpassung und Klimaschutz kommen soll, dürfte deshalb noch für Diskussionen sorgen.
Wie viel Klimadebatte bleibt, wenn der Sommer vorbei ist?
Es gibt aber noch ein anderes Risiko: Die Themen Klimaschutz und Klimawandel könnten von der Agenda verschwinden. "Wenn der Sommer vorbei ist und drei Landtagswahlen hinter uns liegen, könnten wieder andere Themen ganz oben stehen", sagt Katharina Thoms. Dann könnte es passieren, dass die Politik im kommenden Sommer wieder vor denselben Problemen steht – und erneut überrascht davon ist, wie heiß, trocken und brennbar Deutschland geworden ist.