Unglück oder menschliches Versagen?Brumadinho-Damm: Verfahren gegen TÜV Süd

In München wird gegen den Prüfkonzern TÜV Süd verhandelt. Brasilianische Kläger fordern über 600 Millionen Euro Schadensersatz, weil die Tochtergesellschaft des Konzerns den Damm von Brumadinho nur Wochen vor seinem Bruch zertifiziert hatte.

Bei dem Bruch eines Damms im brasilianischen Brumadinho sind im Januar 2019 durch eine Schlammlawine 272 Menschen getötet worden. Die Anlage gehörte zu einer Eisenerzmine. Die meisten Todesopfer waren Minenarbeiter.

"Dieser Staudamm wurde immer höher und höher. Irgendwann hat er das nicht mehr ausgehalten, ist gebrochen."
Philip Raillon, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Eine toxische Schlammlawine verwüstete die Landschaft in der Umgebung weiträumig. Betroffen waren Gemeinden bis in einer Entfernung von 120 Kilometern.

Klage gegen TÜV Süd

Die juristische Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen: Vor dem Landgericht München wird der Schadensersatzprozess gegen TÜV Süd fortgesetzt. TÜV Süd ist ein börsennotierter Prüfkonzern.

"Die Betroffenen wollen auch festgestellt wissen, dass es hier nicht ein Unglück war, sondern menschliches Versagen, das dazu geführt hat."
Philip Raillon, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Über 1500 Klagende und die brasilianische Gemeinde selbst werfen TÜV Süd vor, dass eine Tochtergesellschaft den Damm noch im September 2018 zertifizierte – trotz Sicherheitsmängeln und Hinweisen auf massive Risiken. Die Klagenden fordern Schadensersatz in Höhe von mehr als 600 Millionen Euro.

"Die entscheidende Frage ist, ob der TÜV bei dieser Zertifizierung gegen Regeln verstoßen hat. War er also unvorsichtig oder hätte er das Zertifikat eigentlich nicht erteilen dürfen?", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Philip Raillon.

Verfahren nach brasilianischem Recht

Bei dem Verfahren in Deutschland stützen sich die Betroffenen auf sogenanntes Deliktsrecht, erklärt Philip Raillon. "Es geht also nicht um einen Vertrag, den sie haben, an den der TÜV sich nicht gehalten hat – sondern sie sagen, sie wurden geschädigt und deswegen wollen sie Geld vom TÜV Süd."

Der Prozess ist unter anderem auch deshalb so komplex und langwierig, weil die Richter in München nach brasilianischem Recht urteilen müssen. Sie haben deshalb ein Gutachten erstellen lassen, das klären soll, wie denn das brasilianische Deliktsrecht solche Fragen beantwortet.

Der TÜV-Süd-Mutterkonzern vertritt hingegen den Standpunkt, der Dammbruch von Brumadinho sei zwar ein schreckliches Unglück und das Mitgefühl gelte den Opfern – aber TÜV Süd sei nicht involviert gewesen, außerdem seien alle brasilianischen Vorgaben, Zertifizierungen und Normen eingehalten worden.